Wohlen

Der Freiämter Kalender war Kult – jetzt wird er nach über 100 Jahren eingestellt

Der erste Freiämter Kalender erschien 1911. Doch die Auflage und die Inserateeinnahmen sind stetig gesunken. Jetzt hat der Verlag den Schlussstrich gezogen.

Es gibt in der Schweiz wohl kaum ein Verlagsprodukt, für das Gemeinden offiziell Werbung machen. Den Freiämter Kalender aus dem Hause Kasimir Meyer AG, Wohlen, konnte man jedoch sogar lange Zeit direkt auf Gemeindekanzleien kaufen; zumindest in einigen kleineren Dörfern in den Bezirken Bremgarten und Muri, in denen es keinen Kiosk gegeben hat.

Gestört hat sich daran niemand. Und auch nicht an den «Werbespots», die alljährlich in den offiziellen Mitteilungen der Gemeinden für das Produkt gemacht wurden. Noch im vergangenen Herbst war da vielenorts zu lesen: «Der neue Freiämter Kalender ist da.»

Während Jahrzehnten Kult

Der Freiämter Kalender war eben nicht irgendein Verlagsprodukt. Der Freiämter Kalender war Kult, und wer sich jeweils im Herbst einen ergattern wollte, musste sich sputen. Die Auflage war meist rasch ausverkauft.

Doch mit der Digitalisierung und der enormen Umwälzung im Informations- und Medienbereich hat sich auch das geändert. Von der Ausgabe 2001 wurden in der Kasimir Meyer AG 7700 Exemplare gedruckt, 2005 waren es noch 5900, fünf Jahre später noch 5000 und im letzten Herbst noch 3600.

Parallel zur Auflage bewegten sich auch die Inserate-Einnahmen stetig nach unten und der Freiämter Kalender wurde für die Druckerei schliesslich zum Defizitgeschäft: «Das Produkt war während Jahren lediglich noch eine Goodwill-Aktion, Geld verdient haben wir damit schon länger nicht mehr», erklärte Beni Kiser, Inhaber und Geschäftsleiter von Kasimir Meyer. Mit der aktuellen Auflage habe man sogar draufgelegt.

Neue Konzepte geprüft

Das und der Umstand, dass mit Jörg Steinmann im Sommer 2017 der Kalendermann gestorben ist, der das Produkt in den vergangenen 20 Jahren mit viel Engagement und Liebe betreut hat, führte zu einem Marschhalt. Man suchte nach Alternativen, befasste sich mit neuen Konzepten und kam letztlich doch zum Schluss: «Der Freiämter Kalender hat keine Zukunft mehr.»

«Wir haben uns den Entscheid nicht leicht gemacht. Uns ist durchaus bewusst, dass viele Freiämterinnen und Freiämter an diesem Produkt hangen. Aber wir bringen Aufwand und Ertrag nicht mehr in Einklang, weil solche Produkte heute nicht mehr zeitgemäss sind», erklärte Kiser mit Verweis auf die stetig gesunkenen Auflagezahlen.

Druckerei gut aufgestellt

Mit dem Geschäftsgang der Kasimir Meyer AG hat die Einstellung des Freiämter Kalenders, der seit 1923 in Wohlen gedruckt worden ist, nichts zu tun. «Unsere Firma ist bestens aufgestellt und hat sich in einem schwierigen Umfeld gut positionieren können», sagt Beni Kiser, der das 1886 gegründete Unternehmen vor fünf Jahren von Cyrill Heimgartner übernommen hat.

Verantwortlich für den guten Geschäftsgang seien auch die in den vergangenen Jahren getätigten Investitionen: «Wir können vor allem im Bereich Digitaldruck sehr innovative Lösungen mit hochwertigen Veredelungen anbieten, sind aber auch im Bogen-Offset und in der Druckvorstufe nach wie vor sehr stark.»

Das Unternehmen beschäftigt 30 Mitarbeitende und 6 Auszubildende. Die Kasimir Meyer AG hat, nicht zuletzt dank ihren Investitionen in neue Technologien, das Geschäftsfeld in den letzten Jahren stark ausdehnen können. «Wir haben den Kundendruck neu ausgerichtet und sind nicht mehr nur regional, sondern vor allem auch national tätig», erklärt Beni Kieser.

Meistgesehen

Artboard 1