Der am 28. Juni 1914 beim Attentat von Sarajevo ermordete österreichische Thronfolger Franz Ferdinand soll einige Monate vor seinem Tod einen weissen Gamsbock erlegt haben.

Das Töten eines weissen Wildtieres bringt eben Pech – so sagt es die Legende. «Ich würde nicht schiessen», sagt ein Jäger auf der Fahrt zum kleinen Waldstück oberhalb Villmergens.

«Ein weisses Reh ist auch ein spezielles Tier, das sollte man nicht töten», meint ein anderer. Aber die Meinungen sind gespalten. Albino-Rehe sind für Feinde gut sichtbar, haben deshalb Stress und sollten erlegt werden, damit sie sich nicht verbreiten, erklärt ein älterer Herr mit grünem Filzhut.

Die Treiber müssen sich dazu keine Gedanken machen. Ihre Aufgabe ist es nur, das Wild aufzuscheuchen, «nicht herumzuhetzen», wie Otto Sorg, Chef der 14 Treiberinnen und Treiber, betont. Auf einer Linie stellen sie sich am Waldrand auf, um dann langsam durch den Wald zu schreiten, wie ein menschlicher Kamm, und die Rehe und Füchse in Richtung der Jäger treiben. «Ho! Ho! Brrr!» rufen sie, zwischendurch ertönt das Jagdhorn.

Mit dabei sind auch einige Triebhunde. Erlaubt sind für diese Aufgabe nur kleine Hunde, die grösseren wären einfach zu schnell. Die Rehe würden dann in einem solchen Tempo fliehen, dass ein sauberer Abschuss unmöglich wäre.

Jäger Daniel Wehrli sitzt derzeit unbeweglich auf einem Sitzstock mitten im Wald, die Flinte auf dem Schoss. Und tatsächlich, in etwa 50 Metern Entfernung läuft eine Rehgeiss durch den Wald, dicht hinter ihr ein weisses Rehkitz.

«Es war extrem knochig und wirkte unselbstständig», sagt er nach dem ersten Trieb, als die Jäger zusammenkommen und ihre Beobachtungen berichten. Auch andere Jäger haben das Albino-Reh gesehen.

Abgeschossen hat es niemand. Beim ersten Trieb werden über ein Dutzend Rehe gesichtet. Nur ein einziger Schuss ertönt, ein Reh fällt, es ist auf der Stelle tot. Nachsuchen – so nennt man das Aufspüren von Tieren, die getroffen werden, aber nicht sofort tot sind und sich im Wald verstecken – sind an diesem Tag keine nötig.

Diskussion ums «Aufbrechen»

Die anderen Tiere entkommen – die Jäger schiessen nicht, weil die Distanz zu gross, das Tier zu schnell oder Personen in der Nähe waren. Das tote Reh wird zu einem kleinen Platz gebracht, wo die Jäger eine Art Unterstand haben und verpflegt werden.

Auf dem Vorplatz wird das Tier aufgehängt und aufgeschnitten. Immer wieder kommen Diskussionen auf, ob diese Arbeit wirklich draussen erfolgen soll, oder ob das nicht besser der Metzger machen würde.

Jagdaufseher Pius Vock sieht dazu keine Notwendigkeit. «Ein Hygieneproblem gibt es nicht. Im Zweifelsfall, wenn es warm ist, hängen wir das Reh in einen Kühlraum.» Wichtig sei, dass man das Tier nicht direkt im Wald «aufbreche», sondern an einem Ort, wo man genug Platz und einen sauberen Untergrund habe.

«Zudem muss Wasser vorhanden sein.» Sauber und vorsichtig wird das Reh geöffnet. Die Organe werden entnommen, Nieren, Leber, Lunge und Herz werden angeschaut, um mögliche Krankheiten zu erkennen. Das erlegte Exemplar hat weisse Flecken auf der Lunge. Vermutlich eine Lungenentzündung, die aber wieder verheilt ist.

Insgesamt schiessen die Jäger am Samstag fünf Tiere. Das Albino-Reh ist nicht unter ihnen.