Arsène Perroud
«Das Freiamt wird stiefmütterlich behandelt» – Wohlens Gemeindeammann im grossen Interview

Wohlens Gemeindeammann Arsène Perroud im Interview über verstopfte Strassen in seinem Dorf, die Wahrnehmung des Freiamts im Kanton und die schwierige Finanzlage.

Marc Ribolla
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Arsène Perroud (43, SP) ist seit Januar 2018 Gemeindeammann von Wohlen.

Arsène Perroud (43, SP) ist seit Januar 2018 Gemeindeammann von Wohlen.

Britta Gut

Wie haben Sie die Festtage in diesen Coronazeiten verbracht?

Arsène Perroud: Wir haben wie auch in den vergangenen Jahren im kleinen Familienrahmen gefeiert und meine Eltern besucht. Generell haben wir nie eine grosse Chose an Weihnachten.

Dann haben die Einschränkungen Sie nicht derart betroffen?

Nur gering. Normal treffen sich alle Geschwister gemeinsam bei den Eltern am 25. Dezember, das gabs dieses Jahr nicht.

Was haben Sie 2020 am meisten vermisst?

Viele Dinge kamen zu kurz. Gerade die sozialen und kulturellen Veranstaltungen, die wichtig sind, um mit der Bevölkerung in Kontakt zu sein. Aber da bin ich keine Ausnahme, das ging uns allen so. Politisch konnten wir alle Geschäfte erledigen.

Der Einwohnerrat musste nur eine Sitzung ausfallen lassen.

Richtig, dank den Schutzkonzepten hat das in der Legislative sehr gut geklappt. Dass das politische Leben funktioniert, war uns im Gemeinderat ein grosses Anliegen. Den grösseren Aufwand verursachten die Schutzkonzepte in der Verwaltung oder den Schulen.

Wie waren Sie ausserhalb der Politik von der Coronakrise betroffen?

Einerseits familiär mit Kindern im Homescooling mit entsprechenden familiären Auswirkungen. Andererseits fielen viele kulturelle Veranstaltungen oder Laufanlässe aus.

Waren Sie auch im Homeoffice tätig?

Da ich ein Einzelbüro habe, war es besser im Büro zu arbeiten als daheim. Die Anwesenheit des Gemeindeammanns ist in vielen Fällen zwingend nötig. Viele Termine finden zudem extern, selbstverständlich mit entsprechenden Schutzmassnahmen, statt.

Sie haben als Gemeindeammann ein 80-Prozent-Pensum. Wie gestaltet sich dies praktisch?

Dies ist vor allem von der Wochenstruktur abhängig. Neben meinem Amt als Gemeindeammann sind meine anderen Mandate wie Verbandspräsidien oder Grossrat ausserhalb der Arbeitszeit. Dann ist die Woche gegeben. Vieles hat mit Selbstdisziplin zu tun. Du musst dich auch mal abgrenzen können und nicht anwesend sein. Es gibt Phasen, wo es deutlich mehr als 80 Prozent sind und auch solche, in denen es weniger sind.

Als Grossrat vertreten Sie das Freiamt und Wohlen in Aarau. Wie empfinden Sie die Wahrnehmung der Region im kantonalen Vergleich?

Der Aargau zeichnet sich durch eine starke regionale Charakteristik aus. Das zeigt sich im Grossrat auch durch viele Vorstösse mit spezifisch regionalem Inhalt, das ist auch in Ordnung. Ich sehe mich selber auch als regionaler Vertreter.

Und aufs Freiamt bezogen?

Leider gibt es verschiedene Bereiche, in denen das Freiamt abgehängt wird. Der ÖV ist ein solches Thema. Manchmal bekommt man das Gefühl, dass das Freiamt sehr weit weg ist von den kantonalen Zentren, wenn es um gute Anschlüsse geht. Ich nehme an, im Fricktal ist die Wahrnehmung ähnlich.

Würden Sie das Freiamt hinter Baden und Aarau trotzdem als 3. Kraft im Aargau einstufen?

Es kommt drauf an, wie man es betrachtet. Bezüglich Bevölkerungswachstum haben wir ein relativ konstantes Wachstum auf hohem Niveau. Wir spüren einen Druck aus Zürich und der Innerschweiz. Ebenfalls wächst die Wirtschaft im Freiamt. Die Arbeitsplätze, die hier angesiedelt sind, haben aber nicht die höchste Wertschöpfung. Es gibt viel Logistik, Handel oder Baugewerbe. Bei der Wirtschaftsentwicklung stossen wir zunehmend an Grenzen, da die verfügbaren Gewerbelandreserven praktisch ganz ausgeschöpft sind.

