Wohlen
Das Parlament schleicht sich aus der Pflicht

Am Montag, 22. Juni, entscheidet der Wohler Einwohnerrat über den Kauf von 7595 Quadratmeter Land an der Pilatusstrasse. Eine Analyse zur vertrackten Situation um die Schulraumplanung.

Toni Widmer
Toni Widmer
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Die Schule Wohlen braucht mehr Platz.

Die Schule Wohlen braucht mehr Platz.

Der Kauf der Oscosa-Parzelle ist auf 5,24 Mio. Franken veranschlagt. Geplant ist, hier ein neues Bezirksschulhaus zu bauen. Das heutige Bezirksschulhaus in unmittelbarer Nähe auf dem Haldenareal würde saniert und für die Unterstufe umgenutzt. Im auf diese Weise vergrösserten Schulzentrum Halde sehen Gemeinderat und Schulraumplanungskommission die sinnvollste Lösung für die Behebung der akuten Schulraumprobleme in Wohlen.

Wohler Architekten zerreissen Planungsbericht in der Luft

Das Projekt wird scheitern. Der Landkauf hat im Parlament an der nächsten Sitzung wohl kaum mehr den Hauch einer Chance. Warum? Eine Gruppe von Wohler Architekten hat in den letzten Wochen und Monaten den von der Schulraumplanungskommission unter fachlicher Begleitung erarbeiteten und vor einem Jahr vorgestellten «Arbeitsbericht Schulzentrum Halde» in der Luft zerrissen.

Ein neues Schulhaus auf dem Oscosa-Areal sei finanziell und städtebaulich blanker Unsinn. Sie seien in der Lage, auf dem Haldenareal ein neues Schulhaus zu bauen – deutlich günstiger und städtebaulich weit vernünftiger, als die von Gemeinderat und Kommission vorgeschlagene Variante. Nicht zuletzt dank der uneingeschränkten medialen Unterstützung durch die Lokalzeitung – die vorerst das Projekt von Gemeinderat und Schulraumplanungskommission noch als «Durchdacht und zukunftsorientiert» gelobt hatte – ist es der Architektengruppe offenbar gelungen, eine Mehrheit des Wohler Parlaments für sich zu gewinnen.

Daran gäbe es eigentlich nichts auszusetzen. In einem demokratischen Land darf jedermann an der öffentlichen Meinungsbildung mitwirken. Und aktuelle Vorgänge im Bundeshaus belegen, das gerade in der Schweiz die Vertretung von Eigeninteressen keineswegs verpönt ist, sondern eine grosse Tradition hat. Doch mittlerweile ist das Thema Schulraumplanung in Wohlen völlig aus dem Ruder gelaufen. Mit Demokratie und seriöser Meinungsbildung hat das, was in den letzten Wochen und Monaten passiert ist, nur noch wenig zu tun. Die Schuld daran allein der Architektengruppe zuzuschreiben, wäre nicht fair. Zweifellos hat auch der Gemeinderat nicht in allen Teilen mit der nötigen Besonnenheit auf das architektonische Trommelfeuer der letzten Monate reagiert.

Was die Architektengruppe gemacht und ausgelöst hat, darf und muss dennoch kritisch hinterfragt werden. Obwohl der Bericht der Schulplanungskommission schon im Frühling 2014 vorgelegen hat und auch veröffentlich worden ist, hat sie sich mit ihren Vorschlägen erst in letzter Minute zu Wort gemeldet; zwei Wochen bevor der Einwohnerrat ein erstes Mal über den Landkauf «Oscosa» hätte entscheiden sollen. Das Geschäft ist vertagt worden, weil der Gemeinderat vorerst über die neuen Ideen beraten wollte.

Danach hat die Architektengruppe mehrmals ihr Konzept geändert. Neben einem neuen Schulhaus in der Halde brachte sie auch das Berufsbildungszentrum Freiamt (bbz) ins Spiel und suggerierte, dort könnten allenfalls die nötigen Schulräume geschaffen werden. Das bbz ist vom Tisch, weil zwischenzeitlich auch die Architekten gemerkt haben, dass Wohlen über dieses nicht in Alleinherrschaft verfügen kann. Dann kam, als weitere Variante, die Bleichi als möglicher neuer Schulstandort auf den Tisch. Ein Areal, auf dem verschiedene Gebäude mit einem Ensembleschutz belegt sind. Es ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass es der Architektengruppe – nicht primär, aber auch – darum geht, das Projekt Oscosa zu Fall zu bringen und so dem Gemeinderat eins auszuwischen.

Der Einwohnerrat scheint mittlerweile nur noch die Argumentation von Gemeinderat und Schulraumplanungskommission kritisch zu hinterfragen, dafür aber den Architekten blind zu vertrauen. Obwohl deren Vorschläge zum Teil widersprüchlich und sicher noch nicht ausgegoren sind. Das Parlament hat – unter anderem mit der Zustimmung zum Kauf der Liegenschaft Fisher Scientific – die Weichenstellung in Richtung Schulzentrum Halde lange Zeit unterstützt und sich im Sommer 2014 auch nie kritisch zum Schulraumplanungsbericht geäussert. Jetzt plötzlich ist dieses umfangreiche Papier nichts mehr wert. Die Architekten müssen mit ihren Ideen nicht per se falsch liegen. Aber ihre Argumente lassen sich kaum seriös mit jenen vergleichen, die mit dem Schulraumplanungsbericht auf dem Tisch liegen.

Das Parlament darf nicht nach der Windrichtung entscheiden

Der Einwohnerrat fürchtet sich davor, in der aufgeschaukelten Stimmung mit dem Oscosa-Kauf vor dem Stimmvolk Schiffbruch zu erleiden. Damit schleicht er sich aus seiner Pflicht. Er ist vom Volk gewählt worden, damit er sich seriös mit Projekten auseinandersetzt, Entscheide dazu fällt, diese nach aussen vertritt und dem Stimmvolk erklärt, warum er so oder anders entschieden hat. Keinesfalls darf er die Finger in den Wind halten und seine Entscheide in jene Richtung fällen, in die dieser gerade weht.