Buttwil

Der Schatten verschwand mit Donnerhall

Warten auf den Weissenbacher – das schützende Dach vor dem Gewitterregen ist schon aufgespannt.

Warten auf den Weissenbacher – das schützende Dach vor dem Gewitterregen ist schon aufgespannt.

Auf dem Lindenberg irrt der Weissenbacher, der Jungfrauen-Schlächter, umher – hat ihn der AZ-Redaktor gesehen?

Einfach so begegnet man dem Schatten des Weissenbachers nicht, das war mir klar, auch wenn er noch heute beim Guggibad durch die Wälder wandeln soll.

Aber ein paar Hinweise gibt es schon, wie man mit ihm in Kontakt kommen könnte: Laut Sage ist der Schatten des Mörders, der im Blut von zwölf Jungfrauen baden wollte, um sich von seinem Aussatz zu befreien, besonders bei einem Wetterwechsel unterwegs.

Also wartete ich eine Nacht mit Gewittervorhersage ab. Die elf Jungfrauen hatte er an einer Eiche aufgeknüpft. Also suchte ich nach einer Eiche. Das war allerdings leichter gesagt als gefunden.

Ich tröstete mich: Wenn ich keine Eiche finde, muss auch der Schatten des Blaubarts – seit dem Mittelalter in ganz Europa Inbegriff eines Frauenmörders – ohne diesen Baum auskommen und durch die Nacht reiten.

Die Hängematte hängt nahe dem Weissenbach, vielleicht hilft das

Genauer eruieren kann man natürlich nicht mehr, wo der Bruder des zwölften Mädchens den Weissenbacher, den er glücklicherweise erwischen konnte, mit dem Pferd zu Tode geschleift und so seine Schwester gerettet hat.

Auch nicht, wo der Baum mit den elf gemeuchelten Jungfrauen stand. Aber das spielt heute keine Rolle mehr, weil der Schatten des Mörders auf seinem Rappen ziemlich sicher weiträumig in den Wäldern zwischen Schongau, Guggibad und Weissenbach unterwegs ist.

Also machte ich meine Hängematte an einer mir vielversprechenden Stelle zwischen zwei Bäumen fest, umgeben auch von Rotbuchen, die eigentlich Blutbuchen sein müssten angesichts des vergossenen jungfräulichen Blutes.

Ich wählte zudem die Nähe des Weissenbachs, weil ich mir sagte, dass der Hengst des Weissenbachers hin und wieder Wasser saufen und darum in der Nähe vorbeikommen musste.
Angst hatte ich keine.

Erstens bin ich längst nicht mehr jungfräulich und schon gar nicht taufrisch, und zweitens nicht weiblich. Abgesehen davon: Die Sage spricht nur mehr vom Schatten des Weissenbachers, der in den Wäldern auf dem Lindenberg herumirrt. Das ist zwar schlimm genug, aber doch nicht wirklich bedrohlich.

Ein Lagerfeuer – oder besser keines?

War er es oder nicht? Es raschelte. Es knarrte. Es winselte. Ich sass am Fuss eines Baumes und überlegte, ein Lagerfeuer zu machen. Es war eine verzwickte Situation: Einerseits, kam ich zum Schluss, verscheucht heller Schein vielleicht den aussätzigen Bösewicht. Andererseits ermöglicht erst Licht, einen Schatten zu erkennen.

Ich verzichtete sicherheitshalber auf das Feuer, starrte in die Nacht und spitzte meine Ohren. Nach einiger Zeit war es da: ein jämmerliches Seufzen. Der Baumwipfel über mir schwankte, obwohl am Fuss, wo ich sass, kein Lüftchen zu spüren war.

War das jetzt der Schatten des Weissenbachers, vor dem der Baum zurückzuweichen versuchte? Wahrscheinlich schon. Er seufzte noch ein paar Mal. Zu sehen war allerdings nichts. Wie auch, kam mir in den Sinn, der Schatten des Weissenbachers ist bekanntlich sehr behände.

Hätte er auch noch sein zwölftes Opfer geschlachtet, hätte er, so geht die Sage, sogar «dur ale Wänd und Muslöchere dure schlüfe chönne». Es ging gegen Mitternacht, als Blitze zuckten und das Grollen am Himmel zunahm.

Ich hatte mich unter das schützende Dach der Hängematte verzogen. Es raschelte weiter, es knarrte weiter, es winselte weiter. Aber es seufzte nicht mehr. Der Schatten des Weissenbachers war offensichtlich weitergeritten, donnernd, hinunter Richtung Boswil, wo der Bösewicht damals die Müllerstochter, die zwölfte Jungfrau, in den Wald gelockt hatte.

Der einsetzende Gewitterregen verwischte alle Spuren, die der Weissenbacher vielleicht doch hinterlassen hatte.

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Autor

Eddy Schambron

Eddy Schambron

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