Wohlen/Tansania
Das Glück liegt auch in kleinen, mutigen Schritten

Die Wohlerin Yvonne Kaufmann lebt seit einem halben Jahr im Norden von Tansania. Dort arbeitet sie fürs Hilfswerk Interteam, das den Kindern ein wenig Kindheit zurückgeben will.

Yvonne Kaufmann
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Yvonne Kaufmann aus Wohlen im Gespräch mit Kindern in Tansania.

Yvonne Kaufmann aus Wohlen im Gespräch mit Kindern in Tansania.

Zur Verfügung gestellt

Stellen Sie sich eine Gruppe von 220 Schweizer Kindern im Alter von 5 bis 17 Jahren vor, die mucksmäuschenstill einem zweistündigen Monolog eines Erwachsenen zum Thema «richtiges Denken» zuhört. Unmöglich, denken Sie wahrscheinlich.

In Tansania schaffen das die Kinder problemlos. Früh trägt hier die Erziehung Früchte. Disziplin, Drill und Gehorsam gehören zum Alltag der tansanischen Kindheit. Dies geschieht oft im Befehlston und wird mit Drohungen, Schlägen, Ohrenläppchen drehen und leider auch mit gewalttätigeren Mitteln erreicht.

Mädchen werden früh verantwortungsbewusst

Angesichts der katastrophalen Prüfungsergebnisse der letzten Abschlussklassen und der angeblich zunehmenden Disziplinlosigkeit forderte der stellvertretende Bildungsminister sogar öffentlich die Wiedereinführung der körperlichen Züchtigung in den Schulen. Als ob es sie nicht schon gäbe! Kinder haben in erster Linie die Erwachsenen zu bedienen. So lernen die Mädchen früh, die Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister zu übernehmen und zeigen bei der Erledigung der Haushaltarbeiten (Putzen, Waschen, Wasser und Feuerholz holen etc.) grosses Geschick. Ansonsten erscheinen mir die Kinder oft wie Spielpuppen, die je nach Bedarf an- oder ausgeschaltet werden können.

Jeden Samstag treffen sich in unserem Zentrum zwischen 50 und 220 Kinder zum gemeinsamen Spielen, Essen, Tanzen, Singen und Lernen. Die Erwachsenen hier haben ein offenes Ohr für ihre Anliegen und bieten ihnen einen Ort, wo sie den schwierigen Alltag für einen Tag hinter sich lassen dürfen.

Fragen wirken irritierend

Nach dem grossen Aufräumen kamen kürzlich die drei sieben- bis neunjährigen Mädchen Restituta, Rosy und Endo, zu mir ins Büro. Zum ersten Mal nehmen sie all ihren Mut zusammen und nennen mich nicht «mzungu» (Weisse) oder «Madam», sondern – endlich – Yvonne. Diesem ersten Schritt folgt gleich der nächste. Sie stellen Fragen, viele Fragen. «Was hast du da in der Schublade? Kann ich auf deinem Computer ein Spiel spielen? Was schreibst du? Darf ich den Inhalt deiner Tasche sehen? Was steht in diesem Buch?»

Jedes Mal, wenn ich auf ihre Frage eingehe, ihnen etwas erkläre, wirken sie leicht überrascht und irritiert, denn sie sind es nicht gewohnt, von Erwachsenen Erklärungen zu erhalten. Nachdem wir mein Büro genauestens inspiziert haben, fragt mich Endo, ob ich ihr meine Farbstifte schenken würde. Bevor ich meine negative Antwort begründen kann – es sind die einzigen Stifte, die ich habe und andere Kinder sollen weiterhin in meinem Büro malen können –, steht ihre Frage «Warum nicht?» im Raum.

Ich bin so glücklich über dieses «Warum nicht?», dass ich ihr umgehend die Farbstiftschachtel schenke und darauf vertraue, dass die drei Mädchen weitere kleine, mutige Schritte wagen werden. Ich auf jeden Fall werde mich vorsorglich mit weiteren Farbstiftschachteln eindecken.

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