Das Weihnachts-Interview
Der neue Abt von Muri-Gries: «Ich bin für meine Brüder nicht nur einfach eine Notlösung»

Der Klingnauer Beda Szukics ist der neue Abt des Klosters Muri-Gries. Damit ist er auch verantwortlich für das Kloster Muri im Freiamt, dem Stammsitz der Benediktiner im Aargau. Im Interview mit der AZ erzählt Abt Beda von seiner Segnungsfeier in Bozen (IT), von seinem Werdegang als Mönch und spricht im Video einen Weihnachtsgruss zu den AZ-Leserinnen und Lesern.

Christian Breitschmid
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Abt Beda
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Abtbenediktion in Muri-Gries Am 9. Dezember wurde in der Stiftspfarrkirche von Muri-Gries (Bozen/IT) der neue Abt des Klosters Muri-Gries, Beda Szukics feierlich in sein neues Amt geweiht.
Abtbenediktion in Muri-Gries Am 9. Dezember wurde in der Stiftspfarrkirche von Muri-Gries (Bozen/IT) der neue Abt des Klosters Muri-Gries, Beda Szukics feierlich in sein neues Amt geweiht.
Abtbenediktion in Muri-Gries Am 9. Dezember wurde in der Stiftspfarrkirche von Muri-Gries (Bozen/IT) der neue Abt des Klosters Muri-Gries, Beda Szukics feierlich in sein neues Amt geweiht.
Abtbenediktion in Muri-Gries Am 9. Dezember wurde in der Stiftspfarrkirche von Muri-Gries (Bozen/IT) der neue Abt des Klosters Muri-Gries, Beda Szukics feierlich in sein neues Amt geweiht.
Abt Beda Kloster Muri-Gries Beda Szukics ist der neue Abt des Benediktinerklosters Muri-Gries. Er wird nun für die nächsten 12 Jahre dieses Amt bekleiden. Abt Beda ist Nachfolger des überraschend vestorbenen Abtes Benno Malfèr. Fotografiert in der Klosterkirche Muri.
Abt Beda Kloster Muri-Gries Beda Szukics ist der neue Abt des Benediktinerklosters Muri-Gries. Er wird nun für die nächsten 12 Jahre dieses Amt bekleiden. Abt Beda ist Nachfolger des überraschend vestorbenen Abtes Benno Malfèr. Fotografiert in der Klosterkirche Muri.

Abt Beda

Sandra Ardizzone

Abt Beda, was wünschen Sie sich zu Weihnachten

Abt Beda: Jetzt konkret, für mich selber, wünsche ich mir, dass ich in meinem Amt Wurzeln finde, die tragen. Dass das, was mir von meinen Mitbrüdern übertragen wurde, zu einer Aufgabe wird, die ich gut erfüllen kann.

Wie kamen Sie von Klingnau aus eigentlich nach Muri-Gries?

Ich hatte einen Onkel, der Laienbruder im Kloster Sarnen war. Ich war ab und zu in den Ferien bei ihm. Er hat den Obstgarten betreut und im Herbst half ich ihm bei der Ernte. So lernte ich das Kloster kennen. Die Art und Weise, wie man da lebte, hat mich angesprochen. In Klingnau war ich Ministrant und in der Jungwacht. Der Ort hat mich diesbezüglich schon sehr geprägt. Auch meine Eltern haben mich sehr unterstützt auf meinem Weg. Beide waren stark in der Kirche verankert. Dass man am Sonntag zur Kirche ging, war selbstverständlich. Es brauchte einen sehr guten Grund, wenn es einmal nicht sein konnte oder sollte...

Nach der Matura sind Sie in den Orden eingetreten. Weshalb?

Zwei Dinge waren mir wichtig: auf der einen Seite das Geistlich-Spirituelle, auf der anderen Seite das Weltlich-Wissenschaftliche, Konkrete, Technische – das alles in einem Leben zu verbinden, das hat mich fasziniert. Klingnau ist mir als der Ort meiner Jugend noch wichtig, auch gefühlsmässig, aber ich bekomme kein Heimweh nach Klingnau. In den letzten 30 Jahren ist Sarnen meine Heimat geworden. Das ist bisher die längste Zeit in meinem Leben, in der ich an einem Ort war. Jetzt bin ich aber in Bozen und ziemlich sicher, dass ich mich auch da daheim fühlen werde. Ich bin nicht einer, der Heimweh hat.

