Wohlen

«Der Blues heilt Wunden»

Jeff Siegrist mit seiner Blues-Harp neben Margrit Tanner-Stutz, die zur seinen grössten Fans gehört. Foto: Jörg Baumann

Jeff Siegrist mit seiner Blues-Harp neben Margrit Tanner-Stutz, die zur seinen grössten Fans gehört. Foto: Jörg Baumann

Der Bluesmusiker Jeff Siegrist aus Wohlen kehrt zu seinen Wurzeln zurück. Am 29. Oktober gibt er zusammen mit seinem Kollegen Martin Baschung im Restaurant Chäber ein Konzert.

In seinen jungen Jahren sass der Wohler Bäckerssohn Thomas Walter Siegrist (44) am Pult eines Reisebüros in Wohlen und verkaufte Traumreisen. Sein Handicap, eine durch eine cerebrale Lähmung geschwächte Hand, trug er mit Fassung. Erst ein anderer Arbeitgeber fand jedoch, er tauge mit seiner Behinderung nicht fürs harte Wirtschaftsleben, und stellte ihn auf die Strasse. «Ich war 29 Jahre alt und wusste nicht, wie es mit mir weitergehen sollte.»

In den Mühlen der Invalidenversicherung wollte Siegrist nicht stecken bleiben. Er setzte alles auf eine Karte. Aus Thomas Walter Siegrist wurde Jeff Siegrist, der Bluesmusiker– mit einem Musikinstrument, das zu seiner Lebensgeschichte passt: der Blues-Mundharmonika. «Ich erinnere mich noch gut an mein erstes Konzert im ‹Chäber› in Wohlen», erzählt Siegrist. «Ich ging noch zur Schule und durfte nach einem Auftritt der Wohler Tschapamuski-Band eine Elvis-Presley-Imitation zum Besten geben.»

Inzwischen ist der Blues Siegrists Lebensinhalt. Er gibt mit seiner «Schnöregiige» Konzerte, erteilt Schülern «zwischen 9 und 90» Unterricht und baute sich zum «Blues-Doktor der Nation» auf. «Der Blues heilt Wunden. Das habe ich auch am eigenen Leib erlebt», sagt Jeff Siegrist.

«Schnöregiige» zu spielen sei simpel, meint er. «Wenn der Kursteilnehmer meine Methode anwendet.» Diese besteht darin, dass die schwarzen Punkte auf seiner Anleitung «Saugen» und die weissen «Stossen» bedeuten. Der Blues-Doktor hat so an Seminaren schon knallharte Manager, die in einer Existenzkrise steckten, aus dem Loch geholt. Auch bei der Feierabendgruppe an der Psychiatrischen Klinik Königsfelden ist Siegrist ein gern gesehener Gast und hilft den Patienten mit der «Schnöregiige» über ihre Schwierigkeiten im Leben hinweg.

«Hang Blues – Fair Integration»: So nennt Siegrist sein neuestes Projekt. Damit kämpft er bei sozialen Institutionen und Arbeitgebern, die dafür ein offenes Ohr haben, für die faire Behandlung von handicapierten Angestellten. «Eine Vision», sagt Siegrist. «Aber ich glaube fest daran.»

Zwei Wohlerinnen, die Immobilienverwalterin und Meditationsleiterin Margrit Tanner-Stutz und Doris Hochstrasser-Koch, Mitinhaberin des Bestattungsinstitutes Koch, verpflichteten den Musiker, der heute in Unterentfelden lebt, für das Konzert im «Chäber». «Der Blues hat mit dem Tod und dem Leben zu tun – aber vor allem mit einem Leben, das die Trauer überwindet», sagt Margrit Tanner. Der «Chäber»-Wirtin Irma Koch ist das Konzert zwei Tage nach ihrem 82. Geburtstag sehr willkommen. Denn in ihrer Dorfbeiz bleiben auch die verstorbenen Stammgäste «über den Tod hinaus am Leben». Die vielen Totenbildchen beweisen es. «Jeff Siegrist wird ihnen gefallen», sagt die Wirtin.

Blues im «Chäber»: Samstag, 29. Oktober, 20 Uhr. Keine Platzreservation. Eintritt frei. Kollekte. Serviert werden Kartoffelsalat und Würstli. Informationen: www.bluespraxis.ch.

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