Der russische Autor Jewgeni Schwarz (1896-1958) schrieb in einer Zeit und in einem Land, die keinen Platz boten für freie Meinungsäusserung. Also verfasste er seine Bühnenstücke in Form von Märchen, immer in der Hoffnung, diese kämen bei Stalins Zensur leichter durch.

Väterchen Stalin und dessen Pendant im Westen, Adolf Hitler, hatte Schwarz denn auch vor Augen, als er 1943 «Der Drache» schrieb. Ein Märchen, in dem es darum geht, wie schnell sich der Mensch mit Tyrannei und Unterdrückung arrangiert und lieber darin verharrt, als die Chance zur Befreiung zu ergreifen.

Das Original wurde vom Berliner Theaterverlag Henschel ins Deutsche übertragen. Regisseur Simon Ledermann hat daraus dann für das Bremgarter Laienensemble die Mundartfassung geschrieben, die am vergangenen Samstag im Kellertheater Premiere gefeiert hat.

Bei der Bearbeitung des Stücks stand Ledermann der Musiker Christov Rolla zur Seite. Diese Zusammenarbeit führte auch dazu, dass aus «Dem Drachen» in der Kellertheater-Inszenierung ein Theatermärchen wurde für Schauspieler/Sänger und Band.

Die Idee, das Stück mit selbst komponierten Rocksongs zu garnieren, verleiht der Aufführung das gewisse Etwas und rettet es davor, in die Sparte «märchenhaftes Lehrstück für Erwachsene mit unnötigen Längen» abzurutschen.

Zerstückelte Seelen

Das Problem beim «Drachen» ist nämlich genau dieses. Durch den hinlänglich bekannten Plot wird sofort klar, welche Bühnenfigur welchen Charakter verkörpert. Diese Charaktere erfahren während des Stücks keine weitere Entwicklung.

Sie sind eigentlich nicht mehr als unterschiedlich kostümierte Textlieferanten von teilweise sehr guten Sätzen. «Ein eigener Drache ist die beste Versicherung gegen andere Drachen», sagt etwa der Vater von Elsa, die dem Drachen geopfert werden soll. Lanzelot, der grosse Held und Drachentöter, versteht nicht, warum das Volk sich nicht von ihm befreien lassen will: «Drachen töten ist mein Beruf. Ich kann nichts anderes.»

Darauf eine Stimme des Volkes: «Bevor sie kamen, war alles so einfach.» Und einer der drei Köpfe des Drachen philosophiert über all die geschundenen Seelen seiner Herrschaft und kommt dabei zum Schluss , dass der Mensch umso geschmeidiger werde, je feiner man seine Seele zerstückele.

Mit der Wahl dieses Stückes hat sich die Kellertheatercrew einer grossen Herausforderung gestellt. Es braucht sehr viel Gestaltungswillen und Fantasie, um ein solch sperriges, textfixiertes Stück dennoch unterhaltsam auf die Bühne zu bringen. Das gelingt, dank des feinen Bühnenbildes von Peter Spalinger.

Nur zwei riesige, schwarze Drachenflügel überspannen die Szene. Sie können je nach Bedarf weiter oder enger gestellt werden und widerspiegeln damit genau das Wesen des Drachens: Unterdrücker und Beschützer in einem.

Innerhalb und ausserhalb dieses Rahmens bewegen sich die Schauspieler, von Barbara Medici mit perfektem Gespür für den je eigenen Charakter der Figur und für die dazu passenden Formen, Farben und Materialien ausstaffiert. In ihren Kostümen werden die Schauspieler zu Held und Drachen, Bürgermeister und Archivar, zum Sohn des Einen und zur Tochter des Anderen sowie zu Katze und Esel.

Der Einfluss von Choreografin Mariana Coviello ist aus den Bewegungsabläufen im Stück deutlich ablesbar und verleiht der Inszenierung etwas Geschmeidigkeit im ansonsten eintönigen Auf- und Abtreten der Figuren.

So richtig Schwung kommt in die Sache, wenn Held und Drache sich im Luftkampf messen, von unten scharf kommentiert durch das Volk einerseits und die offiziellen Pressekommuniqués des Bürgermeisters auf der anderen Seite. Die nachfolgende Demokratisierung der jahrhundertelang unterdrückten Masse sorgt dann für zusätzliche Bewegung und auch für einige Lacher.

Lust am Töten als Rumba

Höhepunkt der bitterbösen Komik in diesem Stück ist die sehr gut vorgetragene Rumba der drei Drachenköpfe, notabene das einzige Lied in deutscher Sprache. Darin geht es um die Lust am Töten, die in so gewählten Worten beschrieben wird, dass man sich unweigerlich an die Grössen des politischen Kabaretts der Nachkriegsjahre und an den bissigen deutschen Schlager der 20er- und 30er-Jahre erinnert.

Alle anderen Lieder haben englische Texte – es sind ja auch Rocksongs. Dabei spielen die Theatermacher lustvoll mit dem heroischen Gepräge dieses Musikstils, der als eigener Industriezweig aber auch wieder nur ein Drache ist, der seine eigenen Kinder frisst.

Die Schauspieler meistern ihre Aufgabe gut, dem an sich verkopften Text Leben einzuhauchen. Das geht auch mit wenig, dafür sehr bewusst gewählter Mimik und Gestik. Brillant in diesem Sinne spielt Barbara Berner den Esel. Auch Erich Borner und Franky Weber (erster und zweiter Drache) überzeugen.

Hans Jörg Gygli kann sich in seiner Rolle als psychisch derangierter Bürgermeister voll ausleben. Sehr zur Freude des Publikums. Seine Gesangsnummer, «The Song In Between», ist ein totaler Ohrwurm und gehört unbedingt auf die CD, die man als Erinnerung an diese Inszenierung noch brennen sollte.