Blick auf den Wohler Kirchenplatzkreisel im Frühling 2020.

Blick auf den Wohler Kirchenplatzkreisel im Frühling 2020.

Chris Iseli / LZB

Zu reden gibt in Wohlen regelmässig das hohe Verkehrsaufkommen mit verstopften Strassen zur Stosszeit. Sehen Sie hier in absehbarer Zeit eine entlastende Lösung?

Grundsätzlich würde eine verbesserte ÖV-Anbindung eine Entlastung bringen. Aber solange dies nicht attraktiv ist, kann es nicht wirkungsvoll funktionieren. Eine Realität ist auch, dass wir in einem ländlichen Gebiet leben, wo die Leute mehr auf das Auto angewiesen sind. Es wäre eine Illusion zu glauben, man könnte in Wohlen städtische Verhältnisse wie in Aarau oder Baden kreieren. Da haben wir eine andere Ausgangslage.

Die Strassenstruktur in Wohlen mit mehreren Einfallsachsen, die sich im Zentrum treffen, ist auch nicht förderlich.

Das ist in der Tat so. Ein Umfahrungsprojekt, welcher Art auch immer, hätte viele Herausforderungen. Nächstes Jahr startet eine neue Analyse, die den Anteil des Durchgangs- und des hausgemachten Verkehrs untersucht. Die letzte Analyse ist rund 15 Jahre alt. Die Variante der Südumfahrung ist seit 40 Jahren im Richtplan, auf kantonaler Ebene ist seither aber nichts geschehen.

Die Umfahrungen von Mellingen, Bad Zurzach oder Sins sind schon weit fortgeschritten. Wieso passiert in Wohlen noch nichts?

Auf kommunaler Ebene gab es immer wieder Begehren. Damit ist man aber nicht genügend durchgedrungen. Bisher hat man beim Kanton die Notwendigkeit wohl nicht erkannt. Dies hat sich nun geändert.

Beim ÖV sieht es ähnlich aus. Ihre Einschätzung?

Das Freiamt wird stiefmütterlich behandelt. Ein Thema ist die Anbindung ans Schnellzugsnetz und an die wirtschaftlichen Zentren. Es kann nicht sein, dass wir alle zwei, drei Jahre um die S42, die direkt nach Zürich fährt, zittern müssen.

Seit Mai hat Wohlen keinen Stützpunkt der Kantonspolizei mehr. Ist das für die viertgrösste Aargauer Gemeinde akzeptabel?

Grundsätzlich finde ich es falsch, dass der Posten nach Muri verlegt wurde. Es widerspricht allen Einsatzzahlen. Dieser Entscheid war von finanziellen Gründen getrieben. Das müssen wir akzeptieren. Das Konzept Kapo 2020 darf aber keine negativen Auswirkungen auf die Sicherheit haben.

Gibt es schon erste Folgen?

Für diese Beurteilung ist es jetzt noch zu früh. Man muss schauen, wie sich das Konzept bewährt. Der Umzug nach Muri hat in der Bevölkerung nicht zu einem besseren Sicherheitsgefühl geführt und wurde nicht goutiert.

Wie schätzen Sie das Sicherheitsempfinden in Wohlen ein?

Rein zahlenmässig geschehen wenige Vorfälle, aber jeder Vorfall ist zuviel und muss aufgeklärt werden. Die Zahlen haben sich in den vergangenen Jahren nicht markant verändert. Das Sicherheitsempfinden ist eine subjektive Angelegenheit. Jeder Mensch schätzt eine Situation anders ein. Wir müssen das subjektive Empfinden der Leute ernst nehmen.

Im Mai 2020 hat die Kantonspolizei den Stützpunkt in Wohlen aufgegeben.

Im Mai 2020 hat die Kantonspolizei den Stützpunkt in Wohlen aufgegeben.

Nora Güdemann

Fast nicht mehr ernst nehmen, kann man die Diskussion über die Einführung der Grüngutgebühr. Seit über zwanzig Jahren wird in Wohlen darüber diskutiert. Wieso gelingt keine breit abgestützte Lösung?

Es wurden schon fast alle Modelle vorgelegt. Am Ende bezahlt die Bevölkerung die Grüngutentsorgung sowieso. Entweder über die Gebühren oder über die Steuern.

Aber eine Gebühr wäre etwas verursachergerecht.

