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Der Krebs nahm ihr das halbe Gesicht – nun ist sie für den Prix Courage nominiert

Susi Schildknecht zeigt trotz entstelltem Gesicht Mut.

Susi Schildknecht zeigt trotz entstelltem Gesicht Mut.

Die Jonerin Susi Schildknecht (59) ist für den Prix Courage 2020 des «Beobachters» nominiert. Sie will anderen Betroffenen Mut machen.

Der Name ihrer persönlichen Website mit ihrem Blog klingt brutal – «www.krebsgesicht.ch». Für die Jonerin Susi Schildknecht bedeutet es aber genau das. «Ich wollte die Sache beim Namen nennen», sagt sie. Über 40 Operationen musste sie in den vergangenen acht Jahren über sich ergehen lassen.

Die Operationen haben Susi Schildknechts Gesicht entstellt. Im Kampf gegen den Gesichtskrebs entfernten die Ärzte ihr das rechte Auge mit der Augenhöhle, die Nase und die Stirn sowie Teile der Wange.

Ein grosses weisses Pflaster bedeckt fast die Hälfte ihrer rechten Gesichtshälfte. Obwohl sie mit ihrem Aussehen auffällt, verkriecht sich die 59-Jährige nicht zu Hause. Im Gegenteil. Sie kämpft gegen die Diskriminierung und Vorurteile anderer Menschen.

«Es braucht mutige Menschen»: Susi Schildknecht ist für den Prix Courage nominiert

«Es braucht mutige Menschen»: Susi Schildknecht ist für den Prix Courage nominiert

«Für mich ist allein die Nomination ein Erfolg»

Für ihr Engagement ist Susi Schildknecht als Kandidatin für den Prix Courage 2020 des «Beobachter» nominiert. «Ich war sehr überrascht, als ich die Nachricht erhielt. Für mich ist nur schon die Nomination ein Erfolg», sagt sie.

Beurteilen, ob sie wirklich mutig sei, könne sie nicht. «Ich bin halt vom Charakter her ein Rebell. Ich kämpfe einfach für meine Sache. Mutig sind für mich mein Mann René, der mich sehr unterstützt, und andere Menschen», erklärt die ehemalige Zürcher Gemeinderätin.

In früheren Jahren fiel es Susi Schildknecht einfach, Kontakt zu anderen zu pflegen, sie bezeichnet sich selbst als extrovertiert. Das hat sich durch ihr spezielles Aussehen verändert. Sie sei vorsichtiger geworden. Die begeisterte Hobbyläuferin joggt vor allem in ihrer engeren Umgebung und besucht bewusst am frühen Morgen ein Fitnessstudio, wenn die Gästezahl noch klein ist.

Beleidigungen haben nach TV-Auftritt abgenommen

Früher wurde sie wegen ihrem entstellten Gesicht auf der Strasse mit Sprüchen beleidigt, meistens von Frauen. Oft hätten die Leute nicht gewusst, welche Leidensgeschichte sie schon hatte mitmachen müssen. Seit einem Auftritt in der Sendung «Talk täglich» vergangenen Februar sei dies spürbar besser geworden. Die Beleidigungen hätten abgenommen.

Schlechte Erfahrungen hat Susi Schildknecht ausgerechnet in Kliniken gemacht. Sie übt deshalb auch Kritik. «Ich erlebte vom Personal im Spital teils unglaubliche Diskriminierung. Man sagte mir zum Beispiel: ‹Wenn ich so aussehen würde wie Sie, würde ich mich erschiessen.›» Krasse Bemerkungen, die Susi Schildknecht zu schaffen machten. Ein Arzt sagte ihr vor einigen Jahren auch: «In Ihrem Alter ist das Aussehen nicht mehr so wichtig.»

Ein einschneidendes Erlebnis hatte sie, als ihr die Mediziner nur noch drei bis vier Monate zu leben gaben. «In meinem Spitalzimmer besuchten mich zwei Frauen von der Palliative Care und sagten emotionslos: ‹Wir wollen Sie auf den Tod vorbereiten›. Da hatte ich genug und entschied mich, zu kämpfen. Der Rebell in mir drückte durch», erzählt sie.

Die Ärzte und das medizinische Personal müssten ihre Kommunikation verbessern. «An mir haben Ärzte operiert, die dies nie hätten tun dürfen, weil sie gar keine Fachspezialisten sind», erklärt sie.

Neue Nase am Unterarm gezüchtet

Susi Schildknecht ist es wichtig zu betonen, dass sie mit ihrer Kritik nicht die Ärzte und Professoren im Basler Unispital meint. Dort ist sie seit 2018 in Behandlung und hochzufrieden. «Jene Ärzte haben mein Leben gerettet», sagt sie. Sie hofft, dass in etwa einem Jahr ihr Gesicht soweit möglich wiederhergestellt ist. Am Unterarm züchteten die Ärzte zum Beispiel eine neue Nase, die bereits verpflanzt wurde.

Weltkrebstag: Mit Kampfgeist gegen die Krankheit

Tele M1 Beitrag vom 4. Februar 2020: Weltkrebstag - Susi Schildknecht und ihre Krankheit

Susi Schildknecht hat wegen ihrer Krankheit ein Auge und ihre Nase verloren. Doch die Aargauerin trotzt dem Gesichtskrebs und bleibt kämpferisch. 

Auch sollte sie den «Prix Courage» nicht gewinnen, wird Susi Schildknecht ihr Ziel weiterverfolgen. «Ich möchte Menschen mit ähnlichen Verletzungen Mut machen und zeigen, dass wir ganz normale Menschen sind.» Zudem arbeitet sie an einem Buch mit dem Arbeitstitel «Von Ärzten medizinisch missbraucht».

Es soll keine Diffamierung der Ärzte sein, sondern die Gesellschaft sensibilisieren. Dennoch ist Susi Schildknecht bewusst, dass es «immer Leute geben wird, die blöd schauen».

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