Baden
Der Ehemann rastete aus – aus «abgöttischer» Liebe zu seinem Kind

Ein 25-jähriger Türke stand wegen mehrfacher Körperverletzung und Drohung vor Gericht. Mit einem Messer ging er auf seine Frau los und fügte ihr insgesamt acht Stichwunden zu.

Rosmarie Mehlin
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Der 25-jährige Täter stach mehrmals auf seine Frau ein. Symbolbild/niz

Der 25-jährige Täter stach mehrmals auf seine Frau ein. Symbolbild/niz

Sie kannten sich rund drei Jahre, waren ein Jahr verheiratet, trennten sich und trafen sich vor Gericht wieder – jedoch (noch) nicht, um sich scheiden zu lassen, sondern als Täter und Opfer häuslicher Gewalt.

Leyla (Namen geändert) lebt schon seit vielen Jahren in der Schweiz. Während Ferien in ihrer Heimat, der Türkei, hatte sie den zehn Jahre jüngeren Murat 2010 kennen gelernt. Im Sommer 2012 wurde geheiratet. Kurz danach begann die Liebe sich davon zu schleichen und machte Streitereien Platz. Anlass war unter anderem die Frage, wo das Paar künftig sein Dasein fristen sollte.

Aus beruflichen Gründen wollte der 25-Jährige in der Türkei bleiben, sie weiterhin in der Schweiz. Als Leyla schwanger war, kehrte sie definitiv in die Schweiz zurück. Im März 2013 folgte Murat seiner Frau, drei Wochen später wurde die gemeinsame Tochter geboren.

Im Juni fand Murat eine 20-Prozent-Stelle als Chauffeur; zwei Monate später war er sie wieder los. Daheim wurde die Lage immer explosiver: Er beschimpfte seine Frau, drohte sie umzubringen, schlug und trat sie. Leyla ging zur Polizei und diese verfügte Ende August, dass Murat sich der Frau und dem Kind höchstens bis auf 400 Meter nähern und sich nicht näher als auf die Distanz von 500 Metern zur gemeinsamen Wohnung aufhalten durfte.

Anfang September unternahm Murat einen Selbstmordversuch. Der Sprache hier nicht mächtig, ohne Job und mit dem Verbot belegt, sein Kind, das er «unbeschreiblich liebt» zu sehen, sei er in ein seelisches Tief gefallen – zwei Wochen befand sich Murat in der psychiatrischen Klinik Königsfelden.

Eskalation im Treppenhaus

Am 12. Oktober 2013 eskalierte der Streit: Zwischen 17 und 22 Uhr versuchte Murat seine Frau insgesamt 92-mal anzurufen: «Ich wollte doch nur eines: Meine geliebte Tochter sehen!» Als Leyla entnervt abnahm, fragte er sie drohend, ob sie ihr Kind nicht aufwachsen sehen wolle. Um 22.15 Uhr dann suchte er die eheliche Wohnung auf. Als er im Treppenhaus auf Leyla traf, stach er mit einem Messer acht Mal auf sie ein, traf sie im Bauch, im Rücken, in Schulter und Hüfte. Leyla hatte grosses Glück: Die Stiche waren nicht tief.

Alles war ganz anders

Murat, inzwischen vier Monate in U-Haft, ist ein schmaler, blasser und unscheinbarer Bursche. Er habe, sagt er vor Gericht, in der Haft 24 Kilo abgenommen. Auf die Fragen von Gerichtspräsidentin Gabriela Fehr antwortet er wortreich und klar. Allerdings unterscheidet sich seine Sicht der Dinge diametral von jener von Leyla. Gemäss Murat hat nicht er seine Frau, sondern sie ihn geschlagen. Auch habe sie gedroht, dafür zu sorgen, dass er die Schweiz verlassen müsse.

Nach der Trennung habe sie aber manchmal doch noch für ihn gekocht. An jenem Abend im November habe er ihr Geschirr zurückgebracht. Im Treppenhaus habe Leyla das Messer, das auf einem Teller lag, ergriffen. Er habe es ihr weggenommen, dann seien sie beide etwa zehn Stufen die Treppe hinuntergestürzt. «Ich habe weder auf sie eingeschlagen, noch zugestochen und auch nicht gesagt, dass sie ihr Kind nicht aufwachsen sehen werde», sagte der Angeklagte.

Grosse Rückfallgefahr

Das Gericht schenkte dieser Version jedoch keinen Glauben. Viele Aussagen des Angeklagten, so Präsidentin Fehr, «liegen schief in der Landschaft.» Die Aussagen von Zeuginnen, die sich damals ebenfalls im Treppenhaus aufhielten, seien hingegen ebenso glaubhaft, wie Leylas Schilderungen. Klare Indizien seien auch ihre Hämatome und Wunden gewesen.

Der Staatsanwalt beantragte eine unbedingte Freiheitsstrafe von 18 Monaten für Murat: Ein Gutachter habe festgestellt, dass die Rückfallgefahr zur Gewalttätigkeit bei ihm gross sei. Der Verteidiger forderte einen Freispruch in allen Hauptpunkten. Das Gericht verurteilte den 25-Jährigen zu einer Freiheitsstrafe von 20 Monaten, die Hälfte davon bedingt.