43 Meter hoch ragt der Kamin beim alten Kesselhaus über die Dächer von Anglikon . Wer sich etwas abseits der Hauptstrasse in den «Winkel» wagt, erkennt auch noch die hübsche rote Brücke, die die alten Backsteinhäuser miteinander verbindet. Die Gebäude gehören zu den letzten Zeugen einer einst florierenden Industrie. Hier wurden Naturfasern und Kunststoffe gefärbt. Und zwar über ein Jahrhundert lang von vier Generationen der Familie Schärer und ihren Angestellten. Die alten Gemäuer können nicht mehr von früher erzählen – wer es aber kann, ist Frank Schärer. Er war der letzte Besitzer der Färberei Schärer. Und er war der, der im September 1989 noch eigenhändig die allerletzten Produkte einfärbte: 1000 Stück Riogeflecht für die Jakob Isler & Co. AG.

In der Blütezeit 100 Angestellte

«Begonnen hat alles, als mein Urgrossvater Johann Schärer, der von Biberstein gekommen war, hier eine stillgelegte Chäsi kaufte und sie zur Strohfärberei umbaute», erzählt Frank Schärer. «Für die Strohindustrie war ein solcher Dienstleister wichtig, daher wuchs die Firma rasch.» Noch in den 1980er-Jahren übergab Johann an seine drei Söhne, von denen 1918 Julius Schärer, Frank Schärers Grossvater, alleine übernahm. «Neben Stroh, Bast und Rosshaar wurden mittlerweile auch Baumwolle und Wolle gefärbt.» In den 1920ern erlebte die Strohindustrie und mit ihr die Färberei ihre Blütezeit. «Dann wurde auch gebaut.» 1926 entstand der Gebäudekomplex, wie er heute zu sehen ist. Einzig der Mittelteil wurde in den 50ern erneuert.

Laufend wurde auch in neue Maschinen investiert. «Zu Spitzenzeiten waren es bis zu 100 Angestellte in der Färberei», weiss Frank Schärer. «Als ich 1972 übernahm, waren es aber nur noch 45, die Technik löste nach und nach das Handwerk ab.» Frank Schärer war gelernter Färber und gerade für ein Jahr in Österreich in einer Färberei, als er wegen des Todes seines Vaters nach Hause kommen musste. «Es war schon gedacht, dass ich die Firma übernehmen würde, aber erst wollte ich noch nach Italien und England für je ein Jahr. Das kam dann eben anders.»

Abhängig von der Strohindustrie

1972 war die Firma in eine Spulenfärberei und eine Stranggarnfärberei unterteilt. Als kleineren Zweig gab es eine Mercerisation, wo Baumwollgarn in Lauge getunkt, gestreckt, geschrumpft und nochmals gestreckt wurde. «Das war für Korsettstoff und Strickgarn gefragt.» Zudem wurden Strohhutstumpen gebleicht und gefärbt. «Wir färbten bis zu 2 Tonnen Garn pro Tag und machten zu Spitzenzeiten 1,5 bis 2 Millionen Franken Umsatz.» So übernahmen sie 1984 auch die Aufträge und das Personal der Färberei Isler in Wohlen.

Die letzten Jahre führte Frank Schärer den Betrieb zusammen mit seinem Cousin Hans-Ueli Schärer. Als dieser starb, sah Frank Schärer nur noch eine Lösung: «Ich übernahm die Firma selbst und legte sie still. Denn als Dienstleister waren wir von der Strohindustrie abhängig. Wenn unsere Kunden zumachten, konnten wir auch nicht mehr überleben», sagt er schulterzuckend. «Man sollte aufhören, solange man das noch selber entscheiden kann, fand ich.» Am Ende waren noch 16 Leute in der Firma angestellt. «Wir boten allen an, so lange zu bleiben, bis sie eine neue Stelle gefunden hatten. So blieb ich für die letzten Monate noch mit zwei Frauen allein im Betrieb, bis auch sie eine andere Stelle fanden», sagt er lächelnd.

«Obwohl ich am Ende zumachen musste, habe ich mehr schöne als schlechte Zeiten in der Färberei erlebt», sagt Schärer, der mit seiner Frau noch immer im Nachbarhaus der alten Färberei wohnt, umgeben von seinem geliebten Garten. Heute steht das dreistöckige Gebäude unter Ensembleschutz, die Räume werden vermietet. «Was irgendwann daraus werden soll, wissen wir noch nicht.»