Wohlen
Das Open-Air-Kino beim Erdmannlistein

Zwei Tage nach Frühlingsbeginn kann man im Wohler Wald ein mystisches Lichtspektakel beobachten.

Lina Giusto
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Der Wolfskopf ist vom 22. bis zum 29. März zwischen 16.30 und 17 Uhr deutlich zu erkennen. Toni Widmer

Der Wolfskopf ist vom 22. bis zum 29. März zwischen 16.30 und 17 Uhr deutlich zu erkennen. Toni Widmer

Toni Widmer

16.30 Uhr. Die Sonne strahlt zwischen den Bäumen hindurch. Der Erdmannlistein zwischen Wohlen und Bremgarten liegt im Lichtkegel der Sonne. Die Felsgruppe besteht aus drei aufeinanderliegenden Steinen, die in der Mitte ein Loch bilden – das Wohler Martinsloch. Das Schauspiel beginnt: Die Sonne bestrahlt durch die Öffnung die dahinterliegende Steinplatte. Der Lichtfleck auf der Steinfläche verwandelt sich während rund 30 Minuten in einen deutlich erkennbaren Wolfskopf. Gegen 17 Uhr ist das Bildnis für rund drei Minuten klar auf dem Stein-Monitor zu sehen. Der Wolfskopf löst sich dann langsam wieder auf, bis er um 17.15 Uhr von der Steinfläche verschwunden ist.

Sagenhaft: Tanzende «Erdmannli»

Es führen viele Wege zum Erdmannlistein. Über Wanderwege von Wohlen, Waltenschwil und Bremgarten oder von der 200 Meter entfernten und gleichnamigen Haltestelle der Bremgarten-Dietikon-Bahn erreicht man das Kulturgut. Der geschützte Platz ist ein beliebtes Ausflugsziel für Schulreisen. Die Feuerstelle, Tische und Bänke laden zum Verweilen ein: ein sagenumwobener Ort. Die bekannteste Überlieferung erzählt von den «Erdmannli», die in einer Höhle unter den Steinen gewohnt haben sollen. Für ihre Tänze und Sprünge wurden sie von den Landsleuten mit Gemüse belohnt, bis eines Tages zwei junge Burschen Steine in die Höhle der «Erdmannli» warfen. Trauriges Wimmern und Winseln war aus der Höhle zu hören und das kleine Volk verschwand an diesem Tag für immer von der Bildfläche. Aber es soll eine Möglichkeit geben, sie wiederzusehen: Wenn es jemand schafft, sieben Mal mit angehaltener Luft um den Erdmannlistein zu rennen, sollen sie wieder erscheinen. Deshalb umkreisen bis heute viele Kinder den Erdmannlistein. Bisher erfolglos. (lgi)

Das Naturspektakel findet jährlich am Spätnachmittag, zwei Tage nach Frühlings- und Herbstbeginn, statt. Das Wolfkopf-Kino sieht man vom 22. bis zum 29. März. Im Herbst entfällt es, weil die Blätter der Bäume die Sonne verdecken. Über die Entstehung des Erdmannlistein-Komplexes scheiden sich nun mehr die Geister.

Von Hand oder Gletscherzunge

In der Moränenlandschaft zwischen Wohlen und Bremgarten liegen viele Granitblöcke in allen Grössen und Formen. In der letzten Eiszeit hat der Reussgletscher die Steine transportiert und abgelagert. Sie stammen aus dem Aaremassiv. Die drei grössten Steine der Gegend sind zum Erdmannlistein aufgeschichtet. Zwei grosse Felsbrocken tragen den kritisch ausbalancierten Deckstein, dessen Gewicht auf rund 60 Tonnen geschätzt wird. Wegen der Reibung gleitet der Deckstein nicht von den beiden unteren Steinen ab.

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Dieser Aspekt bestärkt die astronomische Deutung des archäologischen Fundus: Die Felsengruppe wurde von Menschenhand planmässig gesetzt und abgestützt. Und nicht, wie oftmals angenommen, vom Gletscher verursacht. Gerade der östlich aufrecht liegende Stein bestärkt diese Überzeugung: Ein Gletscher lagert Steine flach ab.

Georg Brunner, Archäo-Astronom, entdeckte das Lichtspektakel am Erdmannlistein vor 10 Jahren: «Um die Felsgruppe treten im Bodenuntergrund Störungen auf, die auf eine Fragmentierung schliessen lassen.» Dies ergab eine Georadar-Untersuchung des Bodens zusammen mit der Firma FKL & Partner AG. Für Peter Grimm, Mitglied der astronomischen Vereinigung Aarau, ist klar: «Der Erdmannlistein wurde höchstwahrscheinlich von Menschenhand errichtet.»

Im Ausland gebe es weitaus grössere und schwerere Steinsetzungen, die nachweislich von Menschen gebaut wurden. Das berühmteste Beispiel ist Stonehenge. Auch die Abteilung Landschaft und Gewässer im Kanton Aargau glaubt beim Findling an eine prähistorische Kultstätte. Die Kantonsarchäologie Aargau dagegen geht von einer zufälligen, geologischen Ablagerung aus.

Alles Humbug?

Peter Grimm indes betont: «Steinsetzungen wie der Erdmannlistein haben nichts mit Astrologie zu tun.» Steine dieser Art seien nach bestimmten Sonnenständen an bestimmten Daten, wie zum Beginn der Jahreszeiten, ausgerichtet und hätten eine Kalenderfunktion.

Obwohl der Steinkomplex im Wohler Wald bekannt und oft besucht ist, weiss man wenig über seine Entstehung. Sicher aber ist: Den Wolfskopf gibt es wirklich.

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