Bremgarten
Der SP-Bezirkspartei-Präsident ist jetzt Schweizer: «Es kam zu skurrilen Situationen»

Mehrere Jahre führte Stefan Dietrich die lokale SP, obwohl ihm der rote Pass fehlte. Nun fordert er, dass Ausländer abstimmen dürfen.

Fabio Vonarburg
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SP-Bezirkspräsident Stefan Dietrich ist jetzt Schweizer und kandidiert im Herbst für den Nationalrat. Bild: Fabio Vonarburg

SP-Bezirkspräsident Stefan Dietrich ist jetzt Schweizer und kandidiert im Herbst für den Nationalrat. Bild: Fabio Vonarburg

Fabio Vonarburg

Als Stefan Dietrich vor 11 Tagen ins Couvert griff und das rote «Büechli» herauszog, war dies für ihn ein emotionaler Augenblick.

Einer, den er kurz darauf mit seinen Freunden und Bekannten auf Facebook teilte: «Wir freuen uns sehr darüber, nun auch auf diesem Weg dazuzugehören», schrieb Dietrich, der seinen Schweizer Pass zeitgleich mit seiner Frau und seinen drei Kindern erhielt. «Wir schlagen ein neues Kapitel auf», ergänzte er.

Ein Kapitel, in dem er nach 14 Jahren in der Schweiz nun auch selber abstimmen und wählen darf. Für den 44-Jährigen eine bedeutende Sache. Für ihn, für den politisieren zum Leben dazugehört. Für ihn, der seine Umgebung aktiv mitgestalten will und sich nicht so schnell davon abhalten lässt. Auch nicht von einem fehlenden Pass.

Der Parteipräsident, der nicht abstimmen darf

Im Reussstädtchen Bremgarten ist der frühere deutsche SPD-Politiker Dietrich schon lange eine feste Grösse und vielen ein Begriff. Als Mitglied der Jugendkommission. Als Präsident der Ortssektion der SP.

Als SP-Präsident des Bezirks Bremgarten. Und als Mitglied der Geschäftsleitung seiner kantonalen Partei. Wegen seiner vielen Ämter war für jene, die ihn nicht besser kennen, klar: Dietrich spricht zwar Hochdeutsch, aber er ist Schweizer. Erst jetzt trifft es zu.

«Meine Nationalität war innerhalb der Partei nie ein grosses Thema», sagt Dietrich im Gespräch. Weder als er Ortsparteipräsident wurde noch bei seiner Wahl zum Bezirkspräsidenten. Er dankt seiner Partei für das Vertrauen, einem Ausländer, der nicht abstimmen darf, die wichtigen Ämter anzuvertrauen.

Nationalratskandidat Arsène Perroud, Nationalrat Fabian Molina, SP Bezirksparteipräsident Stefan Dietrich

Nationalratskandidat Arsène Perroud, Nationalrat Fabian Molina, SP Bezirksparteipräsident Stefan Dietrich

«Was für meine Parteikollegen zählte, war stehts das Engagement für die Sache, für die Partei. Zudem war bei mir nie die Gefahr, dass ich das Amt nur mache, um eine gute Ausgangslage bei Wahlen zu haben.» Hin und wieder sei es aber zu skurrilen Situationen gekommen, führt Dietrich aus.

Etwa immer an den Gemeindeversammlungen in Bremgarten. Während seine Parteikollegen, seine Nachbarn und Freunde unten Platz nahmen, wurde er jeweils nach oben verbannt, auf die Tribüne im Casino. Konnte nur dabei zuschauen, wie unten im Saal die Schweizer über Geschäfte bestimmen, die er selber mitausgearbeitet hatte. Nächstes Mal darf er mitten unter ihnen sitzen. Mitbestimmen.

Wer Steuern zahlt, soll mitbestimmen dürfen

Abstimmen und wählen ist ein Privileg mündiger Schweizer. Ein Fehler, ist Dietrich überzeugt. Als frischgebackener Schweizer will er sich dafür einsetzen, dass sich dies ändert. Dass andere nicht auch über ein Jahrzehnt warten müssen, bis sie wählen und abstimmen dürfen. «Ein Fünftel der Menschen in der Schweiz zahlen Steuern, können aber nicht mitbestimmen, was mit ihrem Geld geschieht», sagt Dietrich.

«Sie werden systematisch ausgeschlossen.» Nicht nur zum Nachteil der Betroffenen, sondern auch der Gesellschaft, ist er überzeugt. «Es wird auf viel Wissen, Fähigkeiten und Qualifikationen verzichtet. Dass dies falsch ist, zeigt die Schwierigkeit von vielen Gemeinden, fähige Leute für den Gemeinderat und für Kommissionen zu finden.»

Dietrich betont, dass er sich bei seinen Forderungen auf die kommunale Ebene beschränkt. Auf Gemeindepolitik, wo es sich um trockene, oft für viele langweilige Sachpolitik handle. «Etwa, ob es einen neuen Fussgängerstreifen braucht oder die Einführung einer 30er-Zone.» Dietrich weiss, seine Forderung löst teils Ängste aus, die von gewissen Politikern noch emotional angeheizt werden.

Die Befürchtung: Ausländer schreiben plötzlich den Schweizern vor, was sie zu tun und zu lassen haben. «Es gibt nicht den Ausländer», sagt Dietrich. «Es sind Individuen mit ganz unterschiedlichen Meinungen.» Viele darunter vom Land, mit eher konservativen Meinungen, ist er überzeugt. «Die SVP verkennt ein grosses Potenzial an Wählern.»

Ein Staatskundelehrer am Einbürgerungstest

Auch im erwähnten Facebook-Post warb Dietrich für die politische Partizipation von Ausländern und war überrascht von den Reaktionen. Die meisten waren positiv. Bis auf zwei. «Wer abstimmen will, soll sich einbürgern lassen», schrieb einer. Ein anderer meinte, dass er nun seine deutsche Staatsbürgerschaft abgeben soll. «Ich sehe nicht ein, warum», sagt Dietrich.

«Es hätte keinen Nutzen. Ich werde den deutschen Pass allerdings nicht verlängern.» Ab jetzt zeigt Dietrich das rote Büechli. Wie letzte Woche, als er im Auftrag der SP Schweiz nach Montenegro reiste. «Mein erster Stempel», sagt Dietrich, der an der Schule Isenlauf in Bremgarten als Klassenlehrer unterrichtet. Eines seiner Hauptfächer: Staatskunde. Dass er am Einbürgerungstest dennoch einen Fehler machte, nervt Dietrich. 97 Prozent richtige Antworten reichten nicht, um mit seiner fehlerlosen Ehefrau mitzuhalten.

Jetzt, als Schweizer, macht Dietrich umgehend von seinem aktiven und passiven Wahlrecht Gebrauch. Diesen Herbst kandidiert er für den Nationalrat. Auf der Liste der SP MigrantInnen.