Das Wetter bessert sich, Grund genug, «den Anker zu lichten». Auf kurzer Strecke fliessen im Wasserschloss bei Brugg die drei Flüsse Aare, Reuss und Limmat zusammen und bringen im Durchschnitt über 550 Kubikmeter Wasser pro Sekunde, bei Hochwasser sogar bis viermal mehr. Ich mache in Lauffohr mein Boot klar. Die Aare kommt höher als üblich und brauner als normal, weil die Regenfälle der Vortage nachwirken. Mehr Wasser geht nicht im Aargau, und ich bin froh, dass wenigstens von oben keines mehr kommt. Die Aare fliesst gemächlicher als die Reuss. Ich paddle auf die Brücke zu, die Stilli und Siggenthal-Würenlingen verbindet. Auf ihr fährt der Verkehr relativ dicht in beide Richtungen.

Ich hingegen habe freie Fahrt auf der Aare, werde weder bedrängt noch überholt. Und entgegen kommt mir hier ohnehin keiner. Es ist auch höchst unwahrscheinlich, dass ich in eine Polizeikontrolle gerate. «Aufgrund der allgemein schmalen Ressourcen stellen seepolizeiliche Themen keine Kernaufgabe der Kantonspolizei Aargau dar», stellt Sprecher Bernhard Graser fest.

Der Gewässerpolizei sind im Aargau insgesamt sieben Kantonspolizisten zugeteilt. «Als ausgebildete Bootsführer üben sie diese Spezialfunktion im Milizsystem neben dem angestammten Polizeidienst aus», erläutert Graser. Die kantonale Gewässerpolizei verfügt über ein Boot, das in einem Bootshaus am Hallwilersee stationiert ist und dank passendem Anhänger mobil eingesetzt werden kann. «Ausser zu Ausbildungszwecken oder bei besonderen Einsätzen sind wir jedoch sehr selten auf Flüssen auf Patrouille», erklärt der Polizeisprecher. Das motorisierte Schlauchboot, das bei der Mobilen Polizei in Schafisheim eingestellt ist, wird primär für Suchaktionen eingesetzt.

Beznau umgehen

Beim Kernkraftwerk Beznau treibe ich auf die Auswasserungsstelle zu. «Das hat ja schon mal geklappt», sagt der Polizist, der an der Schranke steht, welche die Zufahrt zum Kraftwerk- gelände unterbricht. Er lässt erahnen, dass er hier schon anderes erlebt hat, hebt die Barriere, damit ich mit dem Schlauchboot unter dem Arm besser passieren kann und macht mich darauf aufmerksam, dass eine Schleuse offen ist und ich nicht zu früh wieder einwassern sollte. Tatsächlich rauscht es gewaltig unterhalb der Schleuse und ich lege eine grosszügige Distanz zu Fuss zurück. Ich habe keine Lust, beim Einsteigen ins Boot ins Wasser zu fallen.

Nach dem Hochwasser lichtet Eddy Schambron wieder den Anker, Beznau muss er aber wortwörtlich umgehen.

Nach dem Hochwasser lichtet Eddy Schambron wieder den Anker, Beznau muss er aber wortwörtlich umgehen.

Kommt es zu einem Unfall auf einem der Flüsse, sind die Boote bestimmter Feuerwehren wie Rheinfelden oder Wettingen oder jene der Regionalpolizei Brugg in aller Regel schneller verfügbar und kommen deshalb vor den Polizeibooten zum Einsatz, hält Graser fest. Solche Einsätze sind jedoch selten, «jährlich gibt es etwa fünf», meist bei Suchaktionen oder Badeunfällen. «Auf dem Hallwilersee stellen Bootsgewerbe und der Motorbootclub Hallwilersee die Boote für Rettungs- und Notfalleinsätze.» Bei Unfällen auf dem Wasser muss die Kantonspolizei die Ursache und das Verschulden klären. Fehlbare Bootsführer oder Insassen werden gemäss den jeweiligen Tatbeständen an die Staatsanwaltschaft verzeigt.

Schöne Koblenzer Brücke

Mein Boot gleitet sanft schaukelnd vorbei an Rebbergen bei Döttingen. Die Landschaft präsentiert sich vom Fluss aus anders als gewohnt und macht die geografische Orientierung manchmal schwierig. Schwer abzuschätzen ist auch, mit welchem Tempo ich welche Strecke zurücklege. Nach dem Durchqueren des Klingnauer Stausees was- sere ich vor dem Kraftwerk Klingnau, der letzten Staustufe der Aare, wieder aus und umgehe das Wehr. Dann ist es nicht mehr weit bis zur SBB-Aarebrücke in Koblenz, eine beeindruckende Konstruktion. Das Bauwerk stammt aus dem Jahr 1892 und ist im Schweizerischen Inventar der Kulturgüter von nationaler Bedeutung aufgeführt. Hier fliessen Aare und Rhein zusammen, der ideale Ort, um mich am nächsten Tag erneut auf die Reise auf dem Wasserweg durch den Aargau zu machen.