Man sitzt zusammen und heult sich den Kummer von der Seele. Das vielleicht auch. Aber in Selbsthilfegruppen sprechen sich Menschen mit unterschiedlichsten Problemen eher Mut zu, tauschen wertvolle Erfahrungen aus, lachen trotz Schwierigkeiten.

Allein in den Bezirken Bremgarten und Muri führt das Selbsthilfezentrum Aargau sieben Selbsthilfegruppen auf. «Die Anzahl der bei uns registrierten Selbsthilfegruppen im Kanton Aargau hat sich, wie auch gesamtschweizerisch, innerhalb eines guten Jahrzehnts fast verdoppelt», stellt Stellenleiterin Ursula Morel fest. Das belegt eine neue Studie zur gemeinschaftlichen Selbsthilfe in der Schweiz.

Im Freiamt kommen Angehörige von psychisch kranken Menschen in Wohlen zusammen, genauso wie zum offenen Trauertreff. In Niederwil gibt es eine Gruppe für Angehörige von Menschen mit Demenz, in Sarmenstorf wird eine solche für Eltern von Kindern mit ADHS geführt. In Wohlen und Muri führen die Anonymen Alkoholiker (AA) ihre regelmässigen Meetings durch. Schliesslich stehen sich Menschen in einer Gruppe für Adipositas-Betroffene in Boswil bei.

Im Aargau wurden im Bereich Gesundheit 2002 insgesamt 82 Selbsthilfegruppen gezählt, 2015 waren es bereits 158. Im Bereich Soziales wuchs die Zahl von 16 auf 32.

Erfahrungsexperten» nennt Morel die Teilnehmenden dieser Gruppen, und diese könnten ergänzend zu den beruflichen Fachexperten wertvolle Beiträge zur Alltagsbewältigung und zur allgemeinen Verbesserung des Wohlbefindens beisteuern. «Eine Selbsthilfegruppe ist aber kein Ersatz für eine professionelle Therapie oder eine medizinische Versorgung, sondern ein ergänzendes Angebot.»

Breiter Themenkreis

Es gibt fast kein Thema, für das nicht eine Selbsthilfegruppe existiert oder sich eine im Aufbau befindet – von Alkoholismus bis Zwangsstörungen, von Brustkrebs bis Parkinson. Insgesamt listet das Selbsthilfezentrum im Aargau 166 Selbsthilfegruppen für Direktbetroffene oder Angehörige auf, dazu 15 Gruppen, die sich im Aufbau befinden.

Das Interesse an Selbsthilfe wächst auch im Freiamt, wie Morel feststellt. Ihr Zentrum leistet Hilfe und Unterstützung beim Aufbau einer Gruppe und nimmt eine Scharnierfunktion zwischen Gruppenleitenden und Hilfesuchenden ein. «Wir helfen bei der Bekanntmachung einer neuen Gruppe und moderieren die ersten zwei bis vier Treffen.»

Umgekehrt hilft das Zentrum Hilfesuchenden, die richtige Gruppe zu finden. Mitzubringen braucht man die Bereitschaft, sich mit Menschen in einer ähnlichen Situation auszutauschen, ihnen zuzuhören und auch über die eigene Situation offen zu sprechen. Ausserdem sollte man willens und in der Lage sein, die Gruppentreffen regelmässig zu besuchen. Eine goldene Regel aller Selbsthilfegruppen ist die absolute Verschwiegenheit.

Das Leben in die Hand nehmen

«Selbsthilfegruppen sind keine Klagevereine», schafft Morel ein gängiges Vorurteil aus der Welt. Vielmehr würden gemeinschaftlichen Selbsthilfe, könnten von den Erlebnissen und Erfahrungen anderer profitieren und dank diesem Austausch bei den Fachleuten die richtigen Fragen stellen. «In unserem Gesundheitssystem ist der Einbezug der Angehörigen von kranken Menschen nicht vorgesehen.»

Selbsthilfegruppen könnten mithelfen, dass solche Angehörige infolge der psychosozialen Belastung, die ein krankes Familienmitglied mitbringen kann, nicht selbst krank werden. Direktbetroffenen wiederum würden sie oft zu einem besseren Therapieverlauf verhelfen. «Das Gesundheitswesen wird durch solche Gruppen sicher entlastet. Es würde sich lohnen, in diesen Bereich zu investieren», ist Morel überzeugt.

Selbsthilfezentrum Aargau, Rain 6, Aarau, Tel. 056 203 00 20 (Beratung Montag und Donnerstag, 10.30 bis 12.30 und 13.30 bis 16 Uhr). www.selbsthilfezentrum-ag.ch