Eine Beiz wird von drei Männern überfallen. Sie nehmen die 17 anwesenden Gäste, die gerade fröhlich beim Bier sitzen, als Geiseln, ohne vorerst eine Forderung zu stellen. Zum Glück ist der Wirt nicht unter den Geiseln, denn er ist auch Gemeindepräsident seiner Gemeinde. Somit wird wenigstens die Gemeinde nicht führungslos.

Der Chef der Regionalpolizei, Ricardo Orsel, und sein Stellvertreter, David Salmen, sind sofort vor Ort, müssen aber erkennen, dass sie diese Herausforderung allein nicht bewältigen können. Eine Anfrage um Unterstützung in einer grösseren Gemeinde wird allerdings abschlägig beantwortet. Der dortige Chef, Markus Valy, trommelt genervt mit den Fingern auf die Schreibtischplatte: «Nein», sagt er bockig zu seinem Kollegen, «ihr bekommt schon den Posten der Kantonspolizei für das ganze Freiamt, also schaut selber, wie ihr klarkommt.» Orsel bleibt nichts anderes übrig, als direkt in Aarau anzurufen.

Kommissar Sepp Eigensatz ist ein Eigenbrötler. Seine Frau ist ihm davongelaufen, seine mürrische Art erträgt nur seine Assistentin, Sonja Mettler, die als alleinerziehende Mutter extra wegen der Geiselnahme blitzartig eine Betreuung für ihre zwei kleinen Buben organisieren muss. Sie streicht sich die langen, dunklen Haare in den Nacken und macht sich, wie Eigensatz, auf dem schnellsten Weg in die Aargauer Provinz, ins Freiamt. Im Sitzungszimmer der Gemeinde treffen sie mit dem Gemeindepräsidenten zusammen. Er ist der Einzige, der die Gebäulichkeit seiner Beiz genau kennt. «Über das Getränkelager», meint er, «ist am ehesten ein Zugriff möglich. Aber man muss aufpassen, weil die Flaschen bei jeder Berührung leise klirren.» Eigensatz knurrt etwas Unverständliches in seinen grauen Bart, und Mettler sagt: «Das Leben der Geiseln darf auch keinen Fall in Gefahr kommen.»

In der Zwischenzeit hat die Polizei die Beiz grossräumig abgesperrt. Der Chef der Lokalzeitung hat das grosse Teleobjektiv hervorgeholt, Tele M1 ist da, die AZ gleich mit zwei Leuten, auch eine Mitarbeiterin des Anzeigers für das Oberfreiamt hat sich eilig von Sins her auf den Weg gemacht. Sicherheitshalber sind mehrere Ambulanzen bestellt worden; alle stehen mit rotierenden Blaulichtern vor der Beiz. «Sicher Ausländer», lässt sich ein Vertreter der SVP verlauten. «Vielleicht ist der Überfall gar nicht kriminell, sondern ein Protest gegen die immer krasseren Sparmassnahmen beim Kanton», hofft die SP, politisches Kapital aus der Situation schlagen zu können. Die CVP will bei einer Freilassung von Geiseln Familien bevorzugt behandelt wissen, und die FDP unterstreicht ihre Forderung, dass Geld nur fliessen darf, wenn etwas dabei herausspringt. Eine verzwickte Situation für Eigensatz und Mettler. Nur der Bauernverband Aargau, in der gleichen Gemeinde domiziliert, hat sich noch nicht zum Vorfall geäussert. Immerhin erklärt Grossrat Hubert Strobel, er wolle eine Interpellation einreichen, um Klarheit über den ganzen Polizeieinsatz zu erhalten. Schliesslich sei der Bahnverkehr im Freiamt, ohnehin nicht mit besonders guten Anschlüssen gesegnet, ebenfalls beeinträchtigt worden.

Wie Kommissar Eigensatz und seine Assistentin Mettler den Fall zu Ende bringen, sei hier nicht verraten. Nur so viel: Orsel und Salmen von der Repol haben schlussendlich die rettende Idee. Alle Geiseln kommen frei und sind wohlauf. Die Geiselnehmer können ohne Blutvergiessen dingfest gemacht und abgeführt werden. Sowohl Beiz als auch Beizer haben keinen Schaden genommen – jedenfalls ist das Lokal unseres Wissens zu den gewohnten Zeiten offen und die Gemeinderatssitzungen finden zu den üblichen Terminen statt. Eigensatz muss man irgendwie mögen, obwohl er aus Aarau kommt. Und Mettler sowieso: Ihre Mutter stammt ursprünglich aus Fenkrieden. Es ist klar: Der Schweizer «Tatort» gehört nicht nach Zürich, sondern endlich ins Freiamt.