Boswil
Der Reiseleiter mit dem gelben Schirm

Der ehemalige Dok-Filmer Patrick Schellenberg ist der neue Leiter Kommunikation des Künstlerhauses.

Christian Breitschmid
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Von Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) ins Künstlerhaus Boswil: Patrick Schellenberg ist der neue Leiter Kommunikation am «Ort der Musik». Christian Breitschmid

Von Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) ins Künstlerhaus Boswil: Patrick Schellenberg ist der neue Leiter Kommunikation am «Ort der Musik». Christian Breitschmid

Christian Breitschmid

Der Sitzplatz im Garten des Künstlerhauses Boswil liegt genau zwischen dem Bürohäuschen und der alten Kirche. Patrick Schellenberg wischt mit einem feuchten Lappen den Blütenstaub von Tisch und Bänken, bietet dem Kollegen von der AZ einen Platz an und erzählt ihm dann in knappen Sätzen, wie aus dem Merenschwander Schulbuben mit Jahrgang 1970 ein Dokumentarfilmer und schliesslich der Kommunikationsbeauftragte des Künstlerhauses Boswil, dem Haus der Musik, geworden ist.

Nach der Primarschule in Merenschwand, besuchte er die Bez in Muri und machte dann in Zürich die Lehre als Fotograf. An der Schule für angewandte Linguistik studierte er Journalismus und gelangte via TR7 erst zu TeleZüri/Tele 24 und dann über den Beobachter zum Schweizer Fernsehen, wo er sich als Videojournalist einen Namen machte. Er durchquerte für die Sendung «Fernweh» die Alpen und den Himalaja mit der Kamera und begleitete für «Auf und davon» Auswanderer nach Australien, Kanada und den Kongo. Für die Sendung «Reporter» erzählte er traurige und heitere Geschichten aus der ganzen Welt. Er begleitete eine Schweizer Teppichhändlerin in den Iran, eine Entwicklungshelferin nach Afghanistan und einen Klimaforscher nach Grönland. Seit dem 1. März ist er nun in Boswil und verantwortlich für Kommunikation und Marketing im Künstlerhaus. Er lebt mit seiner Partnerin in Dietikon, wo er viel Zeit am Herd verbringt, aber auch hinter Buchdeckeln, im Garten und mit seinem Foxterrier.

Herr Schellenberg, Sie haben für eine der renommiertesten Redaktionen des Schweizer Fernsehens gearbeitet. Sie waren ein DOK-Filmer – was hat Sie zu diesem Stellenwechsel bewogen?

Patrick Schellenberg: Ich weiss, es klingt pathetisch, aber: Es war Liebe auf den ersten Blick! Ich schrieb meine erste und einzige Bewerbung seit 20 Jahren, nachdem ich durch einen glücklichen Zufall über das Stelleninserat des Künstlerhauses gestolpert war. Ich wusste sofort, das ist es! Erst später bekam ich kalte Füsse. Darf ich einen tollen Job beim Schweizer Fernsehen einfach so aufgeben? Zum Glück war der Sprung ins kalte Wasser rückblickend absolut richtig.

Wie haben Sie sich als ehemaliger Merenschwander in Boswil eingelebt?

Sehr gut! In den Jahren hat sich natürlich vieles verändert. Aber einiges ist mir immer noch vertraut. Zum Beispiel half mir neulich Erich Barmettler bei einem technischen Problem. Er betreibt heute eine Firma für Eventtechnik in Boswil. Vor 30 Jahren prägte er mit seiner Disco «White Horse» im Murianer Adler-Saal meine Jugend. Solche Begegnungen sind doch einfach grossartig.

Welchen Bezug haben Sie zum Künstlerhaus Boswil und zu dessen Angebot? Ist das eine alte Beziehung?

Ich bin ein grosser Fan klassischer Musik und komme in der Alten Kirche entsprechend auf meine Kosten. Das Künstlerhaus kannte ich ehrlich gesagt vorher aber nur dem Namen nach. Ich lebe ja schon länger im Limmattal und bin kulturell ganz klar nach Zürich orientiert. Das ist jetzt genau eine meiner beruflichen Herausforderungen: Wie locke ich musikinteressierte Menschen aus Nachbarkantonen nach Boswil.

Das Künstlerhaus besteht seit 65 Jahren. Es hat als «Ort der Musik» seinen festen Platz in der Kulturlandschaft des Aargaus, der Schweiz, ja sogar Europas. Worin sehen Sie Ihre Hauptaufgabe als Kommunikationsverantwortlicher dieses Traditionshauses?

Ich will unsere Aktivitäten so attraktiv wie möglich nach aussen tragen. Vor allem jene, die man in der Öffentlichkeit weniger kennt. Wir sind ja nicht nur Konzertveranstalter, sondern auch das Zuhause von zwei Orchestern, dem Jugendorchester Freiamt und dem Jugend-Sinfonieorchester Aargau, und ein wichtiger Ausbildungsort für Musikerinnen und Musiker. Die Kunst besteht darin, für jede Sparte das richtige Zielpublikum zu erreichen.

