«Es könnte keiner Regierungsrat, Nationalrat oder Ständerat werden, wenn er zuvor nicht zumindest teilweise unseren Segen hätte», sagte der legendäre Wohler CVP-Politiker Karl Albert Kuhn, kurz KAK genannt, am 3. November 1989 im «Schwanen» in Merenschwand ins Mikrofon des Schweizer Fernsehens.

26. Session des Freiämter Schattenkabinetts am 3. November 1989 im Gasthof Schwanen in Merenschwand.

26. Session des Freiämter Schattenkabinetts am 3. November 1989 im Gasthof Schwanen in Merenschwand.

KAK meinte es ernst. Obwohl der langsame, aber stetige Abschied der Partei damals schon begonnen hatte, galt das Freiämter Schattenkabinett, der Club der ehemaligen CVP-Grossräte aus den Bezirken Bremgarten und Muri, als eine gewichtige Stimme in der Region.

Mit grossem Abstand stärkste Partei

Nach den Grossratswahlen 1973 war der «Schwarze Erdteil» des Aargaus so orange wie nie zuvor. Mit 46,7 % Prozent Wähleranteil und 11 von 19 Grossratsmandaten im Bezirk Bremgarten sowie 60,9 % Wähleranteil und 7 von 9 Grossratsmandaten im Bezirk Muri hatte die CVP in der Region das Sagen. Auch kantonal war sie mit 54 von 200 Sitzen (+ 9) zur stärksten Fraktion geworden.

1977 gingen die 9 gewonnenen Sitze im Kanton wieder verloren, und 1981 verlor die CVP im Freiamt weitere Wähleranteile. Mit 55,2 % im Bezirk Muri und 44,83 % im Bezirk Bremgarten bewegte sie sich aber noch immer auf einem Niveau, von dem CVP-Kantonalpräsidentin Marianne Binder – sie war am 40-Jahr-Jubiläum des Schattenkabinetts als Gast dabei – nicht zu träumen wagt. Die CVP ist auch im einstigen Stammland zurückgebunden worden: 24,4 % Wähleranteil im Bezirk Muri und 15,2 % im Bezirk Bremgarten – das ist die Realität nach den Grossratswahlen 2016.

Ein Baumeister und ein Zeitungsmann

Ob die Initianten dem Wählerschwund entgegenwirken wollten oder ob es vor allem darum ging, unter ehemaligen Grossratskollegen die Erinnerung an die politischen (Hoch-)Zeiten und die Kameradschaften zu pflegen, ist nicht überliefert. Wer zur ersten «Session» des Freiämter Schattenkabinetts vom 6. Mai 1977 im Bosmeler «Sternen» eingeladen hat aber schon: der Wohler Baumeister Otto Notter und der Chefredaktor des «Wohler Anzeigers», Walter Meyer.

Titel der Veranstaltung laut dem amtierenden Präsidenten Franz Wille, der im Vorfeld des Jubiläums mit viel Aufwand alte Unterlagen zusammengetragen und ausgewertet hat: «Alt Grossräte CVP Freiamt». Die Bezeichnung «Schattenkabinett» war erst an der zweiten Versammlung Thema. «Die Idee stammte von Walter Meyer», erklärte Wille: «Es ist eine Anlehnung an das ‹shadow cabinet›, das in England Ende des 19. Jahrhunderts als Regierungsmannschaft aus Schattenministern der Opposition gebildet worden ist, um im Fall einer siegreichen Wahl die Regierungsgeschäfte übernehmen zu können.»

Ernsthaft mit einem Putsch befasst hat sich die heute knapp 40 Mitglieder umfassende Organisation nie. Zumindest ist davon nie etwas nach aussen gedrungen. Es darf jedoch angenommen werden, dass Freiämter CVP-Politiker in harten Wahlkämpfen schon verschiedentlich darauf setzen durften, dass das Schattenkabinett im Hintergrund die Fäden richtig zog.

Und das oft auch gegen den Willen der kantonalen Parteiobrigkeit. Dass Peter Wertli 1988 gegen die starke parteiinterne Konkurrenz aus dem Raum Baden Regierungsrat werden konnte, ist nur ein Beispiel. Die Freiämter Grossräte haben sich nie gross darum geschert, was die Parteileitung wollte. Sie haben sich in erster Linie für das starkgemacht, was in ihren Augen für das Freiamt richtig war.

Politisch geprägte Sessionen

Obwohl mit Elsbeth Pilgrim schon vier Jahre nach der Gründung die erste Frau in das Schattenkabinett aufgenommen werden konnte, ist der Club bis heute von Männern dominiert. Die als Sessionen aufgezogenen Zusammenkünfte, die jährlich zweimal stattfinden, seien anfänglich stark politisch geprägt gewesen.

«Es war, wie wenn sich die Altgrossräte nicht hätten von der Tagespolitik trennen können», schmunzelte Franz Wille in seinem spannenden Rückblick: «Es kam vor, dass ein Ständerat, ein bis zwei Nationalräte, ein Regierungsrat und ein bis zwei Grossräte über aktuelle Geschäfte referierten. Und oft hätte es den aktiven Politikern wohl nicht geschadet, sie hätten mehr auf das gehört, was ihre Kollegen a. D. zum aktuellen Geschehen zu sagen hätten.

1981 beispielsweise wurde intensiv über die Asylproblematik diskutiert und protokollarisch festgehalten, dass man diese ernsthaft anpacken müsse und das Thema nicht der SVP überlassen dürfe.

Nach und nach trat die Politik jedoch in den Hintergrund und an den Sessionen kamen auch kulturelle Programmpunkte, Besichtigungen, Vorträge oder einfach Zeit zur Pflege der Kameradschaft hinzu. Ab 1998 beschränkte man sich gar explizit auf ein politisches Referat.»

Mit der Zeit wurde das Schattenkabinett auch für ehemalige Politiker geöffnet, die nie Parlamentsmitglieder gewesen oder nicht Freiämter sind. Voraussetzung für eine Aufnahme, die jeweils von einer Session abgesegnet werden muss, ist allerdings nach wie vor die Mitgliedschaft in der CVP.

Als neues Mitglied wurde von der Jubiläums-Session so auch ein Fricktaler im erlauchten Kreis willkommen geheissen: «Roland Brogli», begrüsste Wille den Alt-Regierungsrat, «stammt aus einer Region, die dem Freiamt sehr ähnlich ist. Auch dort macht man nicht immer das, was die kantonale Obrigkeit will.» Neu zum Šchattenkabinett gehören weiter Alt-Oberrichter Hansjörg Geissmann aus Oberwil-Lieli sowie der Wohler Ex-Grossrat Ruedi Donat.

Zwei Gründer dabei

Am Jubiläum in Boswil gab es auch ein Novum. Mit den zwei Gründungsmitgliedern Josef Koch, Muri, und Richard Widmer, Bremgarten (beide feiern dieses Jahr ihren 90. Geburtstag), wurden die ersten Ehrenmitglieder in der Vereinsgeschichte ernannt.

Und zum Schluss ein Beleg dafür, dass das Freiämter Schattenkabinett in den vergangenen 40 Jahren zwar oft im Hintergrund die Fäden gezogen hat, aber nie allmächtig geworden ist: Zur Jubiläums-Session begrüsst hat als Gastgeber der Boswiler Gemeindeammann Michael Weber, Sohn des legendären Freiämter Politikers Leo Weber, der von 1965 bis 1976 Regierungsrat, von 1975 bis 1987 Nationalrat und bis zu seinem Tod 1995 engagiertes Mitglied im Schattenkabinett war. Michael Weber politisiert bei der SVP.