Tiger oder Fuchs – wer ist schwieriger zu fotografieren? «Definitiv der Fuchs», sagt Fotograf Reinhard Strickler. Der Boswiler spricht aus Erfahrung. Tiger, Leoparden, Elefanten; sie alle hatte er in der freien Wildbahn schon vor der Linse, aber noch nie brauchte er so viel Geduld, wie beim Fotografieren von Jungfüchsen im Boswiler Wald: Strickler war gerade auf einem Spaziergang, als er ein Geräusch im Gebüsch hörte.

Beim Nachsehen entdeckte er einen Fuchsbau mit Jungtieren. Ein paar Tage später kehrte er zurück und baute sich ein Versteck aus Tannenästen und legte sich darin zwei Wochen lang täglich auf die Lauer, bis ihm der Schnappschuss gelang. 

Das Foto zeigt zwei der fünf Boswiler Jungfüchse, wie sie im Wald herumtollen. Einer trägt im Maul einen Tannzapfen, der zweite springt Ersteren von hinten an. Eine verspielte Szene mit enormem Jöö-Effekt. Reinhard Strickler: «Ein Foto, das man nur einmal im Leben macht.» Er ergänzt: «Noch nie erhielt ich für ein Foto so viele Reaktionen.» Das Bild von Reinhard Strickler räumte bereits zwei Preise ab. Zuletzt belegte er damit den ersten Rang bei Tierfotowettbewerb.ch, eine Internetseite, die seit 2005 drei Mal jährlich die schönsten Tierfotografien auszeichnet.

Früher «gurkte» es ihn an

Seit drei Jahren widmet sich Reinhard Strickler voll und ganz der Fotografie und seiner Firma Photofascination. Zuvor führte er in Wohlen eine Schreinerei. «Ich gab den Betrieb auch auf, um mich voll und ganz meiner Foto-Leidenschaft zu widmen», sagt Reinhard Strickler. Eine Leidenschaft, die ihn bereits ein Leben lang begleitet. Zuerst aber eher unfreiwillig. Seine Eltern waren begeisterte Hobby-Fotografen, die vor allem Vögel und Enten ablichteten. «Uns Kinder hat es jeweils ziemlich angegurkt, gemeinsam mit den Eltern in Schilf zu stehen und sich dabei möglichst nicht bewegen zu dürfen.»

Heute macht es ihm nichts mehr aus, minuten-, ja stundenlang zu warten, bis der richtige Moment gekommen ist, um mit der Kamera abzudrücken. «Es hat etwas Meditatives», sagt Reinhard Strickler, den es selbst überrascht, dass er trotz seinen ersten Erfahrungen zur Fotografie fand.

Regelmässig zu fotografieren begann er mit 16 Jahren. Von seinem ersten Lehrlingslohn kaufte er sich eine Kodak-Kamera, zehn Jahre später fing er an, Fotokurse zu belegen. Heute fotografiere er ganz anders als früher, drücke beispielsweise nicht mehr so häufig ab, wie noch vor zehn Jahren, berichtet der Boswiler. Aber etwas ist über alle Jahre gleich geblieben: sein Hang zum Extremen.

Mitten durch Regenwälder

Für ein gutes Foto durchquerte er schon feuchtheisse tropische Regenwälder, scheinbar unendlich grosse Wüsten und hielt den kalten Bedingungen Sibiriens stand. «Als Fotograf muss man das Spezielle finden; muss über das Gewöhnliche hinausgehen.» Dass er dafür auch schon mal brutale Hitze und Kälte ertragen muss, ist ihm egal. «Klar ist es manchmal Hardcore», sagt Strickler, «doch für spezielle Bilder muss man auch etwas auf sich nehmen.» Seine Grenzen kenne er aber gut. So änderte er vor zwei Jahren bei minus 45 Grad den Verlauf einer Lapplandreise. Für den ursprünglichen Plan war es zu kalt, zu riskant für seine Gesundheit. Strickler: «Ich bin ein vernünftiger Mensch.»

Reinhard Strickler, ein einsamer Abenteurer? Keineswegs. 2003 hat er angefangen, mit seinem Unternehmen Photofascination Fotoreisen anzubieten, bei denen sich die Möglichkeit bietet, gemeinsam mit ihm in die Ferne zu schweifen und zu versuchen, das perfekte Bild zu schiessen – von Schneeleoparden in Ladakh, Tiger in Indien oder der Wüste im Oman (siehe Kasten). Dabei profitieren die Kunden von den Tipps und Tricks des erfahrenen Fotografen. Kommt er auf diesen Reisen überhaupt noch selber zum Fotografieren? «Schon viel weniger, als wenn ich alleine unterwegs bin», sagt Strickler.

Ein Bild muss Emotionen auslösen

Auf den Foto-Reisen stehen die Kunden im Vordergrund. «Ich habe enorme Freude, wenn ihnen ein gutes Bild gelingt.» Was ist denn für ihn ein gutes Foto? «Es muss Emotionen auslösen, egal welcher Art.» Er selber verknüpft mit seinen eigenen Fotos Erinnerungen. Betrachtet er beispielsweise das Bild der beiden Jungfüchse, ist er zurück in seinem selbst gebauten Versteck im Boswiler Wald und schaut den beiden Tierkinder beim Spielen zu.