Was möchten Sie als neuer Kommunikationsverantwortlicher für das oder mit dem Künstlerhaus erreichen?

Ich will in unserem kleinen Team mein Bestes geben, um das Künstlerhaus attraktiv und vielfältig weit über Boswil hinaus erstrahlen zu lassen. Wir sind ja ein Kulturleuchtturm des Kantons, müssen also den Weg zur Kultur leuchten. Eine Institution wie das Künstlerhaus kann nur dank grosszügiger Subventionen bestehen. Darum haben wir den Anspruch, möglichst viel in Form von attraktiven Angeboten zurückzugeben. Das muss unser höchstes Ziel sein.

In Zürich, Basel, Paris oder London Hochkultur zu verkaufen ist verhältnismässig einfach. Wie aber bringt man die Leute dazu, nach Boswil im Freiamt zu kommen?

Indem wir attraktive Konzerte und Musikkurse auf internationalem Niveau anbieten. Bei uns treten Stars auf, die in den europäischen Metropolen die grossen Säle füllen. Aber klar, einfach ist es nicht. Die Konkurrenz ist schon gross. Wir haben jedoch einen gewaltigen Vorteil: Das historische Gebäudeensemble und die einmalige Lage am Rand der Bünzebene heben uns von der Konkurrenz ab. Hier herrscht eine ungezwungene, fast familiäre Stimmung. Wo sonst haben Sie als Besucher die Möglichkeit, mit dem Star des Abends nach dem Konzert noch anzustossen und zu plaudern?

Viele Menschen haben Berührungsängste, wenn es um klassische oder E-Musik geht. Wie kann man als Kommunikationsbeauftragter den Menschen den Zugang erleichtern?

Indem ich zum Beispiel niemals von E-Musik sprechen werde! Wer schon einmal ein Konzert in der Alten Kirche besucht hat, weiss, wie unterhaltsam diese angeblich «ernste» E-Musik ist. Bei uns brauchen Sie weder steife Abendrobe noch einschlägiges Musikwissen. Ein Paar neugierige Ohren und ein gesunder Appetit auf eine musikalische Entdeckungsreise reichen absolut aus.

Für welche Art von Musik schwärmen Sie als Privatperson?

Ich interessiere mich für fast jede Art von Musik. Ich muss einfach spüren, dass Leidenschaft und eine künstlerische Vision dahinterstehen. Meine eigene Sammlung reicht von Pop und Rock über Jazz bis zur Neuen Musik.

Machen Sie selber Musik? Welche?

Zum Leidwesen meiner Partnerin singe ich sehr viel, obwohl ich das überhaupt nicht kann. Mein Talent liegt aber ganz klar beim Konsumieren von Musik und nicht beim Produzieren.

Sie haben am 1. März Ihre Stelle in Boswil angetreten. Sie hatten keine Einarbeitungszeit. Die Meisterkonzerte waren schon angelaufen und der Boswiler Sommer startet am 30. Juni. Inwieweit konnten Sie diesen Veranstaltungen nun dennoch Ihren Stempel aufdrücken?

Nicht ich drücke unseren Veranstaltungen den Stempel auf, das machen die Musikerinnen und Musiker und unser Publikum. Ich kümmere mich darum, dass alle den Stempel finden und dass das Kissen gut mit Tinte getränkt ist. Ich sehe mich klar als Dienstleister, nach innen für unsere Projektleiterinnen und -leiter, deren Konzerte ich «verkaufe», und nach aussen für die Öffentlichkeit, die ich auf unsere Aktivitäten aufmerksam mache.

Worauf freuen Sie sich in dieser Künstlerhaus-Saison am meisten?

Auf meinen ersten Boswiler Sommer, den Programmhöhepunkt im Konzertjahr des Künstlerhauses – 14 Konzerte innerhalb von neun Tagen! Die Zeit zwischen 30. Juni und 8. Juli wird bestimmt so streng wie spannend. Darauf freue ich mich sehr!

Wovor haben Sie am meisten Respekt?

Dass ich wirklich allen Konzerten, Projekten und Angeboten des Künstlerhauses gerecht werde. Besonders in den ersten Wochen war es für mich schwierig, überhaupt den Überblick über alle Aktivitäten des Künstlerhauses zu behalten.

Wie würden Sie den Zauber oder die Faszination des Künstlerhauses Boswil für Aussenstehende beschreiben?

Es ist die einmalige Mischung des ländlichen und familiären Ambiente und der Musik auf internationalem Topniveau, die hier geboten wird. Wer durch unser Eingangsportal schreitet, betritt eine andere Welt. Und ich bin der Reiseleiter, der alle mit Informationen versorgt und mit dem gelben Schirm vorausläuft um den Weg zur Alten Kirche zu weisen.