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Demenzkranke zahlen ab Neujahr täglich 20 Franken extra ans Altersheim

In den Altersheimen Bremgarten und Widen müssen Senioren, die schwere Demenzsymptome aufweisen, einen Demenzzuschlag zahlen. Im Reusspark zahlen die Wohngemeinden.

Lukas Schumacher
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Eine neue Gebühr von 20 Franken im Tag soll den erhöhten Aufwand bei Demenzerkrankten in den Alterszentren Bremgarten und Widen abgelten. (Symbolbild)

Eine neue Gebühr von 20 Franken im Tag soll den erhöhten Aufwand bei Demenzerkrankten in den Alterszentren Bremgarten und Widen abgelten. (Symbolbild)

Alex Spichale

Die neue Regelung gilt ab dem 1. März 2016. Dann müssen Bewohner der regionalen Alterszentren Bremgarten und Widen, die schwere Demenzsymptome aufweisen, einen Zuschlag von 20 Franken im Tag zahlen. Betroffen sind aktuell 15 Personen, das sind rund 10% der 145 Bewohnerinnen und Bewohner der beiden Alterszentren.

Den neuen Zuschlag müssen sie entrichten, wenn eine entsprechende ärztliche Diagnose und Verhaltensauffälligkeiten vorliegen. «Diese Zusatzgebühr ist verursachergerecht», sagt Hans-Peter Eckstein, der Geschäftsleiter der zwei Alterszentren, «damit wird der erhöhte Betreuungsaufwand abgegolten, den wir für Leute mit Demenzerkrankung leisten.» Dieser Zusatzaufwand werde von den Krankenversicherern nicht abgegolten.

«Oft desorientiert»

Soeben sind die Bewohner der Alterszentren und deren Angerhörige über den Demenzbeitrag informiert worden. Allein auf weiter Flur stehen die Alterszentren Bremgarten und Widen mit der Zusatzgebühr nicht. Rund 25% der Langzeitpflegeinstitutionen im Aargau verlangen einen Demenzzuschlag.

Laut Hans-Peter Eckstein sind demenzerkrankten Personen «oft desorientiert und müssen intensiv und zeitaufwendig begleitet und auch kontrolliert werden.» Die Erkrankung äussere sich unter anderem im Alltag, indem Tätigkeiten und Verrichtungen langsam ausgeführt würden, das Zeitgefühl verloren gegangen sei, sich die Schlaf- und Essenszeiten verschieben und unregelmässig seien, Erklärungen häufig wiederkehrten, zum Teil auch eine Weglaufgefahr bestehe und deshalb die zentralen Türen geschlossen bleiben müssten. Die Verantwortlichen der zwei regionalen Alterszentren sind daran, ein Demenzkonzept aufzugleisen. Das Konzept soll breit abgestützt und bald spruchreif sein.

Grosse Erfahrung im Reusspark

Viel Erfahrung im Umgang mit dementen Leuten hat der Reusspark in Niederwil, das grösste Pflege- und Betreuungszentrum im Aargau. Den Betroffenen stehen unterschiedliche Wohnformen zur Verfügung, darunter eine Wohngemeinschaft für Personen mit leichter Demenz oder ein Wohnbereich im Hauptgebäude für Leute mit grossem Bewegungsdrang. Zugunsten Demenzerkrankter wurde vor neun Jahren ein geschützter, rund 10 000 m2 grosser Spaziergarten eröffnet.

Laut Direktor Thomas Peterhans hat der Reusspark seit mehreren Jahren ein Demenzkonzept. Nebst passenden Einrichtungen steht den Erkrankten spezialisiertes Fachpersonal zur Verfügung. Gestützt auf Konzept und ärztliche Bescheinigungen wird dem Reusspark der 20-fränkige Demenzzuschlag pro Tag und Bewohner über die kantonale Clearingstelle verrechnet; letztlich wird der Zuschlag von den Wohngemeinden bezahlt, aus denen die Bewohner stammen. Die 20 Franken bekommt der Reusspark längst nicht für alle Leute mit Demenzsymptomen. «Der Beitrag wird uns für 75 der 150 Betroffenen entrichtet», teilt Peterhans mit.

Rund 10'000 Leute mit Demenz im Aargau

Gemäss einem Bericht der Schweizerischen Alzheimervereinigung wohnten 2014 im Kanton Aargau rund 7900 Menschen mit Demenzsymptomen. Jährlich würden 1900 Aargauer neu an Demenz erkranken. Macht aktuell also rund 10'000 Betroffene im Kanton. Laut Vereinigung steigt das Erkrankungsrisiko im Alter stark an und hat bloss die Hälfte der 10 000 Personen eine entsprechende ärztliche Diagnose. Die Vereinigung fordert «Demenzfreundlichkeit» in allen grösseren und kleineren Pflegeheimen und Alterseinrichtungen. Vonnöten sei ein Grundwissen der Mitarbeitenden, eine demenzgerechte Infrastruktur mit Orientierungshilfen und hindernisfreien Bewegungsmöglichkeiten sowie eine faire Finanzierungslösung: «Menschen mit Demenz sollten nicht stärker zur Kasse gebeten werden als Personen mit anderen Krankheiten.» (sl)