Wohlen
Der Einwohnerrat feiert 2015 den 50. Geburtstag

Die Einführung des Dorfparlaments wurde im Mai 1965 mit 25 Stimmen Unterschied nur sehr knapp beschlossen. Viele, insbesondere der damalige Gemeindeammann Karl Albert Kuhn trauerten der Institution Gemeindeversammmlung noch lange nach.

Jörg Baumann
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Der Wohler Einwohnerrat feiert in zwei Jahren sein 50-jähriges Bestehen. Dominic Kobelt

Der Wohler Einwohnerrat feiert in zwei Jahren sein 50-jähriges Bestehen. Dominic Kobelt

Dominic Kobelt

Vor knapp 50 Jahren schaffte Wohlen die Gemeindeversammlung ab. Stattdessen wurde 1965 der Einwohnerrat, ein Parlament mit 40 Männern, eingeführt – am 10. Januar 1966 tagte dieser zum ersten Mal. Der erste Einwohnerratspräsident Theo Burkard (90), freisinnig, Jurist, hoch angesehen im Dorf und Direktor in den Firmen Jacob Isler & Co. AG und Howag AG, erinnert sich an die erste Sitzung.

«Wir betraten mit dem Einwohnerrat Neuland. Aber der Start glückte. Die Persönlichkeiten aus den verschiedensten Lagern bemühten sich erfolgreich, konstruktiv zum Wohl der Gemeinde zusammenzuarbeiten. Das Klima im Einwohnerrat ist heute leider bei weitem nicht mehr so gut wie damals.»

«Gmeind» zu schwerfällig

In den Sechzigerjahren war der Wechsel von der Gemeindeversammlung zum Einwohnerrat überfällig geworden. Wenn heisse Geschäfte anstanden, war die Turnhalle Halde, wo die Versammlungen seit den Vierzigerjahren stattfanden, manchmal chronisch überfüllt. War die Traktanden weniger attraktiv, wurde das erforderliche Quorum für definitiv gefasste Beschlüsse jedoch kaum erreicht. «War die Versammlung gut besucht, standen die Einwohner gar bis in die Eingangshalle.

Bei einem so grossen Andrang gelang es den Interessenvertretern, die Versammlung in ihrem Sinn zu beeinflussen», berichtet der pensionierte Oberrichter Werner Huber (78), von 1968 bis 1971 Stellvertreter von Gemeindeschreiber Otto Blum und Protokollführer im Einwohnerrat, dem er später für die CVP angehörte.

Die Duelle der Rhetoriker

Besonders Rededuelle lieferten sich an den Gemeindeversammlungen Webermeister Arnold Widmer (1898-1997), der auch im Grossen Rat politisierte, und die Zeitung «Das freie Wort» herausgab, und der katholisch-konservative Gemeindeammann und Jurist Karl Albert Kuhn (im Volksmund nur «KAK» gerufen).

Die einen fanden die Auseinandersetzungen zutiefst demokratisch abgestützt, andere, so auch Kuhn, ermüdeten sie. Die beiden Kontrahenten – nur zwei unter vielen, die in Wohlen das politische Leben befruchteten – fanden sich nie oder nur selten. Was immer der Gemeinderat vorschlug, Widmer packte oft den Zweihänder aus, selten aber mit durchschlagendem Erfolg. Er verhalf der Gemeinde aber immerhin zur Fabrikliegenschaft in der Bleichi, die ohne seinen Einfluss nicht gekauft worden wäre. Im Einwohnerrat sollten sich Kuhn und Widmer wieder begegnen. Denn Widmer wurde 1965 auf der Liste der «Freien und parteilosen Wähler» sogleich ins Parlament gewählt.

Am Anfang: Freisinnige und Konservative gaben den Ton an

Bei den ersten Einwohnerratswahlen behaupteten sich die Freisinnigen als die stärkste Partei. Sie stellten seit 1803 mit zwei Ausnahmen (den katholisch-konservativen Walter Meyer und Karl Albert Kuhn) den Gemeindeammann und mit elf Mitgliedern auch die stärkste Fraktion. Gewählt wurden Walter Bircher, Theo Burkard, Hans Fricker, Eduard Graf, J. Rudolf Isler, der spätere Gemeindeammann Rudolf Knoblauch, Emil Külling, Oskar Rohner, Max Suter, Anton Wohler und Hans Wyder (im Wahlprotokoll wurde Wyder falsch mit einem «i» geschrieben).

