Ringen
Das Drama von Willisau: Wieder scheitern die Freiämter im letzten Moment

Am Schluss des seltsamsten, weil stimmungslosen Mannschaftsfinals in der Ringergeschichte entglitt den Freiämtern der Titelgewinn wie im Vorjahr um einen Punkt. Willisau siegte 19:15. Damit hatte der Luzerner Titelverteidiger die 15:18-Auswärtsniederlage wettgemacht.

Wolfgang Rytz
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Während der Freiämter Reto Gisler händeringend in seine Ecke zurückläuft, jubeln die Willisauer ausgelassen über den Meistertitel.

Während der Freiämter Reto Gisler händeringend in seine Ecke zurückläuft, jubeln die Willisauer ausgelassen über den Meistertitel.

Nadia Schärli

Weelche in Drama! Der 46-jährige Leistungssportchef des Vereins, Reto Gisler, stand als letzter Ringer auf der Matte und konnte das Schicksal nicht mehr abwenden. Während die Lions jubelnd auf ihren siegreichen Helden Tobias Portmann sprangen, schrie Gisler seinen Frust in die dunkle Freiämter Ecke mit hängenden Köpfen.

Schon im ersten Kampf zeichnete sich ab, dass Freiamt an diesem Abend keinen einzigen Mannschaftspunkt geschenkt erhalten wird. Statt des erwarteten Startsieges fand Freistilringer Nils Leutert kein Greco-Rezept gegen den körperlich stärkeren Timon Zeder, der innert Wochenfrist 4 kg abgehungert hatte. Die 1:3-Niederlage läutete eine ernüchternde erste Hälfte ein. Als negativer Höhepunkt mussten sich die Schwergewichter Roman Zurfluh und Christian Zemp von Willisaus internationalen Spitzenringern Stefan Reichmuth und Samuel Scherrer auspunkten lassen. Obwohl die Freiämter Leichtgewichter Nino Leutert und Michael Bucher ihr Soll erfüllten, hatte Willisau bereits zur Pause mit 11:7 den Rückstand aus dem Hinkampf korrigiert.

Die Aufgabe für die Aargauer Gäste, mindestens einen Punkt wettzumachen, schien trotzdem lösbar. Das Team von Trainer Marcel Leutert war in den verbleibenden fünf Einzelkämpfen dreimal Favorit. Diese Rechnung ging auf. Doch die drei Erfolge fielen zu wenig hoch aus, und die letzten zwei Kämpfe sorgten wieder für die Differenz zur Pause.

Grosse Chancen erarbeitet – und dann vergaben

Nerven brauchten die Freiämter Anhänger zu Hause an den Bildschirmen bereits bei Magomed Aischkanow. Der Russe lag gegen Willisaus Ungaren Gergely Gyurits zuerst in Rückstand, lieferte dann aber dank seiner technischen Klasse den geforderten, klaren Punktesieg ab. Damit verkürzten die Gäste auf 10:12. Randy Vock winkte die erste Chance, sein Team auf Meisterkurs zu bringen. Bis 18 Sekunden vor Abpfiff führte er 5:0, dann gelang Kaderjunior Mansur Mavlaev eine Zweierwertung, die Freiamt zwei Mannschaftspunkte kostete. «Da bin ich selber schuld, ich hätte weiter Gas geben müssen, statt nur den Vorsprung zu verteidigen», zeigte sich der EM-Medaillengewinner von 2019 selbstkritisch.
Marc Weber bot sich die nächste Möglichkeit, Freiamt in Meisterpokalnähe zu (b)ringen. Er führte mit kräfteraubendem Einsatz 6:0, dann gelangen Michael Portmann zwei Einerwertungen, die den Aargauern erneut zwei Mannschaftspunkte kosteten.

Beim Teamstand von 14:14 herrschte in der gespenstisch leeren BBZ-Halle für die letzten zwei Duelle auf der Matte High Noon. Nach zwei klaren Niederlagen in der Qualifikation ging der körperlich unterlegene Olympionike Pascal Strebel gegen Jonas Bossert als Aussenseiter in den Kampf. Doch mit seiner Routine drehte er einen 0:3-Rückstand auf 4:3. Dann nützte Bossert eine zu offensive Aktion Strebels zu einem Standwurf. Freiamt beklagte vergeblich, dass der Willisauer die Kampffläche bereits verlassen hatte. Bossert siegte 7:4, und den Gästen entglitten zum dritten Mal hintereinander zwei Mannschaftspunkte.

Für Reto Gisler stellte sich zuletzt die Herkulesaufgabe, gegen den aufstrebenden Willisauer Tobias Portmann nur eine knappe Punkteniederlage zuzulassen. Doch der weniger als halb so alte Luzerner zeigte sich abgebrüht und lieferte exakt den nötigen 5:0-Sieg ab, womit die erfolgreiche Titelverteidigung feststand und in der roten Ecke alle Dämme brachen.

"Wir haben unsere Matchbälle nicht verwertet"

Marcel Leutert brauchte ein paar Minuten und alkoholische Tranksame, bis er das Unfassbare akzeptierte. Erst haderte er mit den Greco-Entscheidungen des Kampfrichtertrios, gestand dann aber ein: «Wir haben als Team verloren, weil wir unsere Matchbälle nicht verwerteten.»