Niederwil
«Der Zeitpunkt des EW-Verkaufs passt perfekt»

Der geplante Verkauf des Elektrizitätswerks (EW) bewegt in Niederwil die Gemüter. Abgestimmt wird am Dienstag, 30. Juni.

Lukas Schumacher
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Angeregte Diskussionen in Kleingruppen übers «Tafelsilber» Elektrizitätswerk. sL

Angeregte Diskussionen in Kleingruppen übers «Tafelsilber» Elektrizitätswerk. sL

Lukas Schumacher

Annehmen oder ausschlagen? Für den Verkauf des Elektrizitätswerks Niederwil liegt ein Angebot von rund 9 Millionen Franken auf dem Tisch.

Die AEW Energie AG, das Energieversorgungsunternehmen des Kantons Aargau, will das Werk zu diesem Preis kaufen. Laut Experte Markus Wey (Hermetschwil-Staffeln) handelt es sich um «einen Spitzenpreis, der deutlich über dem Zeitwert des Elektrizitätswerks liegt.» Rechnet man alle aktuellen Investitionen des Stromwerks Niederwil ein, dürfte sein effektiver Wert Ende 2015 rund 6 Millionen Franken betragen. Macht eine beträchtliche Differenz von 3 Mio. Franken zum Verkaufspreis.

Unter dem Boden

Vom Elektrizitätswerk Niederwil, das für 9 Millionen verkauft werden soll, sieht man wenig. Sowohl das 7,5 Kilometer lange Hochspannungs-Kabelnetz als auch das 41 Kilometer lange Niederspannungsnetz mit 535 Hausanschlüssen befinden sich im Boden. Zu einem schönen Teil sind auch die 13 Trafostationen unterirdisch angelegt. 38 Verteilkabinen und 1340 Stromzähler komplettieren das EW Niederwil.
Das Werk versorgt 1150 Privatkunden, den Reusspark und weitere 35 Grosskunden (= Bezüger mit einem Jahresverbrauch von mehr als 10 000 Kilowattstunden) mit Strom. Der jährliche Energieumsatz des EW Niederwil beträgt knapp 15 Millionen Kilowattstunden. (sl)

«Wäre ein blendendes Geschäft»

Die Frage, ob die Gemeinde Niederwil das EW veräussern oder behalten soll, bewegt die Gemüter. Eine Informationsveranstaltung der Ortsparteien verlief lebhaft. In der Diskussion wurden nicht nur Argumente für und gegen den Verkauf ausgetauscht. Es war auch mehrfach zu hören, dass mit dem lokalen Werk, das die Gemeinde seit über 100 Jahren besitzt, Emotionen verbunden sind.

Gemeinderat und Finanzkommission sind einhellig für die Veräusserung. «Das wäre ein blendendes Geschäft zugunsten der Gemeinde und Dorfbewohner», sagte Gemeindeammann Walter Koch. Das Geld käme sehr gelegen, der Zeitpunkt passe perfekt. Denn Niederwil stehe vor happigen Investitionen, darunter 12 Millionen für die Erneuerung der Schulanlage und des Gemeindehauses. Zudem werde das Geschäft den Steuerfuss beeinflussen. Gemäss den Berechnungen von Gemeinderat und Finanzkommission steigt der Steuersatz ohne Verkauf um 5 Prozentpunkte und er taucht beim Verkauf um 2 Prozentpunkte. Demnach beträgt der Niederwiler Steuerfuss 2016 entweder 104% oder 97%. Einige Versammlungsteilnehmer, so auch Unternehmer Alois Waser, schlossen sich Kochs Argumenten an. Waser sprach von einer «tollen, einmaligen Chance».

«Strompreis würde steigen»

Auch kritische Voten wurden laut. Bei einem Verkauf würde die Gemeinde für immer auf die lukrativen Einnahmen der Netznutzung verzichten, gab ein Versammlungsteilnehmer zu verstehen. Auch deshalb sei der Strompreis für die Kunden in Niederwil sehr bescheiden. Ähnlich argumentierte Pius Schüepp: «Nach dem Verkauf wird der Strompreis deutlich steigen.» Der EW-Kaufpreis fusse auf einer Konzessionsdauer von 25 Jahren. Danach bestehe für die Gemeinde ein Rückkaufsrecht zum Betrag von rund 5,7 Mio. Franken. «Einmal weg ist aber weg», meinte Schüepp, «die Gemeinde wird das Werk garantiert nicht zurückkaufen.» Daher falle der Einfluss auf den Strompreis dahin.

In der Tat würden die Stromrechnungen in Niederwil nach dem EW-Verkauf höher ausfallen. Fantasiepreise stehen freilich nicht zur Debatte. Vielmehr würde die Käuferin AEW Energie den Niederwiler Kunden die gleichen Strompreise bieten, die sie in über 80 weiteren Gemeinden im Aargau verlangt. Der EW-Verkauf ist das Hauptthema der Sommergmeind vom Dienstag, 30. Juni, um 20 Uhr in der Mehrzweckhalle Niederwil.