Eigentlich ist er gar kein Wikinger, sondern Optiker. Und eigentlich lässt er sich auch nicht von Drachenbooten durch die nordischen Fjorde rudern, sondern pendelt jeden Tag mit dem Zug von Nussbaumen nach Winterthur. Doch an den Wochenenden ist all dieses Eigentliche weit fort. Dann schultert er Wolfsumhang, Schwert und Schild und wird vom Geschäftsführer zu Jarl Isolfur, dem Eiswolf, der über seine eigene Wikinger-Sippe gebietet. Mit ihnen zieht er in den Kampf, trinkt am Feuer Met und hört den alten Geschichten zu.

Mit bürgerlichem Namen heisst er Raphael Thomann und stammt aus Villmergen. Seine beiden Leben könnten nicht unterschiedlicher sein. Aber genau das mag er – und ab und zu spielen auch Teile des einen Lebens ins andere hinein. Zum Beispiel, wenn er abendsnach der Arbeit zusammen mit seiner Freundin und Schildmaid Jasmin «Kauna» Arndt im Wald Harz für Räucherwerk sammelt, selber Kleider näht oder neue Rundschilde für sein Heerlager herstellt – so authentisch wie möglich natürlich. Doch wie kam der junge Jarl zu diesen zwei Leben?

Kettenhemd vom ersten Lohn

In Villmergen aufgewachsen, war Raphael Thomann schon als kleiner Junge von Geschichte fasziniert. «Mit meinem allerersten Lehrlingslohn kaufte ich mir ein Kettenhemd und ein Schwert und ging damit auf meinen ersten Mittelaltermarkt in Lenzburg», erinnert er sich strahlend. «Ich weiss noch, ich trug damals schwarze Lederschuhe, schwarze Jeans, ein Poloshirt und darüber das Kettenhemd. Es war so heiss, dass die Kettenglieder Brandabdrücke auf meinem Arm hinterliessen», lacht er. «Man sah natürlich sofort, dass ich ein Anfänger war. Heute würde ich so jemanden ansprechen. Und so kam auch damals jemand auf mich zu, gab mir seine Nummer und fand, falls ich bei einer eigenen Wikingergruppe mitmachen wolle, soll ich mich melden.»

Und schon war die Idee geboren. Anderthalb Jahre war er Mitglied des Basler Clans und trainierte Schwertkampf und Verteidigung mit allen möglichen Gegenständen. «Doch für die Mittelaltermärkte hatte ich wegen der Lehre und später wegen des Militärs bald schon keine Zeit mehr.» Ein Jahr lang war er auch mit Swisscoy im Kosovo.

Alkoholverbot vor dem Kampf

Einer seiner Ausbildner im Militär war aber ebenfalls im Herzen Wikinger, sodass sich die beiden bald so gut verstanden, dass sie 2014 gemeinsam das wikingerzeitliche Heerlager Torgus Caturix («Familie des helvetischen Kriegsgotts Caturix») gründeten. Sie kauften Zelte, wobei Thomann als Jarl, also Oberhaupt des Clans, die ganze Organisation unter sich hatte. «Viele glauben, es sei einfach ein Hobby, bei dem es vor allem ums Verkleiden und Trinken geht, wie Fasnacht halt.»

Aber sowas sollte man nie laut vor einem Clanmitglied sagen. «Es hat überhaupt nichts mit Fasnacht zu tun, es ist für uns eine Lebenseinstellung, eine Gemeinschaft. Und zum Thema Alkohol: Klar trinken wir am Abend am Feuer unseren Met, aber bevor die Kämpfe vorbei sind, gilt striktes Alkoholverbot. Und wenn wir abends wie am Mittelaltermarkt in Bremgarten noch zum Wachdienst eingeteilt sind, wird ebenfalls kein Schluck getrunken.»

So kämpfen Wikinger

Training bei jedem Wetter

Etwa alle zwei Wochen trainieren die Wikinger von Torgus Caturix auf dem Heitere in Zofingen den Kampf mit Schwert, Axt, Langwaffe, Schild oder blossen Fäusten. «Wir machen keine Shows oder kämpfen nach Drehbuch, wir kämpfen richtig. Doch es geht immer fair zu bei uns.» Sie trainieren und kämpfen selbst bei Hitze, Sturm, Regen oder Schnee. «Wir sind keine Schönwetterwikinger», lacht Jarl Isolfur. «Wir sind auch die einzigen, die noch im Winter ihr Heerlager aufstellen.» Er meint den Mittelaltermarkt in Stein am Rhein vom 14. bis 16. Dezember.

Aber die Kämpfe sind nur ein Teil. «Es ist auch einfach schön, an Mittelaltermärkten Leute zu treffen, die unsere Leidenschaft teilen. Abends gibt es nichts Schöneres, als gemeinsam unter dem Zeltdach am Feuer zu sitzen, zu reden, Geschichten zu hören und das Leben zu leben, das uns gefällt.» Dabei ist ihm wichtig, dass er zwar Jarl und somit Chef-Wikinger seines Heerlagers ist, aber dass bei den Wikingern schon immer Gleichberechtigung herrschte. «Es war so, dass der Mann nach aussen hin der Chef war, innerhalb des Hauses war aber die Frau Chefin, ihr Wort wurde respektiert.»

Starke Frauen, poetische Männer

Die Frauen von Torgus Caturix sind starke Kämpferinnen und verschaffen sich ihren Respekt auch selbst: nicht nur im Haus, sondern auch im Schildwall oder als Bogenschützinnen. Die Männer sind kampferprobt, wirken nach aussen gar angsteinflössend. Doch im Herzen sind sie, wie ihre nordischen Vorbilder, doch meist freundliche, liebe Menschen.

Einer, der im Schildwall wohl am gfürchigsten dreinschaut, erzählte am Feuer im Bremgarter Lager gar selbst geschriebene Geschichten über die Clanmitglieder. An solchen Abenden erkennt man nicht nur die Faszination der Teilzeit-Wikinger, sondern spürt auch den Zusammenhalt, den Thomann erwähnt. Die Erinnerungen an diese Tage sind es, die ihn auch in seinem «normalen» Leben immer wieder von Herzen lächeln lassen.

Mehr Infos unter www.torgus-caturix.com