Birri
Der Rabe mit den blauen Augen – nach 15 Jahren hat sich die Polizei eingeschaltet

Warum leuchten seine Augen nicht mehr so hell? Die Geschichte des Brunnentiers liest sich wie ein Krimi

Andrea Weibel
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Jeder, der je von Ottenbach über die Reuss nach Birri gefahren ist, kennt ihn: den Raben mit den blauen Augen. Von Weitem leuchten einen die zwei stecknadelgrossen Leuchtdioden im Kopf des schwarzen Kunststofftiers vom Dorfbrunnen herunter an. Die beiden Lichter sind über die Jahre zum inoffiziellen Wahrzeichen des Aristauer Dorfteils geworden. «Man bremst automatisch ab, wenn man die Lichter sieht, das ist gut so», sagen einige. Andere freuen sich über die Lichter, weil sie anzeigen, dass man das Freiamt erreicht hat. Doch nicht jeder, der die Lichter sieht, ist glücklich über sie. Das zeigt die Geschichte des Raben von der Zürcherstrasse 29, die vor mittlerweile 15 Jahren begonnen hat.

Das Ehepaar Bertholet, das in der alten Post direkt am Dorfbrunnen wohnt, erhielt damals von einem befreundeten Künstler einen hübschen Eisvogel geschenkt. Sie fragten einen Schlosser an, ob er ihnen zwei Löchlein in die Augen des Tiers bohren könnte, dazu noch einen kleinen Kanal durch das Tier hindurch, gerade gross genug für ein Stromkabel. Den Rest erledigte Mars Bertholet, gelernter Elektriker, selbst. Er wusste genau, wo das Tier hinkommen sollte. So leuchteten schon bald die ersten blauen Augen von der Säule des Dorfbrunnens herunter.

Doch nicht lange. Der erste Eisvogel wurde schon kurze Zeit, nachdem er aufgestellt worden war, gestohlen. Mars Bertholet denkt praktisch: Er erbat sich beim Künstler einen zweiten Vogel, liess die Löcher bohren, setzte Leuchtdioden ein. Doch auch der zweite Vogel wurde gestohlen. Von wem, das weiss der Besitzer bis heute nicht. Danach kaufte er sich eine metallene Katze – diese bekam natürlich ebenfalls blaue Augen und leuchtete fortan vom Brunnenrand. Doch nur kurze Zeit später waren ihre Glieder eines Morgens vollkommen verbogen. Bertholet entflocht sie und hängte die Katze wieder auf. Da leuchtete sie, bis sie einem zweiten Streich nicht mehr standhielt und ersetzt werden musste.

Dann kam der Rabe ins Spiel. Bertholet war es leid, ständig teure Figuren ersetzen zu müssen. Also kaufte er sich einen billigen Kunststoffraben, dessen Augen er dann selber ausschneiden und mit blauen Lämpchen bestücken konnte. Dieser wurde ihm dann nur noch dreimal gestohlen, erinnert er sich stirnrunzelnd, wenn man ihn darauf anspricht. Zweimal bekam er das Plastiktier zurück. Auch beim dritten Mal entschuldigten sich die Vandalen, sie hatten den Vogel jedoch bereits weggeworfen.

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Jetzt sitzt der schwarze kleine Kerl mit den leuchtend blauen Augen schon seit einiger Zeit oben auf dem Brunnen, ohne dass ihn jemand behelligt hätte. Abgesehen von diesen kleineren Rückschlägen, wie sie Bertholet nennt, hat er nur zweimal eine Reklamation wegen des Vogels erhalten. Einmal war es ein Brief, der ihn aufforderte, das blendende Ding abzumontieren. Ein andermal bekam er einen entsprechenden Anruf. Natürlich hätte er ihn weggenommen, wenn der Rabe tatsächlich ein Sicherheitsrisiko dargestellt hätte. Doch bei so wenigen Beschwerden, dafür aber vielen positiven Rückmeldungen sah Bertholet keinen Anlass, die blauen Lichter zu entfernen. Auch liess er sich versichern, dass der Rabe vollkommen legal dort aufgestellt werden dürfe, zumal der Brunnen auch nicht der Gemeinde, sondern einer privaten Quellengemeinschaft gehört, die den Brunnen pflegt und ihn der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt.

Jetzt, nach immerhin rund 15 Jahren, leuchten die Lichtlein aber doch nicht mehr ganz so hell. Mars Bertholet hat sich – als guter Schweizer, wie er lachend sagt – zu einem Kompromiss bereit erklärt. Obwohl seit langem keine Beschwerden mehr bei ihm eingegangen sind und auch nie etwas passiert ist, hat sich nun nämlich doch noch die Polizei eingeschaltet. Nach 15 Jahren. Sie können ihm den Raben nicht verbieten. Aber wenn sie sich schon extra abends um 20 Uhr nach Birri bemühen, um den Besitzer des Raben zu besuchen, selbst wenn er nichts Illegales tut, dann soll das doch nicht umsonst gewesen sein.