Berikon

Sozialhilfebezüger hat Job gefunden

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Berikon In einem offenen Brief wehrt sich Beat Becker (Name geändert) gegen die Vorwürfe, er sei faul und arbeitsscheu. Ab nächster Woche betreut er mit einem Pensum von 50 bis60 Prozent eine Website.

Der Fall sorgte national für Schlag-zeilen: Die Gemeinde Berikon strich einem 23-jährigen Mann die Sozialleistungen, weil sich dieser unkooperativ verhielt (Aargauer Zeitung vom 21. Februar). Der Mann erschien nicht zu Gesprächsterminen, holte eingeschriebene Briefe nicht ab, verweigerte gemeinnützige Arbeit und wollte nur noch schriftlich mit der Gemeinde verkehren. Dennoch hielt das Bundesgericht fest, es sei widerrechtlich, dem Mann die Sozialleistungen vollständig zu streichen. Das Gericht verpflichtete die Gemeinde, dem jungen Mann die Leistungen nachträglich zu vergüten.

Darauf setzte die SVP Bezirk Bremgarten eine Prämie von 1000 Franken für Hinweise auf die Identität des Mannes aus. Bezirkspräsident und SVP-Fraktionschef Andreas Glarner bot dem 23-Jährigen letzte Woche
einen Job als Hauswart, Lagerist oder Kurierfahrer an (Aargauer Zeitung vom 9. März). Zugleich kündigte Glarner an, den Namen des Sozialhilfebezügers publik zu machen, wenn dieser das Angebot ausschlagen sollte.

50-Prozent-Job ab nächster Woche

So weit dürfte es aber nicht kommen. In einem offenen Brief antwortet Beat Becker, der seinen richtigen Namen nicht nennen möchte, dem SVP-Grossrat: «Ich möchte mich recht herzlich bei Ihnen für die Stellenangebote bedanken. Mit Freude teile ich Ihnen mit, dass Ihnen jedoch jemand zuvorgekommen ist.» Becker hält fest: «Ich habe eine Arbeit gefunden, die mir sogar richtig Spass macht.» Ab nächster Woche betreut Becker nach eigenen Angaben eine Website. «Das Pensum beträgt 50 bis 60 Prozent», sagt er auf Nachfrage der Aargauer Zeitung. Den Job hat ihm ein Freund seiner Familie angeboten, der ihn aufgrund der vielen Zeitungsartikel und Fernsehberichte über seinen Fall erkannt habe.

Die übrigen Aspekte der Berichterstattung über seinen Fall beurteilt Becker hingegen negativ. Der öffentliche Druck sei gross gewesen, insbesondere nach einem Artikel im «SonntagsBlick», wo Becker als «frechster Sozialhilfebezüger der Schweiz» bezeichnet wurde.

Aber auch Glarners Drohung, ihn öffentlich an den Pranger zu stellen, habe ihn belastet, hält Becker fest. In seinem Brief schreibt er: «Ich bin weder faul noch arbeitsscheu.» Auch er habe früher gearbeitet, «nur leider spielte nach kurzer Zeit mein Rücken nicht mehr mit». Aufgrund
einer Erkrankung der Wirbelsäule
seien seine Berufsaussichten «extrem beschränkt», hält er fest.

Becker bittet Glarner, auf die Pranger-Aktion zu verzichten. «Alles, was ich will, ist eine Chance», schreibt er. Weiter hält Becker fest, er beziehe seit November 2011 nur Krankenkassengelder von der Gemeinde. «Ich will niemandem mehr auf der Tasche liegen und meinen eigenen Lebensunterhalt erarbeiten», verspricht er.

Glarner bleibt vorsichtig

Auf den offenen Brief angesprochen, bleibt Glarner vorsichtig. «Es scheint, als habe der öffentliche Druck gewirkt und der junge Mann gemerkt, dass er einen Job annehmen muss», sagt der SVP-Politiker. Er ergänzt: «Unter diesen Umständen verzichten wir auf die Publikation seines Namens.» Dies aber nur, wenn der Mann dauerhaft arbeite.

Rosmarie Groux, SP-Grossrätin und Sozialvorsteherin in Berikon, ist überrascht. «Ich habe nicht gewusst, dass er eine Stelle gefunden hat, das freut mich aber sehr», sagt sie. Groux hatte gerüchtehalber gehört, dass der Mann eine Stelle in einem Callcenter habe.

Dies bestätigt Becker – er habe den Job, den er am 21. Februar angetreten hatte, aber wieder aufgeben müssen. «Ich konnte unter solch einem öffentlichen Druck unmöglich vernünftig arbeiten», begründet er.

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