Beinwil
Der Nationalratspräsident aus Beinwil: Ein Kämpfer in schwierigen Zeiten

Emil Nietlispach war der letzte Nationalratspräsident aus dem Freiamt – das ist nun schon 75 Jahre her. Mit 35 Jahren wurde er in die grosse Kammer in Bern gewählt. 20 Jahre lang machte er dort Politik.

JÖRG BAUMANN
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Emil Nietlispach, aufrechter Kämpfer für eine eigenständige Schweiz. ZVG Schweizerische Nationalbibliothek

Emil Nietlispach, aufrechter Kämpfer für eine eigenständige Schweiz. ZVG Schweizerische Nationalbibliothek

Auf einen Nationalratspräsidenten wartet das Freiamt schon seit 75 Jahren. Als letzter bekleidete der katholisch-konservative Politiker und Jurist Emil Nietlispach (1887–1962) aus Beinwil 1940/41 dieses Amt. Das Politisieren lag in seiner Familie. Schon sein Vater Jakob Nietlispach (1848–1918) sass von 1893 bis 1918 im Nationalrat.

Emil Nietlispach wuchs im Hintergrüt in Beinwil auf, wo sein Elternhaus noch immer steht, besuchte nach guter alter Freiämter Art das Gymnasium Schwyz und studierte in Bern, Berlin und Paris Jurisprudenz. In Bern erlangte er die Doktorwürde. In Lenzburg arbeitete Nietlispach zunächst als Gerichtsschreiber. 1915 eröffnete er in Wohlen seine eigene Anwaltspraxis. Im Alter von 29 Jahren wurde er in den Aargauer Grossen Rat gewählt, dem er bis 1942 angehörte und den er 1921 und 1922 präsidierte.

Mit 35 Jahren im Nationalrat

Die Arbeit im Grossen Rat überzeugte die Wähler offenbar so stark, dass sie Nietlispach bereits 1922 in den Nationalrat wählten. In der grossen eidgenössischen Kammer blieb er bis 1942. In Bern setzte er sich für die Volksrechte, eine Reform und Rationalisierung des Parlamentsbetriebes und gesunde Bundesfinanzen ein. Frühzeitig grenzte er sich von den Frontisten ab, die in den Dreissigerjahren einen gefährlichen deutschfreundlichen Kurs verfolgten. 1935 bis 1940 diente er der Schweizerischen Konservativen Volkspartei als Präsident.

Als Nationalrat stellte sich Nietlispach hinter das AHV-Gesetz, das er als «gut und anwendbar» bezeichnete. Im Zweiten Weltkrieg erklärte er 1940 in der Vollmachtenkommission: «Jeder Schweizer, Mann und Frau, seien bereit, für die Verteidigung der Neutralität sowie für die Freiheit und Unabhängigkeit unseres Landes alle Opfer an Gut und Blut zu bringen, mögen sie noch so gross sein, und nötigenfalls gegen jeglichen Angreifer in den Kampf zu ziehen, von woher er auch kommen mag».

Die Vollmachtenkommission war geschaffen worden, um der Regierung in den Kriegsjahren ausserordentliche Vollmachten zu sichern. Sie tagte unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Duttweiler ausgeschlossen

Nietlispach schloss als Präsident den Migros-Gründer und Nationalratskollegen Gottlieb Duttweiler aus der Kommission aus, weil dieser Interna aus vertraulichen Sitzungsprotokollen seinen Fraktionskollegen zugestellt hatte. Danach wurde das Sitzungsprotokoll nicht mehr an die Kommissionsmitglieder verschickt, sondern für sie nur noch zur Einsicht zur Verfügung gehalten.

Nietlispach stand auch als Bundesrat zur Diskussion. Nach dem Rücktritt aus dem Nationalrat wechselte er an das Eidgenössische Versicherungsgericht, das er in seiner Amtszeit bis 1959 zweimal präsidierte.

Wahl zum Ehrenbürger verpasst

1942 zog er deshalb von Wohlen nach Luzern, an den Sitz des Versicherungsgerichtes. Seine Tochter Cilla Von Arx-Nietlispach lebt noch, neunzigjährig, in Zumikon. Sein Sohn Hans Nietlispach war Rechtsanwalt in Aarau und ist vor einigen Jahren verstorben.

Emil Nietlispach sollte 1962 zum Ehrenbürger der Gemeinde Beinwil ernannt werden. Aber er starb ein paar Tage vorher. Elisabeth Nietlispach, die Schwester des Grodhof-Bauern Albert Nietlispach (81), hatte ein Gedicht auf den berühmten Nationalrat vorbereitet – vergebens, wie sich zeigte.

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