In der Bremgarten-Dietikon-Bahn (BDB) von Dietikon nach Wohlen sitzen abends – zur Hauptverkehrszeit und in Gegenrichtung zum ausgelassenen, lauten Kanti-Verkehr – viele einzelne Menschen, die von der Arbeit kommen. Sie sind selten in Gruppen, viel eher alleine unterwegs. Sie wollen ihre Ruhe haben, grenzen sich ab, bauen papierene oder musikalische Schutzwälle um sich auf und vermeiden Augenkontakt. Die meisten sind allein und wollen das auch bleiben. Ich finde das grundsätzlich nicht negativ, denn ich mache es nicht anders.

Doch wer ein kleines Bisschen aufmerksam ist, nur ein winziges Bisschen, gerade so, dass es keinen um ihn herum in seinem Alleinsein stört, der erfährt dennoch ab und zu etwas Spezielles. Ich sage nicht, dass es das sonst nirgends gibt. Pendler auf allen Routen werden es kennen. Doch ich verbinde dieses Gefühl mit einer speziellen Strecke. Und für mich hat es auch einen Namen. Es ist das «BDB-Gefühl».

Am Freitagabend, als ich zurück nach Wohlen fahre, spüre ich es ganz deutlich. Ich bin allein. Die Menschen um mich herum auch. Fast niemand spricht. Es ist wohltuend. Ich steige ein, entdecke einen freien Platz neben einer jungen Dame und frage, ob hier noch frei ist. Natürlich müsste man die Frage nicht stellen, die Frau sitzt hier offensichtlich alleine. Doch ich mag die Frage, also stelle ich sie. Die junge Dame schaut kurz von ihrem Handy auf und sagt nickend «ja». Ich setze mich und grenze mich ebenfalls sofort ab – mein Schutzwall besteht aus gut 1000 Seiten Fantasy-Literatur, von denen ich noch knapp 200 vor mir habe. Doch ich habe erst wenige Minuten gelesen, als die junge Frau neben mir ihr Handy wegsteckt und stattdessen ebenfalls einen dicken Wälzer aus ihrer Tasche kramt. Ich schaue mir kurz den Buchdeckel an – wir haben einen ähnlichen Geschmack – und lächle. Ohne sie anzusehen, merke ich, dass die Frau neben mir sich über meine Reaktion freut. Also lesen wir. Allein und doch gemeinsam. Wir haben fast denselben Leserhythmus, immer blättert sie um, kurz darauf blättere ich. Ein angenehmes Gefühl, das uns nichts von unserem Alleinsein nimmt, uns aber dennoch ein wenig verbindet – von Dietikon bis Bremgarten.

Denn in Bremgarten müssen wir umsteigen. Nur der vordere Teil des Zuges fährt nach Wohlen weiter, während wir im hinteren Wagen sitzen, der ganz dem Namen Bremgarten-Dietikon-Bahn entsprechend in Bremgarten bleibt. Hier endet unsere unausgesprochene, geheime Zweisamkeit, unsere Lese-Schwesternschaft.

Ich steige aus und gehe vor zum vorderen Zugteil. Pendler, die am Bahnhof gewartet haben, sind bereits eingestiegen. Der Letzte von ihnen, ein junger Mann, schaut zurück zu uns Umsteigern. Ich registriere seinen Blick lediglich und denke mir nichts dabei. Als ich mich der Tür nähere, fiept sie in ihren gewohnt penetranten Piepstönen, die anzeigen, dass sie sich in wenigen Sekunden schliessen wird. Doch dann hört das Fiepen plötzlich auf und sie bleibt offen. Ich erkenne den jungen Mann und entdecke, dass er mit seinem Kickboardhandgriff den Türöffnerknopf gedrückt hält. Für die völlig fremden Pendler aus dem hinteren Wagen, die etwas langsamer sind, aber noch mitfahren wollen. Ich muss über die freundliche Geste des jungen Mannes lächeln und bedanke mich bei ihm. Ich bin bereits fast an ihm vorbei, so können wir uns nicht in die Augen schauen, als er «bitte» sagt. Aber das tut man unter Pendlern schliesslich auch nicht. Denn wir sind allein unterwegs und wollen das ja nicht ändern. Und dennoch bleibt das kleine Lächeln noch einen Moment auf meinen Lippen. Niemand sieht es, denn niemand interessiert sich dafür. Doch es ist das Zeichen. Das beinahe unsichtbare Zeichen für mein «BDB-Gefühl».