Wohlen
Der Theaterautor, der sich nicht traute

az-Autor Jörg Meier ist seit je mitverantwortlich für die Begorra-Texte – begonnen hat alles im Winter 1980/81. Seither lebt er den Zauber des Theaters mit Haut und Haaren. Eigentlich ist er aber Journalist und Lehrer.

Andrea Weibel
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Jörg Meier an seinem Schreibtisch, wo das neue Begorra-Stück «Warten auf Guido» entstanden ist.

Jörg Meier an seinem Schreibtisch, wo das neue Begorra-Stück «Warten auf Guido» entstanden ist.

Alex Spichale

Der schwierigste Moment für einen Theaterautor ist die erste Leseprobe», sagt Jörg Meier. «Da sitzen 30 erwartungsvolle Leute um dich herum und lesen dein Stück laut vor. Bei einfachen Witzen lachen sie. Aber ich weiss: Keiner versteht das Stück auf Anhieb.»

Ähnlich war es auch bei der ersten Leseprobe von «Warten auf Guido», dem neuesten Streich des Wohler Begorra-Theaters. Doch nur ähnlich, denn Begorra ist anders: «Uns war immer wichtig, dass jeder alles darf», sagt Meier.

«So begann die Arbeit am neuen Stück mit einem Workshop im Haldenkeller, bei dem alle, die wollten, ihre Ideen einbringen konnten.» Aus den Ideen flocht Meier Geschichten – und aus den Geschichten entstand schliesslich das Stück «Warten auf Guido».

«Viele Ideen, wenig Struktur»

Das allererste Stück, das der Wohler als Co-Autor für die Theatergruppe mitgeschrieben hat, war 1981 der Western «Begorra, Stadt am Fuss der linden Berge». Damals entstanden die Texte noch ganz anders: «Texten war eine Gemeinschaftsproduktion und begann mit den legendären Schreibabenden in der WG in der Wohler Rigistrasse.»

Die WG war auch ein Treffpunkt der alternativen Szene und gab viel zu reden im Dorf. Neben dem heutigen Regisseur Adi Meyer und dem Begorra-Präsidenten Hans Melliger wohnten dort zeitweise auch Regierungsrat Urs Hofmann und Dani Burg, heute Schulleiter im Reusstal.

«Es waren feucht-fröhliche Abende. Wir bastelten manchmal an der Handlung und den Figuren, bis es hell wurde.» Zusammenfassend sagt Meier lachend: «Es ergaben sich viele Ideen, aber wenig Struktur. Wir waren lustig und kreativ, hatten pro Abend mindestens 77 Gags produziert, aber wir kamen nicht vorwärts.»

Dass nach drei Wochen der Schluss des Stücks noch nicht klar war, ist nur eine von vielen Anekdoten aus der Zeit.

Eine neue Dimension

Irgendwann musste dann doch der Schreiber übernehmen, der die Handlung verdichtete und «die Knochenarbeit macht». Denn: «Schreiben ist eine einsame Tätigkeit», sinniert der 60-Jährige.

Durch das erste Stück hat Jörg Meier erstmals begriffen, «welche wunderbare Kraft das Schreiben haben kann». In einem ersten Schritt bringe man die Geschichte aus den Köpfen aufs Papier, und im zweiten Schritt werde sie auf der Bühne mit Leben gefüllt.

«Es entsteht quasi eine neue Dimension. Sie nimmt die Einsamkeit des Schreibens und verwandelt sie in eine kleine Welt, in die Schauspieler und Zuschauer eintauchen können.»

An dieser Stelle merkt man, dass Meier mit Leib und Seele Theaterautor ist – wenn er denn mal eines schreibt. Hauptberuflich ist er Journalist und Lehrer. Doch nach der wunderbaren Erfahrung mit dem ersten Begorra-Stück 1981 hätte er sein Leben am liebsten ganz der Bühnenwelt verschrieben.

«Aber ich habe mich nicht getraut», sagt er ehrlich. Sein «Mitbegorraner» Adi Meyer (Regie) hat den Schritt gewagt und seine Leidenschaft, die er durch Begorra entdeckt hat, zum Beruf gemacht.

Doch Meier hat seine Entscheidung, nur ab und zu Theaterstücke zu schreiben, sich in seinem Leben aber dennoch der Sprache zu widmen, nie bereut. «Ich glaube, wenn ich nur noch Stücke schreiben müsste, könnte ich gar nicht mehr meine Leidenschaft und mein ganzes Herz hineinlegen.»

Dann wäre er auch nicht mehr so voll wohliger Wehmut, wenn er von der jeweiligen Welt, in die er durch die Stücke eintaucht, wieder Abschied nehmen muss. Doch auch das gehört zum Zauber des Theaters, den Meier mit Haut und Haar leben kann.

«Absolut unvernünftig»

In «Warten auf Guido» stecken nicht nur Leidenschaft und Herz, sondern auch jede Menge Philosophie, Melancholie und Freude am Schauspiel. Ganz zu schweigen von einem gehörigen Brocken Humor.

Das passt nicht zusammen? Es mag schwer vorstellbar sein, doch wer könnte ein tiefgründiges, teilweise trauriges und gleichzeitig witziges Theaterstück schreiben, wenn nicht der Autor der beliebten az-Kolumne «Meiereien»?

«Ich wollte nicht einfach ein Klamauk-Stück schreiben, das wäre mir vorgekommen wie eine Vergeudung der vielen Talente, die wir bei Begorra haben», erklärt der Wohler.

Die Begorraner sehen das genauso. In Meiers Worten: «Es ist absolut unvernünftig, dass wir einen so gigantischen Aufwand betreiben: Die Halle, in der wir spielen, ist riesig und wird Teil des Theaters – wie die Schauspieler, der Regisseur, die eigens dafür geschriebene Musik, das Restaurant. Es ist mutig und wunderbar, dass wir gemeinsam dieses Abenteuer wagen.»

Meier lacht herzlich. «Und wir wissen nicht, wie es herauskommt, ob das Stück funktioniert. Das sehen wir am 15. Mai.» Doch das Wichtigste sei, dass sie eine schöne Zeit hätten.

«Ziel ist es, dass jeder Zuschauer etwas vom Theaterabend in der Halle mitnehmen kann, was ihm guttut», hält Meier fest. «Und wenn er findet, das Theater war okay, aber das Essen danach war fantastisch, dann ist das für mich auch in Ordnung.»

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