Muri
Der Dialog zwischen Solo und Orchester als Vergnügen

Im Festsaal konzertierten Fazil Say, Piano, und das Basler Kammerorchester. Es war ein Hochgenuss.

Stephan Rinderknecht
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Fazil Say. zvg

Fazil Say. zvg

Zur Aufführung gelangten Werke von Franz Schubert (Ouvertüre, D 470, Sinfonie Nr. 5, D 485) und W. A. Mozart (Klavierkonzerte KV 414 und KV 467).

Martin Buber, der grosse Philosoph und Humanist, sagt : «Der Mensch wird am Du zum Ich. Daraus entsteht das Wir.» Das dürfte auch für die Kunst gelten – und wäre, gerade angesichts der allgemeinen Weltlage, ein wesentliches Postulat an die Adresse der Künstlerinnen und Künstler. Egomanen, auf allen Ebenen, haben wir zur Genüge.

Fazil Say ist ein Beispiel für die Möglichkeit, auch als weltberühmter Künstler sich nicht vom Rampenlicht blenden zu lassen, sondern die empathische, humanistische Haltung zu bewahren. Er spielt so, dass man vom ersten Ton an spürt, was es ist. Und – was ist es? Vielleicht das: «Sehet die Vögel unter dem Himmel. Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen und doch ... » ( Matth. 6, 26).

Vielleicht ist es eben dies: Die Absichtslosigkeit. Ein Mensch, der ganz bei sich bleibt, ohne sich um irgendwelche Äusserlichkeiten und Eitelkeiten zu kümmern. Seine Mozart–Interpretation steht in keinem Schulbuch. Bei jeder Diskothek würde er mit seinem Mozartspiel wohl schon in der ersten Runde fulminant herauskatapultiert werden. Puristen und orthodoxe Anhänger der historischen Aufführungspraxis (nichts gegen sie!) hätten sich die Haare gerauft.

Fazil Say ist kein «Boneshaker». Er würde wohl niemals auf einem Hammerflügel spielen. Aber – pure Spekulation: Mozart hätte an diesem Klavierspiel auf einem modernen Steinway seine wahre Freude gehabt. Die Brillanz, Virtuosität, die dynamischen und klanglichen Nuancierungen: souverän.

Das Basler Kammerorchester spielte sehr engagiert, liess sich bei Mozart vom Solisten mitreissen, immer stilsicher und homogen. Der Dialog zwischen beiden, Solo und Orchester, war reinstes Vergnügen.

Alle Musikerinnen und Musiker wurden durch das «Du» Mozarts zu einem «Ich». Und wir, als Publikum, gemeinsam mit ihnen zum «Wir».

Ein Wir, das sich einige Momente lang nicht nur um die eigene Achse gedreht hat. Gerade durch ebendiese Absichtslosigkeit Says wurde dieses Erlebnis möglich. Die Zugabe, eine launische, witzig-jazzige Version (aus eigener Feder) des Türkischen Marsches,riss das Publikum vollends aus den Sitzen. Der Saal war ausverkauft.

Leider gerieten daneben die beiden Schubert-Werke, subtil und überzeugend interpretiert vom Kammerorchester, eher zu Randerscheinungen.