Grossratswahlen
Der unaufhaltsame Niedergang der Aargauer CVP

Nicht zum ersten Mal hat die christdemokratische Volkspartei am Sonntag in ihren einstigen Hochburgen Bremgarten und Muri verloren. Für die Aargauer CVP wird es enger und enger - jetzt auch in den Stammlanden.

Toni Widmer
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CVP-Grossrat Peter Voser (links) diskutiert am Sonntag die Wahlresultate. Die erfolgreiche Kampagne von Markus Dieth für die Regierung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die CVP im weniger ankommt.

CVP-Grossrat Peter Voser (links) diskutiert am Sonntag die Wahlresultate. Die erfolgreiche Kampagne von Markus Dieth für die Regierung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die CVP im weniger ankommt.

Sandra Ardizzone

Nach den Grossratswahlen am 15. März 1981 sah die Welt für die CVP im Freiamt rosig aus. Im Bezirk Muri kam sie auf einen Wähleranteil von sagenhaften 55,2 Prozent, im Bezirk Bremgarten waren es 44,83 Prozent.

Der schwarze Erdteil, wie vor allem das Oberfreiamt wegen der Übermacht der CVP damals bezeichnet wurde, hatte einmal mehr bewiesen, dass er diese Bezeichnung zu Recht trug. Im kantonalen Mittel lag die CVP vor 35 Jahren nur bei 24,64 Prozent, knapp vor der SP mit 24,09 und der FDP mit 22,44 Prozent.

Die SVP kam damals im Aargau zwar bereits auf 16,9 Prozent der Wählerstimmen. Im Bezirk Muri war sie hingegen mit 9,87 Prozent noch nirgends und im Bezirk Bremgarten mit 12,61 Prozent nicht viel weiter.

Von nun an gings bergab

Während die SVP seit 1981 praktisch Jahr für Jahr zugelegt hat, machte es die CVP im Freiamt genau umgekehrt. Im Bezirk Bremgarten brach die Partei in den nächsten 20 Jahren um über die Hälfte ein und konnte 2001 noch einen Wähleranteil von 20,59 Prozent verbuchen. In Muri ging es ebenfalls abwärts, aber nicht ganz so schnell.

Zwischenzeitlich konnte sich die CVP im Oberfreiamt sogar wieder etwas erholen. 1993 war sie auf 32,3 Prozent eingebrochen, vier Jahre später holte sie jedoch wieder einen Wähleranteil von 42,61 Prozent. 2001 lag sie ebenfalls wieder auf 32,3 Prozent, legte 2005 jedoch wieder auf 39,7 Prozent zu. Das war allerdings das definitiv letzte Aufbäumen.

Von nun an gings endgültig bergab. Die 24,4 Prozent Wähleranteil vom Sonntag bedeuten den vorläufigen Tiefpunkt. Innerhalb von 35 Jahren hat die CVP im Oberfreiamt 30,8 Prozent Wähleranteil verloren. Im Bezirk Bremgarten lag die CVP am Sonntag bei 15,2 Prozent und damit um 29,6 Prozent tiefer als vor 35 Jahren.

FDP ebenfalls auf Verliererseite

Die CVP war mit ihrem Niedergang im Bezirk Muri allerdings nicht allein. Die FDP hat in den letzten 35 Jahren ebenfalls massiv an Wähleranteil eingebüsst. 1981 lag sie noch bei 20,52 Prozent, 2012 waren es mit 9,9 Prozent nicht einmal mehr die Hälfte. Jetzt hat sie sich mit einem Zuwachs auf 11,4 Prozent ganz leicht erholt.

Die SP hingegen blieb im Bezirk Muri weitgehend konstant. Sie lag vor 35 Jahren bei einem Wähleranteil von 14,4 Prozent, kletterte zwischenzeitlich (1997) auf 17,3 Prozent, sank 2012 auf das bisherige Rekordtief von 10,23 Prozent und liegt nach dem erfolgreichen Wahlsonntag wieder bei 13,28 Prozent.

Im Gegensatz zum Bezirk Muri ist die FDP im Bezirk Bremgarten über die letzten 35 Jahre relativ konstant geblieben. 1981 wies sie einen Wähleranteil von 19,61 Prozent aus, 2009 erreichte sie mit 12,46 Prozent das bisher tiefste Resultat und liegt jetzt wieder bei vergleichsweise guten 16,2 Prozent. Die SP hingegen konnte gesamthaft gesehen über die Jahre sogar zulegen. Vor 35 Jahren lag sie im Bezirk Bremgarten bei 15,06 Prozent, 1989 erreichte sie mit 11,49 Prozent das bisherige Tief und am Sonntag hat sie mit ihren 17,5 Prozent sogar erstmals die CVP überflügelt.

