Muri
Der höchste Gleiter ist Freiämter – er flog schon 120 Kilometer am Stück

Urs Frei aus Muri ist der neue Präsident des Schweizerischen Hängegleiter-Verbandes. Er weiss um die Gefahren des Fliegens, hat selber schon Freunde und Bekannte verloren.

Andrea Weibel
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Urs Freis Faszination: Hier fliegt er über dem Norden der Schweiz an der Grenze zu Deutschland im Gebiet Ob Lucken (Schaffhausen).

Urs Freis Faszination: Hier fliegt er über dem Norden der Schweiz an der Grenze zu Deutschland im Gebiet Ob Lucken (Schaffhausen).

zvg

Er ist 50 Jahre alt und Kommunikationschef bei Heineken Schweiz. Er ist es gewohnt, in Hemd und Kittel Vertreter des Bundes oder andere wichtige Leute zu empfangen. Und er arbeitet ab und zu abends etwas länger, um am Nachmittag die gute Thermik auszunutzen und für ein paar Stündchen mit seinem Gleitschirm abzuheben.

Urs Frei ist sehr vielseitig und würde den Rahmen eines «normalen Geschäftsmanns» ganz sicher sprengen. Aber das muss man vermutlich auch, wenn man Präsident des Schweizerischen Hängegleiter-Verbandes (SHV) beziehungsweise der höchste Gleitschirmler des Landes ist.

Faszination ist das Zauberwort

Im März 1989 hat er mit dem Gleitschirmfliegen begonnen, damals noch mit quasi rudimentärem Material. «‹Eins zu Stein› ist ein geflügeltes Wort für die damalige Technik. Pro Meter, den man heute an Höhe verliert, kommt man rund zehn Meter vorwärts. Damals kam man pro Meter Höhenverlust vielleicht drei Meter weit. Seither hat sich sehr viel verändert in Sachen Technik und Material. Es ist faszinierend, das alles mitzuerleben», sagt der 50-jährige Ehemann und Vater einer 1-jährigen Tochter und eines 18-jährigen Sohnes, der vor knapp einem Monat mit der Familie nach Muri gezogen ist.

Faszination ist wohl eines der Worte, die ihn charakterisieren könnten. Erzählt er vom Fliegen, spürt man diese Faszination mehr als deutlich. «Das Erlebnis, die Welt aus einer anderen Perspektive zu sehen, war prägend für mein ganzes Leben. Man erkennt einen ganz anderen Zusammenhang. Es ist extrem bereichernd.» Mit einem feinen Lächeln fährt er weiter: «Es braucht so wenig Material und so wenige Schritte, um nur mithilfe der Elemente fliegen zu können. Und zwar immer im Wissen darum, dass der Mensch nicht in die Luft gehört, sonst hätte er vermutlich Flügel. Aber die Technik macht es möglich.» Sein Grinsen wird breiter, als er weitererzählt: «Man erkennt so vieles von unten nicht, was da oben in der Luft vor sich geht. Aber wenn man auf 500 Metern über Boden auf einmal Tannenzapfen oder eine Cervelat riecht, die unter einem gebraten wird, beginnt man zu verstehen, welche Elemente da wirken und wie sie zusammenhängen könnten.»

«Autofahren ist gefährlicher»

Für gefährlich hält er das Gleitschirmfliegen nicht. «Ich weiss, es gibt sehr schlimme Unfälle. Auch ich habe schon gute Freunde und Kollegen verloren, die Abstürze nicht überlebt haben. Aber ich weiss auch, dass die allermeisten Unfälle auf menschliches Versagen zurückzuführen sind.» Er selbst sei schon zweimal unfreiwillig mit dem Heli abtransportiert worden. «Nur wenige Monate, nachdem ich das Brevet hatte, habe ich eine Situation vollkommen falsch eingeschätzt und zu wenig schnell reagiert, sodass ich an einem Ort landen musste, wo ich alleine nicht mehr rauskam. So musste ich eben vom Heli abgeholt werden.» Das mache deutlich: «In den allermeisten Fällen ist das Problem nicht der Schirm, sondern das, was darunter hängt.» Aber wer die Warnzeichen der Natur und der Wetterstationen berücksichtige, sei «mit Sicherheit weniger in Gefahr als einer, der täglich mit dem Auto von Muri nach Luzern zur Arbeit fährt», ist Frei überzeugt.

Sportlich und emotional

Als Präsident des Schweizer Hängegleiter-Verbandes, zu dem rund 17'000 Gleitschirm- und Deltapiloten gehören, ist er primät für die strategischen Leitplanken und weniger für die operativen Arbeiten des Verbands zuständig. Er hat viel mit dem Bundesamt für zivile Luftfahrt zu tun, ist aber auch für die Finanzen, die Werbung neuer und das Halten bisheriger Mitglieder zuständig. «Mir ist wichtig, dass die Flieger wissen, dass ich ihre Leidenschaft teile. Ich will kein Präsident sein, der von seinem Schreibtisch aus die Gleitschirm- und Deltapiloten führt.» So hat er sich gefreut, als er letztens an einem Startplatz bereits von einem Flieger aus Muri erkannt wurde, weil sein Porträt im letzten Verbandsmagazin «Swiss Glider» zu sehen war. «Ich werde nach wie vor versuchen, drei- bis viermal pro Monat in der Luft zu sein, das Gefühl möchte ich nicht mehr missen.»

Frei erinnert sich an viele spezielle Flüge, die er in aller Welt machen konnte. «Sportlich war der beste sicher mein persönlicher Rekord über 120 Kilometer, den ich in Österreich fliegen konnte. Emotional sind die schönsten Momente dagegen eher Sonnenuntergangsflüge über dem Meer oder Low-Saves, bei denen man sich schon auf die Landung vorbereitet und dann doch noch von der Thermik überrascht wird, die einen wieder weit aufsteigen lässt.» Danach freut er sich auf das berühmte Landebier – das feiern auch jene Flieger, die nicht für eine Biermarke arbeiten, stellt Urs Frei lachend klar.