Ihre Brüder wählten Sie am 24. Oktober in Bozen zum Abt – mehr Ehre oder Last für Sie?

Vermutlich beides. Ich war vorher ja Prior in unserem Kloster in Sarnen und hoffte, ich könne nach der Wahl zurückkehren und dort weiterwirken. Als ich dann aber zum Abt gewählt wurde, war das für mich schon eine Last, weil ich merkte, dass ich nicht mehr in Sarnen weiterarbeiten kann wie vorher, gleichzeitig aber mich wirklich darum kümmern muss, was aus dieser Gemeinschaft wird. Es ist aber auch eine Ehre, Abt zu sein. Ich habe gemerkt, dass meine Brüder mich wollen. Ich bin nicht nur einfach eine Notlösung für sie, sondern sie haben das Gefühl, ich könne der Gemeinschaft gut dienen. Das hat mich natürlich sehr gefreut.

Wie geht so eine Wahl vonstatten?

Wir machen das in einem zweitägigen Prozedere. Am Vorabend wird entschieden, welche Art von Wahl es sein soll, vor allem, ob mit Amtszeitbeschränkung oder nicht. Ich bin jetzt für zwölf Jahre gewählt, also nicht auf Lebenszeit. Das ist für mich aber kein grosser Unterschied, denn auch «auf Lebenszeit» heisst, mit 75 ist dann Schluss. Bei meinem Amtsende werde ich auch schon über 70 sein. Am zweiten Tag liest man am Morgen eine spezielle Messe, die auch auf die Wahl ausgerichtet ist. Dann kommt man zusammen und wählt in geheimer Wahl den neuen Abt. Der muss im ersten Wahlgang eine Zweidrittelmehrheit erreichen und im zweiten Wahlgang dann das absolute Mehr.

Am 9. Dezember fand in der Stiftspfarrkirche Gries die Abt-Benediktion statt. Was war für Sie das Schönste an diesem Tag?

Wie schon bei meiner Priesterweihe war es auch hier der Moment, in dem ich auf dem Boden liege und alle anderen für mich, mit mir, die Allerheiligenlitanei beten. Das war der Moment, der mir am meisten Eindruck gemacht hat.

Was macht denn diesen Moment so besonders?

Es ist wirklich speziell: Ich selber singe ja nicht mit; ich kann ja nicht singen, wenn ich auf dem Boden liege. So ist es auf der einen Seite ein Moment der Ruhe, auf der anderen Seite ein Moment des Hereingenommenwerdens ins Gebet von allen. Für mein Empfinden ist es wirklich das, was mich so bewegt: Ich darf einfach das entgegennehmen, was andere für mich tun, beten, segnen. Das ist ein Geschenk für den, der da geweiht wird.

Welche Aufgaben hat der Abt von Muri-Gries?

Das Erste, was er machen sollte, und wovon ich hoffe, dass ich es auch gut machen werde, ist, für die Mitbrüder da zu sein. Er muss sie leiten, unterstützen, mit ihnen zusammenleben, mit ihnen zusammen beten – das steht sicher zuvorderst. Daneben ist er auch der gesetzliche Vertreter des Klosters, im Italienischen heisst das «rappresentante legale». Das ist der, der alle Unterschriften leisten muss und kann, wenn es um irgendwelche wirtschaftlichen Fragen geht.

Das heisst, er sollte nicht nur Theologie, sondern auch noch Wirtschaft studiert haben?
(lacht) Ja, ja... Vielleicht ist ein Wirtschaftsstudium grad etwas viel, aber es würde sicher nicht schaden, sagen wir’s mal so. In Gries etwa haben wir etwas über 40 Angestellte. In Sarnen sind es etwas weniger, aber auch da haben wir viele Dinge zu managen.

