Noch symbolträchtiger kann man sich den Werdegang eines Priesters kaum vorstellen: Da wächst ein junger Bursche im luzernischen Geuensee auf, zusammen mit seinem älteren Bruder und unter dem prägenden Vorbild einer liebevollen und gottesfürchtigen Mutter, die das Familienschiff selber steuern muss, nachdem ihr Mann viel zu früh von ihr gegangen war. Kurt Grüter war erst fünf Jahre alt, als sein Vater starb. Dennoch erinnert er sich an eine schöne Kindheit und Jugend. Er machte eine Lehre als Hochbauzeichner und bildete sich anschliessend am Technikum Luzern in Horw zum Architekten HTL weiter.

Niemand hätte damals gedacht, dass aus dem aufstrebenden jungen Architekten einmal ein Pfarrer werden würde. Am allerwenigsten er selber: «Ich habe nach der Ausbildung zuerst in verschiedenen Architekturbüros gearbeitet», erinnert sich Grüter. «Eines dieser Büros hat Kirchen gebaut. Das war es, was ich in dieser Arbeit immer bewundert und auch gesucht habe. Ich wollte eine Architektur mit Gehalt. Ich kann mich heute noch dafür begeistern, wenn ich moderne Architektur sehe, die schön ist, ihre Aufgabe erfüllt und darüber hinaus etwas ausdrückt.»

«Ein durchschnittlicher Christ»

Seine guten Referenzen sorgten dafür, dass Grüter eine Assistenzstelle an der ETH Zürich angeboten bekam, wo er Architekturstudenten im Fach «Entwurf und Konstruktion» begleitete. Sein Weg vom Hauptbahnhof rauf an die ETH führte ihn jeden Tag an der Liebfrauenkirche vorbei.

«Ich war ein ganz durchschnittlicher Christ», erinnert sich der heutige Pfarrer an den damaligen Architekten. «Ich ging wohl zur Kirche, hatte aber viel Freude an meinem Beruf, war begeisterter Fasnächtler und Mitglied einer Guggemusig, hatte auch Beziehungen und wollte eigentlich eines Tages auch heiraten und eine Familie gründen.» Aber dann machte er auf dem Weg zur ETH oder auf dem Rückweg von da immer öfter Halt in der Liebfrauenkirche. «Plötzlich wurden theologische und philosophische Fragen immer wichtiger für mich. Dann wurde der Wunsch immer stärker, Seelsorger zu werden», erzählt Grüter, der nach 15 Jahren als Architekt 1993 sein Theologiestudium in Freiburg begann.

Schon seine Berufseinführung als frischgebackener Theologe führte ihn 1999 erstmals ins Freiamt. Nach Sins nämlich, wo er als Diakon und nach seiner Priesterweihe, im Jahr 2000, erst als Vikar und dann als Pfarradministrator tätig war. Dann führte ihn sein Weg für zwei Jahre nach Interlaken, «in die Diaspora!», sagt Grüter und lächelt dabei, denn dort, mitten in einer überzeugt reformierten Gegend, erlebte er, wie gut die Ökumene funktionieren kann, wenn die gegenseitige Bereitschaft dazu vorhanden ist. «Mit dem reformierten Pfarrer von Interlaken bin ich heute noch befreundet, und wir treffen uns immer noch.»

Vor Wohlen gewarnt

Bischof Kurt Koch, heute Kardinal und im Vatikan als Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen zuständig für alle Fragen der Ökumene, holte Grüter aus Interlaken nach Solothurn, wo er als Bischofsvikar für den Bereich «Personal und Bildung» zuständig war. In dieser Position wurde er automatisch auch zum residierenden Domherrn am Sitz des Bischofs von Basel. Auf diesen bewährten Berater wollte auch Kochs Nachfolger, Bischof Felix Gmür, ungern verzichten.

