Fasnacht
Der Nuggi in der Reuss: Wie Freiämter in Luzern fasnachten

Für viele Freiämter beginnt die Fasnacht in Luzern – ein Erlebnisbericht.

Dominic Kobelt
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Ein bunter Haufen fasnachtsverrückter Freiämter feierte in Luzern den Urknall.

Ein bunter Haufen fasnachtsverrückter Freiämter feierte in Luzern den Urknall.

Dominic Kobelt

Es ist Schmutziger Donnerstag, 4.30 Uhr, der Extrazug aus Muri fährt in Luzern ein. Die Türen öffnen sich. Heraus strömen grüne Bären mit Hipster-Turnbeuteln, Eishockeyspieler, Stachelschweine und Bauarbeiter. Die Fasnächtler aus dem Freiamt treffen mit Hunderten Gleichgesinnten in der Fasnachtshochburg ein. Ähnlich einem Pilgerzug, nur lauter und bunter, setzt sich die Menschenmasse in Richtung Altstadt in Bewegung. Ich begleite ein Dutzend Freiämter «Gläubige» auf ihrem Ausflug.

Auf einem kleinen Platz mitten in der Häuserschlucht wartet die Gruppe dann auf den grossen Knall. Bier, Zigarren und Schnupftabak verkürzen manch einem die Wartezeit. Bereits wird diskutiert, wer und wie man am Abend an den Gängeliball in Muri kommt – wer dafür keine Energie mehr hat, wird mit spöttischen Sprüchen eingedeckt. Ein paar Meter weiter geben die Chottlebotzer ein Ständli, die Stimmung ist verschlafen-fröhlich. Punkt 5 Uhr knallt es ohrenbetäubend, mehrere Male hintereinander, und ein Regen aus Telefonbuch-Schnipseln rieselt auf die jubelnde Menge. Nächster Halt für die Freiämter: Storchen Bar. Hier wärmen sie sich bei einem Kaffee Schnaps auf und lassen die Guggenmusiken an sich vorüberziehen. Patrick, Pado genannt, ein knapp 1,90 Meter grosser pinker Hase, bestaunt besonders die aufwendig gestalteten Masken. «Würde man abnehmen, wenn man anstatt zu essen nur noch Bier trinken würde?», fragt einer in die Runde und entfacht damit erste Streitgespräche. Andere lassen sich zu einem Tänzchen hinreissen.

Um sieben Uhr geht es weiter in die Fritschi-Bar. Die macht nicht mehr einen ganz so gemütlichen Eindruck, es ist eng und heiss, statt Johnny Cash dröhnt Partymusik aus den Lautsprechern. Dafür treffen wir hier auf weitere Freiämter, etliche Guggenmitglieder hat es hierhin verschlagen. Coco von den Stiefeliryter Muri ist zum dritten Mal am Urknall und findet es genial, hier den Fasnachtsstart zu erleben. Reto von den Näbelgeischter Jonen ist begeistert, weil sich alle verkleiden. Und Nadja aus Muri nennt ihre Beweggründe in einem Wort: Bier. Etwas differenzierter sieht es Patrick aus Hermetschwil: «Es geht nicht nur ums Trinken, es ist ein traditionelles Fest, an dem auch verschiedene Kulturen zusammen feiern und harmonieren.»

Im Manor-Restaurant, wo sich die Fasnächtler stärken, treffen wir auf Gottfried Schöpfer. Der 80-Jährige hat seine Lehre in der Bäckerei Schwager in Bremgarten gemacht und wohnt jetzt in Luzern: «Ich gehe nicht mehr in aller Frühe an den Urknall, aber ich ‹fasnächtle› schon noch.»

Ausgerüstet mit zwei riesigen Konfettisäcken folgt ein Spaziergang durch die Stadt und über die Kapellbrücke. Vor den Konfetti-Angriffen ist niemand sicher. Frauen kreischen, japanische Touristen freuen sich dagegen geradezu über den bunten Regen. Doch dann passiert das erste Malheur: Pado (der pinke Hase) droht sein Stummelschwänzchen zu verlieren. Kollegin Monja greift zu Nadel und Faden und löst das Problem. Kurz darauf kommt es zum nächsten Zwischenfall: Pado lässt seinen Nuggi in die Reuss fallen. Und schliesslich steht Manuel aus Versehen mit einem Bein im See. Trotzdem: Niemand lässt sich die Stimmung verderben. Die Freiämter ziehen singend und tanzend durch Luzern und kehren ein letztes Mal ein, bevor es am frühen Nachmittag heimwärts geht.

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