SVP im Dauer-Höhenflug

Die SVP lag 1981 im Bezirk Bremgarten bei einem Wähleranteil von 21,6 Prozent und im Bezirk Muri bei 9,87 Prozent. Seither geht es für diese Partei in beiden Bezirken an den Grossratswahlen, abgesehen von ein paar wenigen leichten Einbrüchen, praktisch nur noch bergauf. Im Bezirk Bremgarten konnte sie ihren Wähleranteil in den letzten 35 Jahren um 22,5 auf 35,1 Prozent steigern, im Bezirk Muri um 26,8 auf 36,69 Prozent.

Die Erklärungen fehlen

Warum die CVP in ihrem Stammland Freiamt in den vergangenen Jahrzehnten so viel Federn lassen musste, weiss niemand so recht. Die Erklärungen fehlen. «Ich bin mehr oder weniger ratlos», sagt beispielsweise Herbert Strebel, der Murianer Bezirksparteipräsident.

Er und Ralf Bucher sind am Sonntag mit sehr guten Resultaten als Grossräte wiedergewählt worden, die Partei hingegen hat erneut verloren: «Die Stimmberechtigten sind offenbar mit unserer Arbeit zufrieden, aber nicht mit der Partei», sagt Strebel und rätselt über die Gründe: «Liegt es daran, dass es heute mehr Mitteparteien hat als früher? Welche Rolle spielt die tiefe Wahlbeteiligung? Warum gelingt es uns nicht, junge Leute anzusprechen? Hat es mit dem C im Parteinamen zu tun? Wir müssen», sagt Herbert Strebel, «auch nach diesen Wahlen über die Bücher.»

CVP auf nationaler Ebene noch schwächer

Mit ihren 24,04 Prozent Wähleranteil bei den Grossratswahlen ist die CVP im Bezirk Muri noch vergleichsweise gut dran. Auf eidgenössischer Ebene liegt der Wert bereits wesentlich tiefer. Bei den Nationalratswahlen im Oktober 2015 erreichte die CVP im Bezirk Muri noch lediglich 16,3 Prozent, 27,8 Prozent weniger als die SVP, die ihren Wähleranteil von 37,7 auf 44,1 Prozent gesteigert hatte.

Auch bei den Nationalratswahlen ist die CVP im Freiamt seit Jahrzehnten im Krebsgang. Bei den Nationalratswahlen von 1975 erreichte die CVP im Bezirk Muri noch einen Wähleranteil von 53,3 Prozent, vier Jahre später waren es sogar 56,2 Prozent. Seither hat sie rund 40 Prozent verloren. Im Bezirk Bremgarten sieht es ähnlich aus: dort hat die CVP 1979 bei den Nationalratswahlen einen Wähleranteil von 37,9 Prozent ausweisen können, bis 2015 ist dieser auf 10,7 Prozent abgesackt.

Konturen zu wenig scharf

Peter Wertli, der ehemalige Freiämter CVP-Regierungsrat, hat den Sinkflug der Partei vor einem Jahr wie folgt analysiert: «Die heutige CVP ist aus einer Fusion der Katholisch-Konservativen (KK) und den Christlichsozialen (CSP) entstanden. Ihr politisches Spektrum reicht somit recht weit von rechts bis links. Das macht es insbesondere dann schwierig, wenn es gilt, prägnante Abstimmungsparolen mit markantem Positionsbezug zu fassen.»

Weil man schon parteiintern um Kompromisse ringen müsse, hätten die Parolen der CVP oftmals zu wenig scharfe Konturen: «Das führt dazu, dass die Partei für Aussenstehende ab und zu zu wenig fassbar ist. Sie erkennen nicht auf Anhieb, wo diese Partei steht.» Die SVP mit ihren einfachen Parolen habe es deutlich leichter, ihre Botschaften an den Wähler zu bringen.

Mitgespielt hat für Peter Wertli wohl auch der Versuch der traditionell in ländlichen Regionen starken Partei, in urbane Räume vorzudringen: «Die CVP ist schon durch den Zusammenschluss von KK und CSP offener geworden, die Bemühungen, die Wählerschaft in den urbanen Räumen anzusprechen, haben diese Tendenz noch verstärkt.» Mit ihrer neuen Ausrichtung, so glaubt Wertli, habe die Partei jedoch konservative Wähler in den Stammlanden verloren, ohne das in den urbanen Gebieten kompensieren zu können.

Theo Fischer, der heute 79-jährige ehemalige SVP-Grossrat und Nationalrat aus Hägglingen, sagte vor einem Jahr zum Ausgang der Nationalratswahlen, der Untergang der CVP habe seiner Meinung nach 1991 so richtig begonnen: «Bis zu jenem Zeitpunkt war Aussenpolitik in der Schweiz nicht gross ein Thema. Dann kam die Europadiskussion und die CVP hat sich sehr europafreundlich gegeben. Diese Haltung hat sie ihrer konservativen Wählerschaft im ländlichen Raum jedoch nur schwer oder eben gar nicht erklären können. Die SVP hat mit ihrer europakritischen Haltung sicher einige von diesen Wählern abholen können.»