So wurde aus dem residierenden eben ein nicht residierender Domherr, als Kurt Grüter am 1. Oktober 2010 sein Amt als Pfarrer von Wohlen antrat. Der begeisterte Seelsorger freute sich darauf, wieder an der Basis arbeiten zu dürfen, denn das war immer seine grösste Freude: «Für die Menschen da zu sein und mit ihnen Gottesdienst zu feiern, Seelsorge und Liturgie, das war mir das Wichtigste.»

Dass ihn sogar gebürtige Wohler vor seiner neuen Herde im Unterfreiamt warnten, belustigte den erfahrenen Hirten mehr, als dass es ihn beunruhigte: «Ich war damals überrascht, weil viele Ur-Wohler mich ansprachen und sagten: ‹Ou, Wohle isch de nid eifach...› Aber ich habe hier sehr viele nette Leute kennen gelernt, die sehr aktiv in der Pfarrei sind. Natürlich gibt es überall Menschen, die einfach alles für selbstverständlich nehmen. Aber deswegen hatte ich keine schlaflosen Nächte. Vor allem konnte ich mich immer auf mein gutes Team hier in St. Leonhard verlassen.»

Grüters Lob und Dank gelten allen seinen Mitarbeitern, die ihm auch dabei geholfen haben, den Pastoralraum Unteres Freiamt in den vergangenen Jahren aufzubauen und am 22. Januar 2017 feierlich aus der Taufe zu heben. «Wir hatten schon früh alles aufgegleist und waren, zusammen mit Fischbach-Göslikon, Niederwil und Waltenschwil, bereit, unseren gemeinsamen Pastoralraum zu lancieren, als es vom Bistum her plötzlich ‹Stopp!› hiess. Hägglingen und Dottikon wollten nämlich lieber mit uns als mit Villmergen in einen Pastoralraum kommen. Also ging die Planerei nochmals von vorne los.»

Zurück nach Luzern

Während fast zweier Jahre hat Kurt Grüter als Pastoralraumpfarrer dafür gesorgt, dass der Zusammenschluss der sechs Pfarreien funktionierte und als neues Grosskirchenschiff Fahrt aufnehmen konnte. Das hat ihn sehr viel Zeit und Kraft gekostet. «Die drei Standbeine eines Priesters sind die Liebe zu Gott, die Liebe zu den Mitmenschen und die Liebe zu sich selbst», sagt der sportliche Mann, der im kommenden April tatsächlich schon 65 wird, «aber in Bezug auf Letztere war ich in den vergangenen Jahren wohl etwas zu nachlässig.» Mit all seinen Verpflichtungen und Aufgaben sei die eigentliche Seelsorge, Gespräche, Besuche, aber auch die Pflege von Freundschaften und die Zeit für Erholung viel zu kurz gekommen. Deshalb habe er zum Ende des Kirchenjahres seine Demission eingereicht, und er sei froh, dass das Bistum per 1. Februar 2019 in Pater Solomon Obasi einen passenden Nachfolger als Pastoralraumpfarrer für Wohlen gefunden habe. 

«Auch hier merkt man wieder, wie gut dieser Pastoralraum funktioniert, obwohl wir immer noch 35 unbesetzte Stellenprozente haben», freut sich Grüter. «Alle Gottesdienste und Aufgaben sind bis zum Stellenantritt von Pater Solomon organisiert, mit den eigenen Seelsorgerinnen und Seelsorgern und auch mit Aushilfspriestern.»

Kurt Grüter zieht es wieder in seine Heimat. Ab 1. Februar wirkt er in einem 60%-Pensum als leitender Priester im Pastoralraum «Katholische Kirche Kriens». Er freut sich auf seine neue Aufgabe, in der er wieder mehr Seelsorger sein darf und weniger Manager sein muss. Er freut sich auch wieder einmal mehr als nur fünf Stunden Schlaf zu kriegen und wieder Zeit zu haben für seine Hobbys: Ausstellungen und Konzerte besuchen, wandern, fotografieren, Musik hören – und dazwischen immer mal wieder gemütlich eine Pfeife zu rauchen.