Villmergen
Das knappe Mehr gegen den Mehrwert – die Dorfzeitung steht vor dem Aus

Die «Villmerger Zeitung» scheitert mit ihrer Gemeindeinitiative und wird nun definitiv eingestellt. Am 24. Juni erscheint die letzte Ausgabe. Die Stimmbürger sprachen sich gegen die Erhöhung des Gemeindebeitrags von 25’000 auf 155’000 Freanken aus.

Patrick Züst
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Der Gemeinderat sprach sich klar gegen die Initiative zur Rettung der Zeitung aus – schlussendlich machte der Gegenvorschlag bei den Stimmbürgern das Rennen.

Der Gemeinderat sprach sich klar gegen die Initiative zur Rettung der Zeitung aus – schlussendlich machte der Gegenvorschlag bei den Stimmbürgern das Rennen.

Patrick Zuest

Das «Wünschenswerte» und das «Nötige» – während den vergangenen drei Monaten haben jene zwei Schlagwörter Villmergen nicht nur dominiert, sondern regelrecht polarisiert. In den Medien, an den Stammtischen und am vergangenen Freitag auch an der Gemeindeversammlung. Auf jenen zwei Schlagwörtern beruht die Diskussion, ob der Gemeindebeitrag an die Dorfzeitung von bisher 25’000 auf neu 155’000 Franken erhöht werden soll. Kurz: Ob Villmergen die «Villmerger Zeitung» finanzieren will oder nicht.

Dass sich die Mehrzweckhalle mit 287 Stimmberechtigten bis fast auf den letzten Platz füllt, ist bei Villmergern Gemeindeversammlungen eine absolute Seltenheit. Und dass es dabei nicht etwa um Ausgaben in Millionenhöhe, sondern lediglich um jährlich rund 46 Franken pro Haushalt geht, das erstaunt umso mehr.

Es fehl(t)en die Inserate

Seit die «Villmerger Zeitung» vor rund einem Jahr zum ersten Mal öffentlich über die prekäre finanzielle Lage des Dorfblatts berichtet hat, ist sie ein konstantes Thema. Im Juni 2012 wurde die Villmergen Medien AG als Herausgeberin der Dorfzeitung gegründet – rund ein Jahr später wurde die «Villmerger Zeitung» dann zum amtlichen Publikationsorgan erklärt. Sie erschien seither wöchentlich und in Farbe, wurde gratis an alle Haushalte verteilt.

Anfangs wurde die Zeitung noch von der dorfinternen Ortsbürgerstiftung unterstützt. Langfristig wollte man sich aber vor allem mit Inseraten finanzieren. Ein Gemeindebeitrag von 25 000 Franken pro Jahr wurde bereits zu Beginn vereinbart. Weil die erwarteten Einnahmen jedoch ausblieben, reichte die «Villmerger Zeitung» Anfang März eine Initiative ein, um den bisherigen Beitrag der Gemeinde auf neu 155 000 Franken zu erhöhen. Der Gemeinderat reagierte darauf mit einem Gegenvorschlag, der eine Erhöhung auf 50 000 Franken vorsah.

Für Bruno Leuppi, Verwaltungsrat der Villmergen Medien AG, war die Ausgangslage klar: «Wird die Initiative nicht angenommen, bedeutet dies das Ende der ‹Villmerger Zeitung› – der Gegenvorschlag würde uns nicht weiterhelfen.» Leuppi und die zahlreichen Befürworter im Saal sprachen sich bei ihren Voten vor allem für den kulturellen und idealistischen Wert der Zeitung aus, den es zu Erhalten gälte.

Gegenvorschlag macht Rennen

Der Gemeinderat hingegen stellte sich klar gegen die kollektiven Abgaben, welche insgesamt rund ein Steuerprozent ausgemacht hätten. Die Gemeinde könne nicht dafür zuständig sein, finanzielle Verluste von privaten Aktiengesellschaften auszugleichen: «Die Zeitung wird im Dorf sehr geschätzt. Trotzdem bin ich überzeugt, dass wir mit dem Gegenvorschlag ein angemessenes Angebot unterbreitet haben und sich diverse andere Finanzierungsmöglichkeiten finden liessen.»

Schlussendlich sprachen sich 147 Personen für den Gegenvorschlag und lediglich 124 Personen für die Initiative aus. Die Annahme des gemeinderätlichen Gegenvorschlags war mit 177 Ja- und 66 Nein-Stimmen dann nur noch Formsache. Ob aber auch wirklich allen Anwesenden klar war, dass sie damit nicht etwa einen Kompromiss eingehen, sondern das Ende der «Villmerger Zeitung» besiegeln, das bleibt fraglich. So oder so: Am 24. Juni wird die letzte Ausgabe der «Villmerger Zeitung» erscheinen.

Von Freud und Leid

So intensiv die «Villmerger Zeitung» besprochen wurde, so eindeutig waren alle andern Traktanden abgehandelt. Einstimmig wurde dem neuen Wasserreglement und der Totalrevision des Besoldungsreglements zugestimmt – mit grosser Mehrheit wurden jeweils auch die insgesamt zwölf Einbürgerungsbesuche bewilligt.

Erwähnenswert ist dabei das Ehepaar Mario und Debora Serratore, welches selber nicht an der Versammlung teilnehmen konnten. Genau zur selben Zeit wurde nämlich ihr Sohn Cristiano geboren. Und während er das Licht der Welt erblickte, ist an der Gemeindeversammlung gleichzeitig das Licht am Ende des Tunnels für die Villmerger Zeitung endgültig erloschen. Freud und Leid – sie können manchmal so nahe beieinander sein.

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