Aristau

Das Opfer, das war doch eigentlich die Hexe

Die Hexe hat den AZ-Redaktor zwar in Ruhe gelassen, aber die Stechmücken waren dafür umso aggressiver.

Am Ort, wo die Aristauer Hexe ihre letzte Ruhestätte gefunden haben soll, spukt es zwar nicht, aber es pikst.

Irgendwo im sumpfigen Boden des Heini-Mösli müssen sie liegen, die sterblichen Überreste der Frau, die als «Hexe von Aristau» ihre Aufnahme in die Sagensammlung von Ernst Ludwig Rochholz gefunden hat.

Den Heiniweiher, der im Buch «Schweizersagen aus dem Aargau» erwähnt wird, gibt es heute jedenfalls nicht mehr. Aber was entsteht, wenn ein Naturweiher verlandet? Genau, ein Moor oder in Mundart eben ein Mösli.

Deshalb bin ich überzeugt, dass sie genau hier versenkt oder verscharrt wurde, die mutmassliche Hexe. Ihr feuchtes Grab liegt schön ausserhalb des Dorfes Aristau, in einem Waldstück im Osten des Dorfes, zwischen Aristau und Birri, nahe der Grenze zu Muri.

Klar, als Selbstmörderin hatte sie kein Recht, in der geheiligten Erde des Dorffriedhofs bestattet zu werden.

Vielleicht hilft ja das Kreuz auf dem Sackmesser

Etwas gruselig ist es schon an diesem Ort. Der Wald ist zwar nicht sehr dicht, aber als die Sonne untergeht, wird es doch schnell dunkel und es erscheint tatsächlich «alles Laub des Waldes schwarz».

Zum Glück sind die Geräusche von der Bremgartenstrasse herauf bis hierher gut zu hören. So fühle ich mich nicht ganz so abgeschlossen von der Welt. Ich habe unsere Gartenliege mitgenommen, auch eine Taschenlampe und genügend Tee.

Das Sackmesser habe ich in die Tasche meiner Trainerhose gesteckt, im Wissen, dass solch weltliche Waffen wohl kaum ein Gespenst beeindrucken. Aber vielleicht hilft ja das Schweizerkreuz, so im Notfall...

Derjenige, der nicht hierher gehört, das bin ich

Mit dabei ist auch das Sagenbuch von Rochholz. Ich will die Geschichte der Hexe von Aristau da nochmals lesen, wo sie sich zugetragen hat. Kaum bin ich eingerichtet, da geht der Horror dieser Nacht schon los: Stechmücken.

Gross, gierig, blutrünstig und selbst durch drei Lagen Stoff und Antibrumm kaum zu bremsen. Ist er das jetzt, der Fluch der Hexe? Will sie mich so zur Flucht zwingen, auf dass ich mich dann im Wald verirre?

Immer wieder leuchte ich mit der Taschenlampe ins Unterholz, wo es dauernd knackt und raschelt und tickt. Aber da ist nichts zu sehen. Dafür höre ich die verdammten Mücken um meinen Kopf sirren.

Eigentlich stimmt ja alles. Das ist ein sumpfiger Boden, da sind die Mücken zu Hause. Derjenige, der nicht hierhergehört, das bin ich. Ich möchte hier auch weder leben noch begraben sein.

Mir tut die Frau leid, der man die Schuld daran gab, dass die Butter nicht fest wurde und die Feldarbeit nicht gelang. Es ist doch bis heute so, dass man für eigene Fehlleistungen erst einmal einen anderen Sündenbock sucht. Das hat sicher auch in Aristau seinerzeit wunderbar funktioniert.

Die arme Frau sah keinen anderen Ausweg mehr

Vielleicht entsprach sie in irgendeiner Weise nicht den Vorstellungen, die man sich von einer «braven» Frau damals machte. Vielleicht war sie etwas eigen. Vielleicht fürchteten sie die anderen Frauen, weil sie Konkurrenz witterten.

Vielleicht konnte oder wusste sie mehr als die anderen. Was immer es war, die Gemeinschaft bestrafte sie durch Ausschluss. Bis heute eine besonders effektive Art, unliebsame Menschen loszuwerden, denn geächtete Menschen verschwinden, auf die eine oder andere Weise.

Im Fall der «Hexe von Aristau» ging es so weit, dass die arme Frau keinen anderen Ausweg mehr sah, als sich das Leben zu nehmen. Anstatt ihr jetzt wenigstens ihre Ruhe zu lassen, baute man die Legenden um ihre Person und ihren Leichnam noch aus.

Auf dem Weg nach Hause wird mir bewusst, dass der wahre Sumpf und die echten Blutsauger nicht draussen im Wald sind.

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Autor

Christian Breitschmid

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