Seit Anfang Jahr arbeite ich bei COET (Caretakers of the Environment of Tansania), einer Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Anzahl der in den Strassen von Mwanza lebenden und arbeitenden Kinder zu reduzieren.

Mein Auftrag ist es, die rund 15 Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter vor allem in den Bereichen Beratung und Dokumentation weiterzubilden und zu unterstützen.

Um mir selber ein Bild von ihren Einsätzen zu machen, war ich in den vergangenen Wochen mit meinen Arbeitskolleginnen und -kollegen oft in der Stadt unterwegs, auch nachts.

Keine Diebe und Bettler

Es gibt rund 1500 Kinder, deren Lebensschwerpunkt auf der Strasse ist. Etwas weniger als ein Drittel schläft auch nachts draussen.

Beim Wort «Strassenkind» oder «watoto wa mtaani», wie diese Kinder hier genannt werden, handelt es sich um eine ungenaue, abwertende Bezeichnung. Wenn man Erwachsene hierzulande zu diesem Begriff befragt, werden vorab Zuschreibungen wie Diebe, Bettler, Prostituierte, Drogensüchtige oder schmutzig, hilfsbedürftig, arm, krank, keine Schulbildung, ohne Zukunft genannt.

Nicht die einzelnen Kinder, sondern das Phänomen «Strassenkinder» wird als Gefahr oder viel mehr als Provokation empfunden. Mit ihrer Anwesenheit in den Strassen der grossen Städte und ihrer Nähe zur Strassenkultur der Kriminalität, des Drogenverkaufs und -konsums sowie der Prostitution machen sie auf die unsympathische Seite der Gesellschaft und ihre moralischen Grenzen aufmerksam und werden deshalb stigmatisiert, marginalisiert und diskriminiert.

Ich selber habe diese Kinder bisher oft als geschäftig, sehr beweglich, fürsorglich, intelligent, kreativ und gut organisiert erlebt. Viele sind aber auch traurig, erschöpft, hungrig, verängstigt, krank, traumatisiert und starken Gefühlsschwankungen ausgeliefert.

Am meisten Stress bereiten den Kindern, vor allem denjenigen, die auf der Strasse schlafen, die Nächte. Als grösste Gefahrenquellen führen sie die Polizei sowie die älteren Strassenjungen an, von denen sie immer wieder vertrieben, verprügelt oder sexuell misshandelt werden.

Regelmässige Fussballtrainings

Viele dieser Kinder besuchen regelmässig unsere Fussballtrainings. Dreimal wöchentlich finden diese am Morgen auf verschiedenen öffentlichen Plätzen statt. Ein Teil der Trainer sind selber ehemalige Strassenkinder und kennen deren Situation bestens.

Während den Trainings und vor allem während den regelmässig stattfindenden Turnieren, geben sie alles. Manchmal geht’s ruppig und immer sehr laut zu. Die klaren Fussballregeln helfen ihnen jedoch, Abmachungen einzuhalten und einzufordern, und sie lernen den Sinn von Regeln im Spiel und Zusammenleben kennen. Dies ist besonders wichtig, da diese Kinder oft nur ungenügend mit inneren Strukturen ausgestattet sind und diese äusseren Strukturen helfen ihnen, sich zu orientieren.

Übrigens: letztes Jahr hat unser Team in Brasilien die Strassenkinder-Weltmeisterschaft gewonnen.