Sie sind nun zuständig für Muri-Gries, Muri im Freiamt, das Kollegium in Sarnen sowie die Frauenklöster von Hermetschwil und Habsthal in Deutschland. Sind Sie nun dauernd auf Achse?

Also mein Ziel ist es, dass ich möglichst wenig hin und her fahre. Damit ich vor allem der Gemeinschaft in Sarnen dienen kann, habe ich das jetzt mal so ins Auge gefasst. Ob ich das dann durchhalten kann, ist die andere Frage. Ich möchte jeden Monat für eine Woche in Sarnen sein, normalerweise mit einem Sonntag dazwischen, damit ich auch den Sonntagsgottesdienst da halten kann. Die anderen drei Wochen werde ich in Gries sein. Alle anderen Orte besuche ich dann entweder von Sarnen oder von Gries aus. Ich hoffe nun einfach, dass das so funktioniert.

Manager haben Assistenten. Haben Sie auch welche oder müssen Sie alles allein bewältigen?

Nein, nein, ich habe an allen Orten Mitarbeiter. In Gries zum Beispiel ist es der Dekan, also Pater Benedikt, der, wenn ich nicht präsent bin, die Aufgaben eines Oberen wahrnimmt. Dazu kommt ein Verwalter, der verschiedene wirtschaftliche Aufgaben übernimmt und eine Sekretärin, die mir hilft, in all meinen Geschäften à jour zu bleiben. In Sarnen ist es Pater Ansgar, der mir diesbezüglich zur Hand geht. Es sind viele Leute da, die mir helfen, sonst ginge das gar nicht.

Benedikt von Nursia hat mit seinen Klosterregeln einen Leitfaden geschrieben, den heute sogar weltliche Führer zu Rate ziehen. Was kann uns der Ordensgründer aus dem 5. Jahrhundert lehren?

Ich glaube, es sind zwei Dinge, die wir lernen können. Auf der einen Seite hat Benedikt ziemliche viele, konkrete Regeln für das Zusammenleben aufgestellt . Vieles hat er detailliert geregelt, aber er hat andererseits auch immer gesagt: «Berücksichtigt die Umstände, lasst das Augenmass gelten.» Der lateinische Ausdruck, den er braucht, ist «discretio», also «die Unterscheidungsgabe». Ich muss erkennen, was der Einzelne und was die Gemeinschaft in welcher Situation brauchen und muss dann die Regeln daran anpassen. Vielleicht auch mal etwas gut sein lassen, das in den Regeln an und für sich anders vorgeschrieben ist. Oder auch neue Ideen einbringen und überlegen: Wie gehen wir jetzt mit den neuen Situationen um? Was sind vernünftige Regeln für die heutige Zeit?

Wie sehen Sie die Zukunft der Klöster in der Schweiz?

Was wir wissen ist, dass wir überaltert sind und dass wir personell nochmals sehr stark schrumpfen werden. Das ist eine Herausforderung: Wir werden immer weniger, aber dennoch haben wir das Gefühl, wir müssten dasselbe leisten. Dabei haben wir dann auch noch den Anspruch, jeder übernehme ein möglichst grosses Arbeitsfeld, sei dafür auch noch selber verantwortlich und niemand dürfe ihm da dreinreden. Das ist eine Gefahr, nicht nur im Kloster, auch sonst in der Kirche. Schauen Sie mal, was der Leiter eines Pfarreiverbandes alles machen muss. Früher hat man immer die Teamfähigkeit betont. Ich glaube, es muss in die Richtung gehen, dass man Aufgaben, die man übernimmt, als Aufgaben der Gemeinschaft ansieht und vieles, wenn immer möglich, nicht alleine macht, sondern eben in einer Gruppe.

Wie werden Sie dieses Jahr Weihnachten feiern?

