Villmergen

Der Lunzi - besser geht es nicht

Das Theaterstück «Der Kammerdiener» der Theatergesellschaft Villmergen ist der schönste Abschied, den sich das «Rössli» hätte wünschen können.

Nach der Derniere des neuen Theaterstücks «Der Kammerdiener» Ende Monat wird das altehrwürdige Restaurant Rössli in Villmergen abgerissen. Doch bis dahin zeigt die Theatergesellschaft Villmergen noch einmal, was in dem hübschen alten Gemäuer steckt. Ihr neuestes Werk ist einfach nur unglaublich.

Nicht genug, dass die Geschichte über den 1854 geborenen Leonz «Lunzi» Koch im Rössli, einem der Originalschauplätze seiner Geschichte, spielen kann und von den Theaterleuten seines Heimatdorfs aufgeführt wird. Die Ideen, die die Theatergesellschaft präsentiert, sind an Originalität kaum zu übertreffen. Denn eigentlich wäre der Rösslisaal zu klein für ein so grosses Theater. Aber das hindert die Villmerger keineswegs, ihre Zuschauer mit auf die unzähligen Schiffs- oder Bahnreisen zu nehmen; nach Paris, Batavia, New York oder wo Lunzi sonst noch überall herumgekommen ist. Dafür brauchen sie nicht nur den Saal, sondern buchstäblich jeden Millimeter an Platz, der ihnen zur Verfügung steht.

Der wahrhaftige Kirchenhügel

Zu Beginn zieht ein Leichenzug durch die Villmerger Gassen. Im wahrsten Sinn des Wortes: Die gespielte Trauergemeinde benützt nicht etwa die Bühne, sondern kann von den verdutzten Zuschauern durch die Rösslisaalfenster beobachtet werden, wie sie den Kirchenhügel hinunterkommt. Lunzis Reise beginnt, als ihn eine Bekannte ins ferne Aarau mitnimmt, wo er in einem Hotel als Schuhputzer anfangen kann. Die Wagenszene, bei der die vier Pferdchen am Fenster friedlich wiehernd den Wagen ziehen, schrammt aufgrund der Art der Komik knapp am Turnverein-Lustspiel vorbei, ist aber so originell gemacht, dass sich die Zuschauer noch lange darüber amüsieren werden.

Nachdem Lunzi einmal einen Fuss in die weite Welt gesetzt hat, zieht es ihn immer weiter hinaus: Neuchâtel, Marseille, Russland, Indonesien, Hawaii, New York, Havanna. Am Marseiller Hafen werden die Segel der riesigen Schiffe gesetzt – so natürlich auch im Rösslisaal. Es ist magisch, wie rasch und mit welch kleinem Aufwand aber grossen Ideen die Schauspieler das Rössli in eine Hafenanlage verwandeln.

In Russland schneit es - selbstverständlich

Danach wird es zu Russland, wo es selbstverständlich schneit. Der Zug dorthin kann nicht nur als grosse Projektion an der einen Wand, sondern auch als kleine Modellokomotive an der anderen mitverfolgt werden. Und in Batavia bebt die Erde dermassen, dass jeder einzelne Tisch im Raum wankt und zittert – wortwörtlich jeder einzelne.

Mit dieser Inszenierung, den vielen Ideen und Details hat sich die Theatergesellschaft Villmergen selbst übertroffen. Es ist schade für all jene, die sich keinen Platz mehr an einer Vorstellung sichern konnten. Ihr Glück: Für die Probe vom 6. September sind noch Tickets erhältlich. Denn nicht nur wegen des baldigen Verschwindens des Rösslisaals wird «der Kammerdiener» als absolut einzigartig in den Köpfen bleiben.

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