Muri/Sins
Denkzettel für einen Schläger: Er trat gegen den Kopf des wehrlosen Opfers

An der Sinser Chilbi schlagen zwei junge Männer offenbar einen Festhelfer grundlos nieder und traten auf ihn ein, so dass dieser mit einem Schädel-Hirn-Trauma im Spital landete. Vor Gericht ging die Taktik der Verteidigung nicht auf.

Dominic Kobelt
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Der Täter trat dem Opfer wiederholt gegen den Kopf, als es schon wehrlos am Boden lag.Hanspeter Bärtschi

Der Täter trat dem Opfer wiederholt gegen den Kopf, als es schon wehrlos am Boden lag.Hanspeter Bärtschi

Hanspeter Baertschi

Eine Gruppe Jugendlicher sitzt an der Sinser Chilbi beim Velounterstand. Auf der Mauer neben ihnen eine Flasche Tequila. Das Fest ist zu Ende und ein Festhelfer dreht eine Runde, um Abfall einzusammeln. Er spricht die Jugendlichen an und fragt, ob er die Schnapsflasche mitnehmen könne.

«Nein, verpiss dich», tönt es aus dem Dunkeln. Man könne das doch auch in anständigem Ton sagen, erwidert der junge Mann. «Ich kann bis heute nicht verstehen, wie es so weit kommen konnte», sagt er vor Gericht zu den Ereignissen, die darauf folgten: Zwei junge Männer aus der Gruppe rennen auf ihn zu, schlagen ihn nieder, treten auf ihn ein, als er am Boden liegt, auch gegen den Kopf. Folge ist ein Schädel-Hirn-Trauma und ein längerer Krankenhausaufenthalt.

Keine Stellungnahme zur Tat

Einer der beiden Täter, ein 21-jähriger Türke, musste sich am Mittwoch vor dem Bezirksgericht Muri verantworten. Das Verfahren gegen den anderen Täter läuft bei der Jugendanwaltschaft. Vor Gericht wollte der Angeklagte zu den Ereignissen keine Stellung nehmen.

Er wolle dem Opfer bereits vor Urteilsverkündung 1400 Franken Wiedergutmachung zahlen, 700 Franken hatte er dabei, um es in der Verhandlungspause zu überreichen. Entschuldigt hatte er sich bis dahin nicht. «Das wäre der nächste Schritt gewesen», meinte er auf Nachfrage des Gerichtspräsidenten. Die Staatsanwaltschaft bezeichnete denn die Geste auch als «gute Instruierung der Verteidigung» und nicht als aufrichtige Reue.

Weiter führte der Staatsanwalt aus, der Fall sei ein «typisches Anschauungsbeispiel für einen Schläger», der nicht einmal im Ansatz Einsicht zeige und der billige und leicht durchschaubare Lügen als Schutzbehauptungen aufstelle. «Es ist bloss dem Zufall zu verdanken, dass das Opfer nicht noch schwerer verletzt wurde.»

Gericht entschied einstimmig

Die Verteidigung führte an, dass unklar sei, wer von den beiden Angreifern den ersten Schlag ausgeführt habe. Dieser erste Schlag sei entscheidend gewesen, da das Opfer sofort zu Boden ging. Der Angeklagte habe nur einmal gegen den Kopf getreten und dies nicht mit einer solchen Intensität, dass man den Versuch der schweren Körperverletzung anführen könne.

«Die meisten Verletzungen sind aller Voraussicht nach durch den Faustschlag des Mittäters entstanden.» Zudem sei die erste Einvernahme seines Mandanten nicht verwertbar, weil dem Beschuldigten kein Verteidiger zur Seite stand. Zeugenaussagen seien grundsätzlich mit einer gewissen Vorsicht zu geniessen.

Das Gericht entschied einstimmig und in den meisten Punkten im Sinne der Staatsanwaltschaft. «Für uns ist sonnenklar, Sie haben das gemacht, daran haben wir keine Zweifel», sagte Gerichtspräsident Michael Plattner.

Er attestierte der Verteidigung zwar, dass die erste Einvernahme nicht verwertbar sei, dies sei aber auch nicht nötig wegen der Zeugenaussagen. Gegen den Angeklagten hatten zwei junge Frauen aus der Gruppe ausgesagt, die mit ihm zusammen den Abend verbracht hatten.

Eine von ihnen hatte ihn nach dem Angriff vom Opfer weggezogen. «Die Tat zeigt eine sehr hohe Gewaltbereitschaft. Sie haben erst aufgehört, als eine Frau dazwischenging. Sie haben sich nicht um das Opfer gekümmert und sogar noch versucht, andere von der Hilfe abzuhalten.» Der Täter hatte nach seiner Attacke geäussert, man solle auf den Verletzten «scheissen». Zudem habe er über längere Zeit – laut Zeugenaussagen für fünf bis zehn Sekunden – wiederholt gegen den Kopf des Opfers getreten.

Bereits dreimal verurteilt

Der Angeklagte war 2013 bereits dreimal verurteilt worden – zwar nicht wegen Gewaltdelikten, aber trotzdem befand das Gericht, dass eine weitere bedingte Freiheitsstrafe wohl nichts bringe. «Sie brauchen einen Denkzettel, damit Sie merken, dass es so nicht geht», befand Plattner.

Das Gericht verurteilte den 21-Jährigen zu 18 Monaten teilbedingt für Angriff und versuchte schwere Körperverletzung. Sechs Monate muss er ins Gefängnis, der Rest der Strafe ist für vier Jahre auf Bewährung ausgesetzt. Zudem muss er Schadenersatz und eine Genugtuung von 5000 Franken bezahlen.

Dem Angeklagten wurden weiter Beschimpfung sowie Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte vorgeworfen. In diesen Punkten wurde er vom Gericht freigesprochen. Die Beweismittel seien in diesem Anklagepunkt zu dünn, befand das Gericht. Beiden Seiten steht natürlich noch offen, das Urteil weiterzuziehen.

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