Weihnachten ist zunächst einmal viel Arbeit. Wir haben unsere Gottesdienste. Meistens sehr feierliche Gottesdienste, bei denen alle sehr angespannt sind und viel zu tun haben. Wir haben darum damit angefangen, unsere interne Weihnachtsfeier, das Emotionale, auf ein paar Tage später zu verlegen. Wir feiern dann mit grossem Mittagessen und langem Kaffee anschliessend, sodass jeder nachher noch etwas ausruhen kann. Ich werde vom 24. bis 26. in Gries sein. Da werde ich mein erstes Pontifikalamt halten. Es gibt halt so Tage, an denen erwartet wird, dass der Abt mit Stab und Mitra auftritt im Gottesdienst.

Was ist für Sie das Wesentliche, die Hauptaussage von Weihnachten?

Weihnachten ist das Fest der Menschwerdung Gottes und umgekehrt: Gottwerdung des Menschen. Also: Gott wird Mensch und dadurch haben wir einen neuen und ganz anderen Zugang zu Gott. Der Mensch kann sich mit Gott verbinden, kann Gott werden – metaphorisch ausgedrückt – und das ist das Wesentliche von Weihnachten. Wir bekommen eine ganz neue Möglichkeit, das Gute zu finden in unserem Leben. Ich bin der Überzeugung, wir sind Geschöpfe Gottes und von daher gehören wir zu ihm, aber wir merken das ab und zu einfach nicht.

Abt Beda tritt schweres Erbe an

Beda Szukics (lies: Sukidsch) kam am 22. August 1959 in Liestal zur Welt. «Meine Eltern haben noch gewartet, bis ich da war, dann zogen sie nach Klingnau um», erzählt der neue Abt von Muri-Gries mit Klingnauer Bürgerrecht. In Baden besuchte er die Kantonsschule und anschliessend trat er ins Kloster Sarnen ein. Er studierte Theologie, legte 1980 seine Profess in Muri-Gries ab und erhielt 1986 die Priesterweihe.

- Schon seine Baccalaureatsarbeit schrieb er über «Die Anfänge des Klosters Muri» und auch als Prior von Sarnen war er häufig zu Gast im Freiämter Benediktinerkloster, aus welchem die Mönche 1841 bei der Klosteraufhebung im Aargau vertrieben wurden und im Südtiroler Dorf Gries bei Bozen ein neues Zuhause fanden.

- Auch das Kollegium in Sarnen war einer der Fluchtorte der Freiämter Benediktiner. So konnten die Mönche in Muri-Gries nach der Vertreibung aus dem Freiamt den Kontakt mit der Schweiz aufrechterhalten.

Drohende Klosterschliessung

Ab 1986 war Szukics als Religionslehrer im Kollegi Sarnen tätig. Zudem amtete er als Ökonom und Bibliothekar der Gemeinschaft, die ihn 1991 zum Subprior und 2009 zum Prior wählte. Seine Vorliebe für Naturwissenschaften und Technik kam ihm bei seiner Aufgabe als eigentlicher Manager des ganzen Klosterbetriebes sicher zugute. Seine menschliche und spirituelle Tiefe hat wohl das Bild für seine Brüder abgerundet, die ihn nach dem Hinschied von Abt Benno Malfèr (28. August) am 24. Oktober zu ihrem neuen Abt wählten.

Abt Beda, 60. Abt von Muri und 11. Prior von Gries, tritt in die grossen Fussstapfen seines Vorgängers, der während 26 Jahren durch geschicktes Wirtschaften und neue Regeln in der Gemeinschaft dem zunehmenden Personalmangel die Stirn bot. Abt Beda weiss, dass sich bis zur 1000-Jahr-Feier des Klosters Muri, 2027, noch einiges ändern wird: «Klöster werden schliessen müssen. Die Seelsorgestationen werden aufgegeben. Es ist mir aber wichtig, dass dies auf eine gute Art und Weise geschieht. Ich finde, auch ein guter Schluss ist etwas Gutes. Ich spreche da aus Erfahrung, weil das Kollegium Sarnen wohl auch noch vor der Jubiläumsfeier wird zumachen müssen.» Auch das erzählt der neue Abt lächelnd, denn er und seine Brüder leben in der Gewissheit, dass jeder seinen Platz findet, der betet und arbeitet.