Bezirksgericht Bremgarten
«Dass ich einmal als Raser betitelt werde, hätte ich nie gedacht»

Es waren drei verhängnisvolle Sekunden der Beschleunigung: Zwei Töfffahrer wurden mit 145 und 156 km/h erwischt – notorische Raser sind sie nicht.

Dominic Kobelt
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Zwei Motorradfahrer wurden ausgangs Oberlunkhofen mit stark überhöhter Geschwindigkeit geblitzt. (Symbolbild)

Zwei Motorradfahrer wurden ausgangs Oberlunkhofen mit stark überhöhter Geschwindigkeit geblitzt. (Symbolbild)

Thinkstock

Es ist ein schöner Nachmittag Ende September, als drei Freunde von einem Töffausflug zurückkommen. Von Oberlunkhofen fahren sie Richtung Arni,
wo sie zum Abschluss noch etwas trinken möchten. Paul*, der den Ausflug organisiert hat, fährt voraus. Auf der geraden Strecke gibt er Gas. Für etwa drei Sekunden, wie er später vor Gericht sagen wird.

Sein Kollege Stefan* zieht mit, der dritte im Bunde bleibt zurück. Zu seinem Glück, wie sich bald herausstellt: Paul wird mit 145 km/h geblitzt, Stefan gar mit 156 km/h.

Weil die beiden die erlaubten 80 km/h um mehr als 60 km/h überschritten haben, fällt ihr Vergehen unter den sogenannten Rasertatbestand. Die Staatsanwaltschaft forderte für beide eine bedingte Freiheitsstrafe von 15 Monaten, was drei Monate über der Mindeststrafe liegt, und eine Busse von 3000 Franken.

Der Führerausweis wurde beiden natürlich entzogen. Um ihn zurückzubekommen müssen sie sich verkehrspsychologisch untersuchen lassen. Für mindestens zwei Jahre werden die beiden nicht mehr fahren dürfen.

Zweifel an der Messung

Dass keine höheren Strafen gefordert wurden, verdanken Paul und Stefan dem Umstand, dass sie bisher noch nie als Verkehrssünder aufgefallen sind. «Ich kann Ihnen nicht sagen, warum das passiert ist, und es tut mir auch leid. Das Ganze hat mich völlig aus der Bahn geworfen», sagte Paul vor dem Bezirksgericht Bremgarten.

Er konnte auf die Unterstützung vieler Freunde zählen, die Briefe an das Gericht geschrieben hatten. «Ein beeindruckender Stapel Papier», meinte Gerichtspräsident Lukas Trost. «Alle sind überrascht, dass Ihnen so etwas passiert. Viele sehen Sie als Idol.»

Paul ging die Verhandlung sichtlich nahe. Er sei im Militär als Fahrer eingesetzt worden, habe Lastwagen mit 50 Leuten herumfahren müssen und habe auch in Skilagern manchen Fahrdienst geleistet. Er sei immer verantwortungsvoll gefahren. «Dass ich einmal als Raser betitelt werde, hätte ich nie gedacht. Am Schlimmsten ist für mich aber, dass ich zwei Jahre lang nicht mehr Autofahren kann.» Er fühle sich bei der Arbeit wieder «wie ein Lehrling», habe nun viel weniger Verantwortung, sagte der als Bauleiter tätige Angeklagte.

Auch Stefan gilt in seinem Freundeskreis nicht als Raser, für ihn haben zwei Kollegen von der Zürcher Stadtpolizei schriftlich bestätigt, dass er für gewöhnlich ein anständiger Fahrer sei. Beide Töfffahrer sagten aus, sie hätten während der Beschleunigungsphase nicht auf den Tacho geschaut.

«Ich war mir in jenem Moment nicht bewusst, wie schnell ich fahre», sagte Paul. Stefan war gar der Meinung, er sei nicht so schnell gefahren, wie die Polizei gemessen hatte. «Ich war sicher zu schnell, aber nicht so schnell.»

Seine Verteidigerin führte aus, dass die Polizei bereits beim Abbau der Messanlage war, für die Töfffahrer habe man dann «schnell schnell» nochmals draufgehalten. Das Video von der «Raserfahrt» sei verwackelt, weil die Polizei ohne Stativ gefilmt hätte. «Wir mussten das Messergebnis schliesslich hinnehmen. Offenbar sind nur Empfehlungen missachtet worden, aber keine Weisungen.»

Kein harmloses Vergehen

Die Verteidigerin von Paul setze in ihrem Plädoyer mehr auf die Einsicht und Kooperationsbereitschaft ihres Mandanten: «Der 28. September war ein denkwürdiger Tag für den Angeklagten. Sie sehen einen jungen Menschen, der sich schämt, der bereut, der mit der Situation fast nicht umzugehen weiss.» Der Gerichtspräsident anerkannte das, meinte aber bei der Urteilsbegründung: «Sie führten die Gruppe als Leader und gelten als vorbildlicher Fahrzeuglenker. Da ist es absehbar, dass andere mitziehen.»

Paul wurde zu 14 Monaten bedingter Freiheitsstrafe und zu 2000 Franken Busse, Stefan zu 15 Monaten bedingter Freiheitsstrafe und zu einer Busse von 3000 Franken verurteilt. «Wir verurteilen Sie nicht zu einem Raser, sondern dafür, dass sie gerast sind – für diese paar Sekunden werden Sie bestraft», sagte Lukas Trost. Das Gericht müsse auch Leute bestrafen, die nur mit 1 km/h über dem Katalogwert – also der Grenze zum Rasen – gemessen worden seien.

Trotzdem handle es sich nicht um ein harmloses Vergehen. «Es geht auch um ihren Kollegen und allenfalls um Spaziergänger oder andere Verkehrsteilnehmer.» Dass nichts Schlimmeres passiert sei, sei bei diesen Geschwindigkeiten vor allem einem Umstand zu verdanken: dem Zufall.

*Namen von der Redaktion geändert.

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