Wohlen
Der Ratsbetrieb war früher sehr diszipliniert - dennoch fehlte die Schokolade nicht

Werner Huber verfolgte die Sitzungen des Einwohnerrates zuerst vier Jahre lang als Protokollführer, bevor er aktives Mitglied wurde. Bei seiner 100. Sitzung bekam Huber eine süsse Überraschung.

Toni Widmer
Drucken
Werner Huber wohnt heute in Villmergen mit herrlicher Aussicht auf die Pfarrkirche St. Peter und Paul. Toni Widmer

Werner Huber wohnt heute in Villmergen mit herrlicher Aussicht auf die Pfarrkirche St. Peter und Paul. Toni Widmer

Toni Widmer

Werner Huber war in seiner Zeit im Wohler Einwohnerrat für seine scharfsinnigen Analysen bekannt und respektiert: «Wir drehen uns im Kreis, das bringt nichts. Ich habe einen Vorschlag . . .» – so oder ähnlich begannen seine Voten, mit denen er der Diskussion in einer verfahrenen Situation oft eine Wendung geben konnte.

Seine ersten vier Jahre im Wohler Parlament sagte Huber allerdings gar nichts. Er war als Gemeindeschreiber II für das Protokoll verantwortlich: «Ich hatte dafür vorab etwas Steno gelernt. Wir hatten ja damals nicht die Hilfsmittel und Apparaturen von heute», blickt er zurück.

Das Parlament sei damals sehr straff geführt und der Ratsbetrieb entsprechend diszipliniert gewesen», erinnert sich Huber, der nach seiner Zeit auf der Wohler Verwaltung zuerst Sekretär der katholischen Landeskirche wurde, dann ans Aargauer Verwaltungsgericht wechselte und von 1982 bis 1998 Oberrichter war.

Das Gedicht von Werner Huber zur 100. Einwohnerratssitzung vom 24. Februar 1975

Geschwatzt, geschwitzt, Euch abgeplagt

Geschätzte Herren - liebe Damen
In etwas ungewohntem Rahmen
Wird heute Abend debattiert
Klein angefragt, interpelliert
Dann gibts - so hörte man es sagen
Ein halbes Poulet in den Magen.

Schon hundert Mal habt ihr getagt
Geschwatzt, geschwitzt, Euch abgeplagt
Mit Budgets und mit Stromtarifen
Mit Jungen, die nach Häusern riefen
Mit Zonenplan, Abfallgebühren
Mit Leuten, die zu wenig schtüüren!

Ihr spracht oft gut - ganz selten dumm
Doch hie und da im Kreis herum
Oft ging es laut, manchmal auch lang
Oft fragte man sich etwas bang:
«Warum spricht Bünzli nicht gescheiter?
Weshalb schwimmt der Verhandlungsleiter?
Warum hat der Gemeinderat
Die Akten wieder nicht parat?
Wieso ruft Widmer schon seit Jahren:
Das Hauptgebot heisst: Du sollst sparen?»

Jedoch - was sollen diese Fragen?
Man muss auch hier doch ehrlich sagen
Wer Mängel stets bei andern sucht
Die eignen aber nicht verbucht
Dem stimmt dereinst beim Jüngsten G’richt
Die Lebens-Buchhaltung halt nicht
Und das, das wäre doch fatal
Genug nun aber mit Moral!

Wir selbst, wir möchten Euch heut danken
Ihr seid für ein paar Sitzungsfranken
Bei Regenwetter, Erdölkrise
Bei Hitze. Hagel, Eis und Bise
Zum Wohl von Wohlen dagesessen
Das sei Euch allen nie vergessen!
Ihr tagtet - je nach eigner Wahl –
Oft hier, oft im Casinosaal
Zur Zeit von Edi Krähenbühl
War es dort zwar stets etwas kühl.

E i n Fehler ist Euch stets geblieben
Ihr alle - Ihr habt Eure Lieben
So oft allein zu Haus gelassen
Ein grober Fehler - schwer zu fassen
Damit die Liebsten Euch verzeihen
Vom Schuldgefühl Euch ganz befreien
Sollt Ihr jetzt viel mehr an sie denken
Und Ihnen öfter etwas schenken
Ja, Euer aller Motto sei
«Wer fortgeht - bringt stets Schoggi hei!»
Bleibt g’sund und brav und Gott empfohlen
Chappelehof-Saal-Team aus Wohlen.

PS: Ihr dürft - das sollt Ihr nicht vergessen
Die «Frigörli» auch selber essen!

Ebenfalls noch vor seiner Zeit als aktives Mitglied verfasste Huber, der seine poetische Ader seit über 60 Jahren mit dem Verfassen von treffenden Versen auslebt, für den Einwohnerrat ein Gedicht. Es lag an der 100. Sitzung vom 24. Februar 1975 als Begrüssungsschreiben auf den Tischen, zusammen mit einer Schachtel Frigörli und es zeigt, dass es früher Wohler Parlament nur bedingt anders zuging als heute.

Ratsbetrieb entspannter

In seiner aktiven Zeit als Parlamentarier in den 80er-Jahren hat Werner Huber den Ratsbetrieb als «etwas lockerer» erlebt wie damals als Protokollführer: «Es ging immer noch sehr geordnet zu und her, aber man durfte jetzt doch ab und zu einen Spruch klopfen», schmunzelt der rüstige Rentner, der im Februar seinen 81. Geburtstag feiern kann. Der Seriosität der Entscheide habe die neue Lockerheit aber keinen Abbruch getan: «Wir haben unsere Arbeit dennoch ernst genommen.»

Man habe, erzählt Werner Huber weiter, hart um Entscheide gerungen, aber man habe sich gegenseitig respektiert und auf persönliche Angriffe verzichtet. Mit guten Kompromissen sei es gelungen, wegweisende Projekte aufzugleisen.

Der aktuellen Politkultur kann der heute in Villmergen lebende Huber nicht mehr allzu viel abgewinnen: «Das Ausmass der politischen und persönlichen Auseinandersetzung ist zeitweise fast unerträglich», sagt er und rät: «Bevor die Gemeinde Wohlen mehr Geld für Imagewerbung beschliesst, sollte sie erst versuchen, die imageschädigenden Ursachen dieser Auseinandersetzungen zu beheben.»

Aktuelle Nachrichten