Villmergen
Der Villmergerkrieg war die blutigste Schlacht auf Schweizer Boden

Vor dreihundert Jahren starben im Zweiten Villmergerkrieg über 4000 Soldaten. Einer der über das Ereignis Bescheid weiss, ist der Kantonsschullehrer und Historiker Josef Kunz aus Villmergen.

Andrea Weibel
Drucken
Teilen
Historiker Josef Kunz beim Gedenkbrunnen, der seit 1959 an die über 4000 Opfer des Zweiten Villmergerkrieges erinnert.aw/archiv

Historiker Josef Kunz beim Gedenkbrunnen, der seit 1959 an die über 4000 Opfer des Zweiten Villmergerkrieges erinnert.aw/archiv

Ein neues Buch, ein Theater und eine offizielle Gedenkfeier – alles zum 300. Jahrestag des Zweiten Villmergerkrieges vom 25. Juli 1712. Doch was ist damals eigentlich passiert? Sehr gut darüber Bescheid weiss der Kantonsschullehrer und Historiker Josef Kunz aus Villmergen, der sein Wissen am letzten Samstag in der Sendung «Zeitblende – 300 Jahre nach der Schlacht von Villmergen» auf Radio DRS 4 weitergegeben hat.

Dorf lag nahe der Grenze

1712 fand nach 1656 bereits die zweite wichtige Schlacht in Villmergen statt. Weshalb ausgerechnet das Freiämter Dorf? Kunz erklärt: «Villmergen liegt nahe an der politischen und konfessionellen Grenze. Das damals katholische Villmergen und das reformierte Dintikon liegen nur etwa eineinhalb Kilometer auseinander.» Dazwischen liegt das Langelenfeld, wo die beiden Villmergerkriege ausgefochten wurden.

Hintergrund des Zweiten Villmergerkrieges war der konfessionelle Graben zwischen den katholischen Innerschweizern – wozu bis dahin auch die Freiämter zählten – und den reformierten Bernern und Zürchern. Doch die Schlacht – mit 4000 Opfern die blutigste auf Schweizer Boden – hatte auch wirtschaftliche Komponenten: «Die katholischen Orte der Innerschweiz waren wirtschaftlich sehr rückständig, während die protestantischen Orte Zürich, Bern und Basel wirtschaftlich viel weiter waren. Das war ein entscheidender Grund für die Rivalität der beiden Lager.»

Damit die Soldaten nicht flohen

In den katholischen Gebieten der Schweiz (Innerschweiz, Wallis, Freiburg und Solothurn) lebten rund 300000 Menschen, in den protestantischen Gebieten waren es rund 700000. «Die Bevölkerung war zu 90 Prozent in der Landwirtschaft tätig. Von der ungefähren Million Einwohner der Eidgenossenschaft waren etwa 80 Prozent Untertanen», berichtet Kunz. Aus diesen setzten sich auch die beiden Heere zusammen. Die Katholiken traten mit rund 11000 Soldaten an, die Reformierten mit etwa 10000. «Man weiss von der Berner Seite, dass die Kavallerie in der hintersten Reihe war, damit die Soldaten, die einfache Bauern und Untertanen waren, nicht die Flucht
ergreifen konnten.»

Auslöser für den zweiten Villmergerkrieg war der Streit zwischen den mehrheitlich reformierten Toggenburgern und deren Herrn, dem katholischen Abt von St. Gallen. In der Folge fielen die Berner im Freiamt ein, wo sie auf die Innerschweizer trafen.

Berner taktisch überlegen

Die Berner seien den Innerschweizern zahlenmässig unterlegen gewesen, dafür waren sie «taktisch, rüstungs- und führungsmässig besser», sagt Kunz. Sie waren besser bewaffnet und ihre Offiziere waren in Holland ausgebildet worden. Sie liessen ihre Soldaten in breiten Reihen hintereinander und mit einigem Abstand marschieren, «sodass im Falle von Kanonenschüssen nicht so viele Menschen umkamen». Die Innerschweizer traten stattdessen «wie bei Sempach ganz eng zusammen» an, sodass «die Berner
Artillerie mit ihren Kanonenschüssen unglaublichen Schaden anrichten konnte». So fielen auf der katholischen Seite über 3000 Soldaten, während die Protestanten rund 1000 Tote zählten.

Schlacht wogte hin und her

Dass die Berner die Schlacht gewannen, war aber trotz ihrer technischen Überlegenheit nicht immer klar: «Der Kampf ging stundenlang hin und her.» Erst als die Berner von Meisterschwanden her Unterstützung erhielten, konnten sie den Kampf abends um 18 Uhr für sich entscheiden. Die Militärhistoriker seien sich laut Kunz dennoch nicht einig, ob es Glück war, das den Bernern zum Sieg verhalf, ob es an ihrer Taktik oder am morastigen Gelände lag, in das sie die Innerschweizer zurückdrängen konnten.

Nach dem Zweiten Villmergerkrieg wurde das untere Freiamt im Frieden von Aarau an die Berner und Zürcher abgetreten. Die Konfessionsfrage verlor an politischer Brisanz, denn die 13 Orte setzten ein Schiedsgericht ein, das künftig über konfessionelle Streitigkeiten entscheiden sollte.

1959 wurde in Villmergen ein Gedenkstein mit Brunnen aufgestellt. Er soll an die Opfer erinnern und ein Zeichen setzen, «dass es nie mehr so etwas geben soll in der Schweiz. Das kann man nicht genug unterstreichen», ist Josef Kunz wichtig.

Das ganze Radio-Interview ist unter www.drs.ch/zeitblende zu finden