Ja, eine Gebühr wäre verursachergerechter. Die Kernfrage lautet: Wieso sagt jemand Nein zur Gebühr? Ist es tatsächlich das Gebührenmodell oder die grundlegende Ablehnung von Gebühren Wir haben mittlerweile alle möglichen Modelle vorgeschlagen, immer stiessen sie auf Ablehnung. Aktuell finanzieren wir die Grüngutentsorgung mit rund 2,5 Steuerprozenten. Das verzerrt immer die Diskussion um den Steuerfuss. Das Volk muss sich fragen: Wollen wir die Kosten via Steuern oder über Gebühren finanzieren?

In Wohlen steht es generell nicht rosig um die Finanzen. Wie sehen sie dies?

Wir haben eine extrem hohe Ausgabendisziplin. Wir betreiben die Verwaltung mit wenig Aufwand sehr effizient im Vergleich mit ähnlichen Gemeinden. Darauf bin ich stolz. Gleichzeitig haben wir einen hohen Nachholbedarf an Investitionen. Jahrzehntelang hat die Gemeinde Wohlen zu wenig investiert.

Nun müssen die heutigen Steuerzahler die Zeche bezahlen.

Ich möchte niemandem einen Vorwurf machen. Es waren immer bewusste politische Entscheide. Nun stehen einfach grössere zwingend notwendige Vorhaben auf einmal an.

Kann man als Wohler dazu überhaupt noch Nein sagen? Zum Beispiel beim 55-Millionen-Projekt Schulhaus Halde.

Natürlich kann man dies, sinnvoll ist es aber nicht. Wir haben den Auftrag, Schulraum zur Verfügung zu stellen. Günstiger wird es nicht. Das Schulhaus Halde ist der grösste Brocken. Die neue Dreifachhalle Hofmatten ist bereits im Bewilligungsverfahren. Viele Projekte sind auch eine Folge des Bevölkerungswachstums.

Das Schulhaus Halde in Wohlen soll vergrössert werden.

Das Schulhaus Halde in Wohlen soll vergrössert werden.

Walter Christen

Wohlen ist immer noch keine Stadt auf dem Papier. Wären Sie gerne Stadtammann statt Gemeindeammann?

Ich lenk meine Energie auf andere Themen, die wichtiger sind. Aber die Wahrnehmung Wohlens ausserhalb der Region wäre als Stadt sicher grösser.

Kommendes Jahr sind Wahlen. Treten Sie wieder an?

Stand heute ja. Ich bin noch sehr motiviert und habe noch einige Projekte und Vorhaben, die umzusetzen sind. Eine Legislatur ist sehr kurz, um Ziele zu erreichen. Wir haben seit 2018 diverse Projekte aufgestartet und sind erfolgreich an der Umsetzung dran. Man braucht eine gewisse Zeit, um Projekte zu erarbeiten und zu begleiten.

Wie schätzen Sie die momentane politische Kultur in Wohlen ein?

Wir haben eine sehr gute und konstruktive Art der Zusammenarbeit mit dem Einwohnerrat und den Kommissionen. Die Kommunikation und der Umgang sind von gegenseitigem Respekt geprägt. Aber das heisst natürlich nicht, dass man immer einer Meinung ist.

Nebst der Politik betreiben Sie in Ihrer Freizeit Trailrunning. Heuer sind Sie öfters nach der Grossratssitzung in Spreitenbach nach Wohlen zurück gelaufen. Wieviel investieren Sie?

Ich habe keinen Trainingsplan. Dazu fehlt mir eine strukturierte Woche. Es hängt von der Zeit ab, die ich zur Verfügung habe. Manchmal trainiere ich frühmorgens oder wie jetzt abends mit Stirnlampe. Das Laufen ist für mich ein wichtiger Ausgleich im Alltag.

Trotzdem bestreiten Sie auch Wettkämpfe.

Ja, aber ohne sportliche Ambitionen. Mein Ziel ist jeweils, einfach gesund und zufrieden das Ziel zu erreichen. Im Schnitt laufe ich sechs Wettkämpfe jährlich mit jeweils um die 100 Kilometer Länge. Die Anforderungen mit Höhenmetern sind verschieden, hauptsächlich ist es aber eine mentale Herausforderung.

Welchen Wunsch haben Sie fürs 2021?

Ich hoffe, dass sich die Coronasituation im Jahr 2021 positiv entwickelt und die Bevölkerung sich wieder ohne Einschränkungen bewegen kann. Ich stelle eine gewisse Müdigkeit der Bevölkerung fest.

In seiner Freizeit ist Arsène Perroud oft als Trailrunner in der Region unterwegs.

In seiner Freizeit ist Arsène Perroud oft als Trailrunner in der Region unterwegs.

zvg