Freiamt
Defibrillatoren in Gemeinden: Vorsichts-Massnahme oder Geldmacherei?

Defibrillatoren: Zwei von drei Gemeinden haben Geräte gekauft, obwohl sie fast nie zum Einsatz kommen. Von den 41 Gemeinden besitzen 27 einen oder mehrere Defibrillatoren, 40 sind es insgesamt.

Dominic Kobelt
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Defibrillatoren: Zwei von drei Freiämter Gemeinden haben Geräte gekauft, obwohl sie fast nie zum Einsatz kommen.

Defibrillatoren: Zwei von drei Freiämter Gemeinden haben Geräte gekauft, obwohl sie fast nie zum Einsatz kommen.

Keystone

Es geschah im Herbst 2008. Der damalige Bundesrat Hans-Rudolf Merz erlitt einen Herzinfarkt, glücklicherweise konnte er gerettet werden. Der Zwischenfall hatte zur Folge, dass öffentlich zugängliche Defibrillatoren, die auch Laien bedienen können, zum Thema wurden, ja einen regelrechten Boom erlebten. Nicht überall mit dem gewünschten Erfolg: In Zürich wurde das Projekt «Strom fürs Leben» der Kardiologie des Unispitals Zürich stillschweigend wieder begraben. 13 Defibrillatoren in der Zürcher Innenstadt wurden Ende 2014 demontiert, weil es in sechs Jahren keinen einzigen sinnvollen Einsatz gab.

In den Freiämter Gemeinden setzt man trotzdem auf die Geräte. Von den 41 Gemeinden besitzen 27 einen oder mehrere Defibrillatoren, 40 sind es insgesamt. Hinzu kommen solche, die zum Beispiel Ladenlokale, Bahnbetriebe oder Arztpraxen, zum Teil auch öffentlich zugänglich, angebracht haben.

Sind Laien-Defibrillatoren überhaupt sinnvoll? «Ja, ganz eindeutig», sagt Daniel Strub, Oberarzt Chirurgie im Kantonsspital Muri. «Es ist nachgewiesen, dass das Risiko, an einem Herzstillstand zu sterben, abnimmt, je grösser die Dichte an Defibrillatoren ist.» Dass die Geräte fast nie zum Einsatz kommen, liege auch daran, dass ein Herzinfarkt an sich schon ein relativ seltenes Ereignis sei. Im Gegensatz zu Zürich seien in einige Freiämter Gemeinden allerdings auch die Versorgungsdistanzen länger, gibt Strub zu bedenken.

Standort und Schulung wichtig

Bei einem Herzstillstand oder Kammerflimmern können wenige Minuten über Tod oder Leben entscheiden. Die Defibrillatoren sind also, ähnlich wie Feuerlöscher, eine Vorsichtsmassnahme. Hinzu kommt, dass ihr Unterhalt nicht viel kostet. Was ist denn wichtig, wenn sich Gemeinden oder auch Gewerbetreibende ein solches Gerät zulegen? «Entscheidend ist einerseits die Standortwahl und die Beschilderung, aber auch die Schulung ist ein wichtiger Faktor», sagt Strub.

Obwohl die Geräte ohne Vorkenntnisse bedient werden können und man nichts falsch machen kann, sind regelmässige Schulungen wichtig, um Hemmungen abzubauen. Dies wird von manchen Gemeinden auch beherzigt. So sagt etwa Walter Bürgi, Gemeindeschreiber von Eggenwil: «Bezüglich der Handhabung des Gerätes finden regelmässig Schulungen statt. An diesem ‹Security-Abend› werden alle Lehrpersonen, die Schulleitung, die Verwaltungsleitung sowie die Mitglieder der Schul- und Gemeindebehörden durch die Fachleute über die Anwendung des Defibrillators, aber auch betreffend Brandschutz, Fluchtwege und andere Themen instruiert.»

Auch wenn man keine Schulung hatte, sollte man nicht zögern, das Gerät in einem Notfall einzusetzen. Jemandem schaden kann man damit nicht, wie Strub sagt: «Das Gerät spricht mit einem, analysiert den Herzrhythmus und gibt dann eine Empfehlung ab. Wenn es einen Stromstoss empfiehlt, drückt man auf den Knopf. Hat der Patient keinen Herzinfarkt, gibt das Gerät keine Empfehlung ab und man kann es auch nicht auslösen.»

Auch in Wohlen ein Thema

Betreffend der Standortwahl sagt Strub, dass die Geräte möglichst gut zugänglich und ausgeschildert sein sollten, damit man auch weiss, dass eines vorhanden ist. Hier zeigt sich, dass viele Gemeinden ihre Geräte nur halböffentlich montieren, also beispielsweise im Gemeindehaus oder Foyer einer Turnhalle, die nur zu Büroöffnungszeiten oder bei Anlässen zugänglich sind (in der Grafik als öffentlich markiert).

In Gemeinden, die noch keinen Defibrillator haben, ist es teilweise schon zum Thema geworden, so zum Beispiel in Wohlen, wie Florian Püntener, Leiter Liegenschaften, erklärt: «Grundsätzlich sind bei grösseren Schulsport- und Vereinsveranstaltungen Samariter auf dem Platz, die bei Herzrhythmusstörungen sofort reagieren können. Der Trend ist jedoch, dass vermehrt auch öffentliche Gebäude mit Defibrillatorstationen ausgerüstet werden sollen. Bei den gemeindeeigenen Bauten sind dies aktuell das Gemeindehaus, BBZ Freiamt und Schwimmbad.» In Büttikon stand das Thema kürzlich auf der Traktandenliste: «Der Gemeinderat hat für dieses Jahr die Anschaffung eines Defibrillators budgetiert. Die Abklärungen wurden vor kurzem abgeschlossen und das Gerät bestellt», sagt Lukas Isler, Gemeindeschreiber von Büttikon.