Fischbach-Göslikon

Der Steuerfuss wird auf Kosten der Schule gesenkt

Nicole Seiler, Schulpflege-Präsidentin, im Schulhauskorridor, der notgedrungen auch ein Gruppenraum ist.

Nicole Seiler, Schulpflege-Präsidentin, im Schulhauskorridor, der notgedrungen auch ein Gruppenraum ist.

«Die Zitrone ist ausgepresst», sagt Nicole Seiler, Präsidentin der Schulpflege von Fischbach-Göslikon im Interview. Der Gemeinderat hingegen sieht keinen Bedarf für zusätzlichen Schulraum.

Der Gemeinderat von Fischbach-Göslikon will den Steuerfuss senken. Von aktuell 106 Prozent runter auf 99 Prozent. Ein unerwarteter Entscheid, den der Gemeinderat in der Broschüre zur Gemeindeversammlung, gestützt auf einen Kommissionsbericht, wie folgt begründet: «Die geplanten Kosten für den Schulraum, welche noch im letzten Finanzplan eine Steuersenkung verunmöglichten, werden nun nicht anfallen, da für die kommenden Jahre mit dem bestehenden Schulraum gearbeitet werden kann.» Eine Erklärung, welche Nicole Seiler, Präsidentin der Schulpflege der Gemeinde, konsterniert zur Kenntnis nimmt.

Der Steuerfuss in Fischbach-Göslikon wird gesenkt, freuen Sie sich?

Nicole Seiler: Als Privatperson freut mich das. Als Präsidentin der Schulpflege finde ich die Koppelung der Steuersenkung an die Nichtinvestierung in mehr Schulräume unglücklich.

Im Frühling fand eine Infoveranstaltung statt. Der Bedarf nach mehr Schulraum schien unbestritten. Warum ist jetzt plötzlich alles anders?

Für uns ist dieser Meinungsumschwung ein Rätsel. An der räumlichen Situation und den Schülerzahlen hat sich nichts geändert. Daher ist der Standpunkt der Schulpflege unverändert: Wir benötigen mehr Schulraum.

Können Sie das genauer erläutern?

Seit 2014 sind wir daran, die Schulräumlichkeiten so umzugestalten, dass wir die neuen Lehrformen, welche der Lehrplan 21 verlangt, umsetzen können. Der Lehrplan 21 legt viel Wert auf die Entwicklung der Selbstkompetenzen, welche mit individuellen und Gruppenarbeiten gefördert werden. Dies braucht jedoch Platz.

Platz, der jetzt fehlt?

Es geht schon, irgendwie. Auf einem Stock haben wir etwa minimalen Raum für Gruppenarbeiten. Die Klassen haben ihre Schulzimmer, als Gruppenraum wird der Korridor genutzt. Man ist auf engstem Raum, ganz nah zusammen.

Das ist vor allem für jene Schülerinnen und Schüler ein Problem, die sich leicht ablenken lassen. Dadurch kann die vom Lehrplan verlangte Selbstkompetenz nicht erreicht werden. Das Prinzip der Chancengleichheit wird verletzt.

Sie sagen, dass die Korridore als Gruppenraum genutzt werden. War dies einst als provisorische Massnahme angedacht?

Wir haben im Moment nur provisorische Massnahmen. Beim Textilen Werken wurde der Materialraum gestrichen. Dasselbe beim Kindergarten Löhrli. Aufgrund der steigenden Kinderzahlen musste der Kindergarten zulasten der Schulbibliothek vergrössert werden.

Diese wurde provisorisch in ein Schulzimmer integriert. Wir werden immer wieder vertröstet. Wie auch jetzt wieder. Dabei haben wir bereits vor fünf Jahren gesagt, dass wir bis 2020 mehr Platz brauchen.

Platz, den die Schule jetzt offensichtlich nicht bekommt.

Wir waren immer darum besorgt, so wenig Geld wie möglich auszugeben, und haben Lösungen gefunden. Aber immer unter dem Aspekt, dass dieser Zustand provisorisch ist. Doch jetzt ist die Zitrone ausgepresst.

Wir brauchen nun einfach mehr Platz. Unsere Situation ist vergleichbar mit einer fünfköpfigen Familie, die in einer 3-Zimmer-Wohnung lebt. Und ab dem nächsten Schuljahr sind es in der fünften und sechsten Klasse nochmals elf Kinder mehr als heute. Es wird also noch enger.

Wie geht es jetzt weiter?

Wir müssen uns mit der Situation abfinden. Es geht nicht anders. Wir haben alles gegeben und transparent über die prekäre Situation informiert. Jetzt sind uns die Hände gebunden.

Keine Hoffnung, dass die Gemeindeversammlung das Budget wegen des Schulraums zurückweist?

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Ich weiss nicht, wie vielen bekannt ist, dass die Gemeindeversammlung das übergeordnete Organ des Gemeinderates ist und jetzt die Eltern die Chance hätten, aufzustehen und zu sagen, wir wollen diese engen Platzverhältnisse nicht für unser Kind.

Gibt es jetzt einen Aufruf an die Eltern, an die Gemeindeversammlung zu kommen und das Budget abzulehnen?

Als Vertreterin der Schulpflege stimme ich gegen das Budget. Aber wir machen nicht mobil. Es soll sich jeder seine eigene Meinung bilden. Aber wenn es Eltern wichtig ist und sie nicht wollen, dass an der Schule und bei der Bildung der Kinder gespart wird, sollen sie an die Versammlung kommen und ihre Meinung vertreten.

Autor

Fabio Vonarburg

Fabio Vonarburg

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