Pflegi Muri

Der Corona-Ausbruch, die Zwölf-Stunden-Schichten, der Tod – Ausnahmezustand im Pflegeheim

Elsbeth Leutwiler im Gang in der Wohngruppe Löwen, im ersten Stock der pflegimuri, in der sie stellvertretende Pflegeleiterin ist.

Elsbeth Leutwiler im Gang in der Wohngruppe Löwen, im ersten Stock der pflegimuri, in der sie stellvertretende Pflegeleiterin ist.

Elsbeth Leutwiler von der pflegimuri erzählt, wie Bewohner und Pflegerinnen einen Coronaausbruch meisterten. Wie die Schichten ablaufen und warum aufgeben keine Option ist.

Ein einziges Mal während des fast einstündigen Gesprächs verändert sich ihr Tonfall. Da spricht Elsbeth Leutwiler ernster, langsamer: «Was für mich das Schlimmste war: Menschen zu sehen, wie sie in ihren Zimmern isoliert sind. Einen Monat lang.» Einen. Monat. Lang. Sie betont jedes Wort einzeln.

Sonst spricht die 58-Jährige schnell und klar. Und in einem Tonfall, als wäre alles, von dem sie erzählt, irgendwie das Natürlichste der Welt. Der Corona-Ausbruch im Pflegeheim, die Zwölf-Stunden-Schichten, der Tod. «Man versucht, das Beste aus der Situation zu machen.»

19 Bewohnerinnen und Bewohner in der pflegimuri

Elsbeth Leutwiler arbeitet in der pflegimuri, dem Heim im ehemaligen Kloster Muri. Um zur Wohngruppe zu gelangen – Löwen, 1. Stock – muss man sich in einem kleinen Labyrinth zurechtfinden. Meist legt Leutwiler diesen Weg kurz nach 6 Uhr zurück. «Ich bin immer etwas früher da. Ich brauche die Ruhe am Morgen.» Sie tauscht sich mit der Nachtschicht aus, dann bereitet sie die Medikamente vor. Manchmal gönnt sie sich einen Kaffee. Dann geht es auf die Zimmer. Die Bewohner werden gepflegt, es folgen Frühstück, Therapien, in normalen Zeiten Besuche von Angehörigen. «Es läuft immer etwas.»

Für 19 Bewohnerinnen und Bewohner tragen Leutwiler und ihr Team die Verantwortung. Für manche nur vorübergehend, sie gehen nach einigen Wochen wieder nach Hause. Die meisten bleiben aber. Zum Teil mehrere Jahre, bis an ihr Lebensende.

«So nehme ich Abschied»

Menschen kennen lernen, sich um sie kümmern, sie ins Herz schliessen. All dies mit der Aussicht, dass sie in absehbarer Zeit sterben: Macht es das nicht schwierig, Beziehungen aufzubauen? «Nein», sagt Leutwiler. «Sterben gehört für mich zum Leben. Ich finde es sehr schön, wenn ich die Bewohner auf diesem Weg begleiten darf.»

Ist der Tod absehbar, begleitet Leutwiler den Sterbenden und wünscht ihm alles Gute auf dem weiteren Weg. Später hält sie seine Hand und spricht mit ihm. «So nehme ich Abschied.» Seit 30 Jahren arbeitet sie als diplomierte Pflegefachfrau. Nie hat sie es bereut. Nie wäre etwas anderes in Frage gekommen.

Einen Monat lang herrschte der Ausnahmezustand

Am 24. Oktober beginnt ein Bewohner von Leutwilers Wohngruppe zu husten. In der Nacht bekommt er Fieber. Er wird sofort isoliert. Zwei Tage später werden alle Bewohner getestet: 12 von 16 sind positiv. Ausserdem fällt rund ein Drittel des Teams aus: zum Teil, weil sie krank sind, zum Teil, weil sie einer Risikogruppe angehören.

Leutwiler hat frei, als sie über den Corona-Ausbruch informiert wird. Weil auch die Leiterin der Wohngruppe erkrankt ist, übernimmt sie die volle Verantwortung. Als Erstes schreibt sie die Dienstpläne um. Wer vom Team übrig ist, kümmert sich in Zwölf-Stunden-Schichten um die Bewohner. Die meisten tagsüber, jeweils zwei halten nachts die Stellung.

Nichts verlässt die Zimmer

Alle Bewohner werden auf ihren Zimmern isoliert. Um sie zu pflegen, muss Leutwiler Schutzkittel, Handschuhe, Brille und Mundschutz anziehen. Sobald sie das Zimmer verlässt, muss sie all dies wieder ausziehen. Beim nächsten Zimmer beginnt das Prozedere von vorne.

Nichts verlässt in dieser Zeit die Zimmer. Weder Kleider noch Abfälle, die separat entsorgt werden. Auch die Bewohner dürfen nicht raus. Nicht alle verstehen dies. Oder möchten es verstehen. Sie fluchen, verlangen, aus dem Zimmer gelassen zu werden. Andere wiederum gehen mit der Situation besser um. Und wieder andere sind so schwer krank, dass sie gar keine Kraft mehr haben. Ihnen müssen Essen, Trinken und Medikamente eingeflösst werden.

«Corona passt in kein Raster»

Rund einen Monat lang geht das so. Zwölf-Stunden-Schicht reiht sich an Zwölf-Stunden-Schicht. Arbeiten und schlafen, arbeiten und schlafen. Wie hat sie das geschafft? «Das werde ich oft gefragt. Solange man muss, arbeitet man wie ein Roboter. Man läuft, und läuft, und läuft, und läuft.» Aber auch nach sieben Tagen je zwölf Stunden hätte sie noch eine Bergtour machen können, erzählt Leutwiler. So voller Adrenalin sei sie gewesen. Erst als das Ganze vorbei ist, merkt sie, wie müde sie ist.

Drei der zwölf Erkrankten überleben nicht. Wie das Virus ins Heim gelangt ist, wollte man nicht wissen. Die betreffende Person sollte nicht erfahren, dass sie für den Tod von Menschen verantwortlich war. Auch wieso manche starben, andere nicht, weiss niemand. «Corona passt in kein Raster. Wir hatten Bewohner, bei denen dachte ich: Wenn die erkranken, haben sie fast keine Chance. Die zeigten praktisch keine Symptome. Und andere, die in Anführungszeichen quietschfidel waren, starben», erinnert sich Leutwiler.

«Wer schaut dann zu den Menschen?»

Da ist er wieder. Dieser Tonfall. Leutwiler sitzt einfach da und erzählt mit viel Gelassenheit. Als würde sie nach Feierabend von einem ganz normalen Tag erzählen. Ist sie wirklich so gelassen? «Ich glaube schon. Auch nach all der Zeit denke ich nicht, dass ich abgestumpft bin. Der Tod gehört für mich einfach dazu.» Und sollte es noch einen Ausbruch geben: Wäre sie bereit, nochmals dasselbe durchzumachen? «Gute Frage. Ja. Man muss. Was will man sonst tun?» – Kündigen und davonlaufen? – «Und wer schaut dann zu den Menschen? Nein.»

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