Die Konservative Volkspartei (heute CVP) brachte es auf neun Vertreter mit Willy Bächer, Otto Braunwalder, Rudolf Eichler, Bruno Fontana, Paul Kuhn, Kasimir Meyer, Anton Nietlispach, Otto Notter und Paul Weisshaupt. Die Christlich-Soziale Partei gewann fünf Sitze mit Werner Dubler, Herbert Koch, Viktor Kuhn später Gemeinderat, Alois Lütolf und Guido Muntwyler, Gründer des Circus Monti, ebenfalls fünf die Sozialdemokratische Partei mit Willi Burkard, Kurt Hägeli, Robert Lüthy, Max Piffaretti und Hans Räber.

Die Unabhängige Wählergemeinschaft Wohlen-Anglikon war mit Peter Breitschmid und Mario Dubler, Josef Hümbeli und dem Josef Mäschli vertreten, die Freien und parteilosen Wähler mit Arnold Widmer, Erwin Brunner und Armin Haase, der nach dem Tod Brunners nachrutschte, die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei mit Rudolf Bigler und Alfred Kretz und die Liste des Überparteilichen Anglikon mit Hans Baumann.

Die frühere BGB-Partei entwickelte sich zur oppositionellen SVP und ist die stärkste Kraft im Parlament. Grüne und die Grünliberale übernahmen einen Anteil in der Mitte und im linken Spektrum verminderten den Einfluss der einst übermächtigen FDP. (BA)

Die Wohler stimmten am 24. Mai 1965 der Einführung des Einwohnerrates nur knapp mit 943 Ja gegen 918 Nein zu. Die geänderte Gemeindeordnung kam an der «Gmeind» am 8. Juni 1965 nach kurzer Diskussion durch. Die ersten Einwohnerratswahlen fanden am 5. Dezember des gleichen Jahres statt. Das Wahlergebnis stand wegen des grossen Aufwandes allerdings erst am Montag, 6. Dezember um 8.15 Uhr fest.

Karl Albert Kuhn als Skeptiker

Der damalige Gemeindeammann Karl Albert Kuhn outete sich an der letzten Wohler Gemeindeversammlung am 18. Januar 1966 vor 1109 Stimmbürgern als Gegner des Einwohnerrates. «Obwohl wir die Schwächen und Stärken dieser grossen Volksversammlung kennen, berührt uns persönlich dieser Abschied doch etwas wehmütig, und wir glauben auch, dass der Stimmbürger sich noch einmal voll bewusst sein sollte, dass er seine Gemeindeversammlung verloren und damit eine Einrichtung nicht mehr hat, die ihm die grössten Füllen der politischen Rechte gewährt hat», rief Kuhn den Stimmbürgern pathetisch zu.

Im «Ring» – an den Gemeindeversammlungen – habe der «kleine Mann» seine Politik machen können. Er selber zähle sich auch zu diesen kleinen Leuten, sagte Kuhn – eine Bemerkung, die wohl mit verhaltener Ironie aufgenommen wurde, war doch Kuhns starke Handschrift und sein Einfluss bei der Behandlung der Geschäfte immer stark spürbar.

Als eines von mehreren Paradebeispielen gilt die Ansiedlung des Stahl- und Walzwerkes Ferrowohlen AG. Kuhn vertrat damals die Firma als Anwalt und soll die Stimmbürger mit dem Argument überzeugt haben, dass die Ferro keinen Rauch und Gestank mache, weil sie mit elektrischem Strom betrieben werde. Seine Rednergabe blieb seine stärkste Waffe, sein enormer Tatendrang in einer Zeit, in der Wohlen nach einer Stagnation grosse Infrastrukturaufgaben zu lösen begann, bleibt trotz aller Widersprüche unvergessen.