Geltwil
Das Glück der Kleinstgemeinde Geltwil

Eine Million Franken für erneuerbare Energie – geschenkt von einem Privatmann. Gestern noch Finanzausgleich, heute Schulhauserweiterung ohne Hypothekarkredit. Jeder kennt (fast) jeden. Das ist Geltwil AG.

Eddy Schambron
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Von wegen Bauernkaff: Neuzuzüger sind hier willkommen.
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Die Gesamtschule ist die Seele des Dorfes und behauptet sich erfolgreich.
Gemeinde Geltwil

Von wegen Bauernkaff: Neuzuzüger sind hier willkommen.

Eddy Schambron

Um Himmels Willen», sagten die Kollegen, als sie erfuhren, dass wir in eine Aargauer Kleinstgemeinde ziehen würden. Wir lebten damals, vor rund 30 Jahren, in städtischen Verhältnissen. Geltwil kannten wir nicht. Die «totale soziale Kontrolle» prophezeiten uns die Kollegen, wir würden immer und ewig misstrauisch beäugte Neuzuzüger bleiben. Nichts los in einem solchen Kaff, ausser vielleicht nicht richtig eingezäunte Kühe. Gute zwei Jahre nach dem Zuzug fragte mich der damalige Gemeindeammann, ob ich mich für den frei werdenden Sitz im Gemeinderat zur Verfügung stellen wolle.

Geltwil, stellte sich heraus, war offensichtlich anders, als sich Städter verschlafene Kleinstgemeinden vorstellen. Die meisten Leute kannten wir schnell, obwohl es keinen einzigen Verein und auch keine Partei im Dorf gibt. Das Bier nach der Gemeindeversammlung, der Christbäumliverkauf bei der Waldhütte, das Mitmachen in der Feuerwehr genügten, um rasch in den Kontakt mit der Bevölkerung zu kommen. Wir erfuhren im Nachhinein, dass auch wir selbstverständlich «durchgehechelt» wurden. Einige bezeichneten unser damals modernes Holzhaus als «Beielihus», andere weniger schmeichelhaft als «Geissenstall».

Vereinzelt gab es Sprüche, als ich als Hausmann mit dem Kinderwagen durchs Dorf schlenderte, weil meine Frau und ich uns mehrere Jahre die Erwerbstätigkeit teilten. Aber die Geltwilerinnen und Geltwiler begegneten uns – und den anderen Neuzuzügern – immer offen, grosszügig und tolerant. Wahrscheinlich wird man so, wenn man in einer kleinen Gemeinschaft aufeinander angewiesen ist. In einem Kleinstdorf braucht es schliesslich jeden irgendwann – für den Gemeinderat, für die Schulpflege, für Kommissionen, für die Feuerwehr, selbst für das Organisieren eines kleinen Dorffestes. Wer länger als zwei, drei Jahre in Geltwil lebt, hat sich meistens in irgendeiner Form für die Gemeinde engagiert.

Interessante Alternative

Wie findig man werden kann, wenn es an die Substanz geht, zeigten Schulpflege und Gemeinderat 2001. Ab Schuljahr 2004/2005 zeichnete sich ab, dass die Schülerzahl der Gesamtschule unter zwölf sinken würde. Damit drohte die Aufhebung der Schule. Lehrer, Schulpflege und Gemeinderat starteten erfolgreich ein aussergewöhnliches Projekt: Auswärtige Eltern, die den besonderen Wert einer Gesamtschule schätzten, wurden eingeladen, ihre Kinder in Geltwil unterrichten zu lassen.

Für Eltern, die ihr Kind in eine teure Privatschule schicken wollten, stellte das Angebot eine interessante Alternative dar. Neben der Bezahlung des Schulgeldes von rund 5000 Franken mussten die Eltern selber für den Transport ihrer Kinder zur Schule und nach Hause sorgen. Ein Mittagstisch wurde privat organisiert, aber von der Schulpflege gefördert und vermittelt. 2004, als Geltwil neu mit einem Postautokurs bedient wurde, konnte die Schulpflege noch eins draufsetzen: «Fast eine Privatschule – neu mit Chauffeur.»

Alle sollen profitieren

Jetzt kann sich die Gemeinde als Pioniergemeinde in Sachen erneuerbarer Energie profilieren, weil der Privatmann Franz Käppeli, Unternehmer in Zürich, dafür eine Million Franken zur Verfügung stellt. «Wir starten heute, damit wir morgen von nicht erneuerbarer Energie unabhängig werden», lautet seine Devise. Von seiner Starthilfe sollen alle profitieren können: Wer seinen Ölbrenner ersetzen muss oder will, kann beispielsweise die Mehrkosten für eine Erdwärmenutzung aus diesem Geschenk decken. Wer eine Photovoltaikanlage erstellen oder sein Wasser solar erwärmen will, erhält die dafür notwendige Unterstützung auch in finanzieller Form. Das Geschenk ermöglicht es der Gemeinde, solidarisch eine Vorreiterrolle in der Eigenversorgung mit erneuerbarer Energie einzunehmen.

Alles bestens also? Natürlich gab und gibt es in dieser Kleinstgemeinde Konflikte, wie man sie auch in grösseren kennt. Klar waren und sind Schulpflege und Gemeinderat nicht immer einer Meinung. Und selbstverständlich haben nicht alle das Heu auf der gleichen Bühne. Aber der frühere Lehrer und Gemeindeschreiber Arthur Brühlmeier fasst eine Rückschau so zusammen: «Das war auch typisch Geltwil: Man fand immer irgendwie den Rank.» Wer nicht allzu dickschädlig ist, erlebt es heute noch so.

Nicht eine Million Franken oder ein Steuerfuss von 90 Prozent machen das Glück einer Kleinstgemeinde aus. Es sind, im Falle von Geltwil, die gegenwärtig 192 Menschen, die zusammen ein gutes Dasein geniessen und etwas dafür tun wollen.