Hägglingen
Den Garten richtig gestalten - wie ein kleiner Beitrag viel bewirken kann

Die Naturkommission setzt sich für naturnahe Gärten ein und kann auf erste Erfolge stolz sein. 30 Gärten haben sich bereits der sogenannten «Garten-Charta» verpflichtet.

Dominic Kobelt
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Gottfried Hallwyler erzählt den Besuchern, wie er seinen Garten gestaltet hat, in dem 280 verschiedene Pflanzenarten vorkommen.kob

Gottfried Hallwyler erzählt den Besuchern, wie er seinen Garten gestaltet hat, in dem 280 verschiedene Pflanzenarten vorkommen.kob

Katze Dili schleicht über die Wiese, den Bauch kaum einen Zentimeter über dem Boden, den Blick auf eine Pflanze vor sich fixiert. Von den 25 Personen rund um sie herum, die den Garten der Familie Ostermünchner bewundern, lässt sie sich nicht stören. Mit einem Satz stürzt sie sich auf den wippenden Grashalm, das Insekt darauf erwischt sie nicht. Zweimal tippt sie mit der Pfote auf die Stelle, an der ihr Leckerbissen sass, dann schleicht sie enttäuscht davon.

Kein Dessertbuffet für die Katze

Die nächste Gelegenheit für den getigerten Jäger wird kommen, auch wenn Esther Ostermünchner hofft, dass sich der Jagdtrieb nicht zu stark ausprägt – schliesslich soll ihr Garten ein Zuhause für möglichst viele Tierchen sein, und nicht ein Dessertbuffet für die Katze. Ihr Garten ist einer von etwa 30 in Hägglingen, die sich der Garten-Charta verpflichtet haben.

Die Garten-Charta ist aber kein juristisches Dokument: Mit ihrer Unterzeichnung verpflichtet man sich moralisch, ihren Prinzipien zu folgen. Dieses persönliche Engagement kann mit dem Emblem am eigenen Garten für andere sichtbar gemacht werden. Die Charta verfolgt zwei Ziele: Einerseits möchte sie verhindern, dass Altbauquartiere ihre Fauna und Flora unter dem Druck der Verstädterung verlieren. Gleichzeitig versucht sie, die neuen und dichter bewohnten Quartiere naturnah zu gestalten.

Jeder kann einen Beitrag leisten

Initiiert wurde das Projekt von der Naturkommission Hägglingen, die am Dienstagabend die Bevölkerung einlud, drei der Gärten zu besuchen. Während sich im Garten der Familie Ostermünchner mit Bienenhotels, einem Biotop und vielen Blumen Molche, Frösche, Libellen, Schmetterlinge und Vögel besonders wohlfühlen, läuft den Besuchern im Garten von Ernst und Christa Lüthi das Wasser im Mund zusammen. 16 verschiedene Tomatensorten, Erdbeeren und Brombeeren, Salat, Haselnüsse – die Liste liesse sich fast beliebig fortsetzten. Viele holen sich Tipps und fragen, auf was man beim Tomatenzüchten achten muss, wie man zu gutem Kompost kommt, und wie man sich gegen die Schnecken zur Wehr setzt.

Auch Gottfried Hallwyler, selbst Mitglied der Naturkommission, möchte den Besuchern Denkanstösse und Motivation mit nach Hause geben. «Ich war mein halbes Leben im Naturschutz tätig. Es steht um die Natur nicht so gut, wie man gemeinhin meint.» Mit einem entsprechend gestalteten Garten könne jeder einen kleinen Beitrag leisten. In der Schweiz gebe es rund 3000 heimische Pflanzenarten, ein Drittel davon eignet sich für den Garten. Auf dem Grundstück von Gottfried und Theres Hallwyler lassen sich über 280 davon finden, viele sind auf der Roten Liste. «Im Schnitt hängen zehn Tierarten von einer Pflanze ab», erläutert Hallwyler die Wichtigkeit der Gewächse.

«Wir Schweizer sind auf Sauberkeit aus. Das ist fatal für die Natur»

Dabei gebe es grosse Unterschiede: «Die Früchte des einheimischen schwarzen Holunders werden von 41 Vogelarten verzehrt, die des fremdländischen Kirschlorbeers nur von dreien.» Entscheidend seien auch Strukturen im Garten, etwa Asthaufen, Platten und Steine als Unterschlupfmöglichkeiten oder für die Vögel eine Vogeltränke. «Wir Schweizer sind auf Sauberkeit aus. Das ist fatal für die Natur. Dürre Stecken und Totholz sind zum Beispiel für Insekten wichtig.» Für ihn sei der Garten ein «Erlebnisraum für die Sinne», erzählt Hallwyler. «Es gibt für mich nichts Schöneres, als dazusitzen und zu beobachten, wie der Garten lebt.»

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