Freiamt

«Das abgestorbene Gras ist ganz rot»: Anwohner empört sich wegen Unkrautvertilger über Landwirt

Spaziergänger fragen sich, ob dieses Feld legal mit Pestiziden gespritzt wurde.

Spaziergänger fragen sich, ob dieses Feld legal mit Pestiziden gespritzt wurde.

Ein Landwirt im Freiamt hat Wiesen mit Unkrautvertilger behandelt. AZ-Leser fragen sich, ob er das überhaupt darf.

«Das darf nicht wahr sein. Da hat ein Bauer zwei grosse Wiesen mit Herbizid behandelt und nachher Mais angesät. Das abgestorbene Gras ist ganz rot.» – Der AZ-Leser war empört über das Vorgehen des Landwirts in einer Freiämter Gemeinde und bat die Zeitung, der Sache nachzugehen. Was ihn besonders empört: «Ich habe gehört, dass der Bauer für sein Vorgehen noch Bundesbeiträge bekommt. Ist so etwas in der heutigen Zeit tatsächlich möglich? Auch die Landwirtschaft sollte angesichts der jüngsten Berichte über Chemie-Rückstände im Grundwasser doch sensibilisierter sein und auf solche Aktionen verzichten.»

Der Bauer, das haben die Abklärungen der AZ ergeben, hat sich keineswegs falsch verhalten. Im Gegenteil: Sein auf den ersten Blick nicht eben natur­nahes Vorgehen wird vom Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) sogar ausdrücklich empfohlen und deshalb sogar mit einem (kleinen) Bundesbeitrag unterstützt.

Direktsaat statt Pflügen ist gut für den Boden

Die Sache ist komplex: Wenn ein Bauer im Sinne einer nachhaltigen Bewirtschaftung die Fruchtfolge von – beispielsweise – Gras auf Mais wechselt, kann er das Feld umpflügen. Damit stirbt das Gras ohne den Einsatz von Herbiziden auf natürliche Weise ab. Doch mit dem Pflügen wird nicht nur die Bodenstruktur durcheinandergebracht. Die Methode kann auch die Erosion des Bodens fördern und so den Humusgehalt verringern. Bei der Direktsaat wird nicht gepflügt, sondern das neue Saatgut – im beschriebenen Fall Mais – mit einem maschinellen Verfahren in den Boden gebracht. Dazu ist allerdings der Einsatz von Herbizid nötig, weil sonst das Gras weiterwachsen und so die Entwicklung der neuen Saat massiv beeinträchtigen würde.

In einem Merkblatt wird die Direktsaat vom BLW ausdrücklich empfohlen: «Durch die reduzierte Bodenbearbeitung nimmt der Humusgehalt im Oberboden zu, die Bodenstruktur und die biologische Aktivität werden gefördert und der Boden verfügt über eine bessere Speicherkapazität von pflanzenverfügbarem Wasser.» Studien würden belegen, so das BLW weiter, dass auf Flächen mit Direktsaat eine durchschnittliche Erosionsminderung von 86% erreicht werden könne. Weiter sinke bei dieser Methode der Dieselverbrauch, weil das Feld weniger befahren werden müsse. Ein weiterer Vorteil sei zudem ein verminderter Stickstoffverlust, das heisst, die Nitrateinträge in den Boden würden geringer.

Unkrautbekämpfung als Herausforderung

Das BLW sieht aber auch die heikle Seite dieser Methode: «Die damit verbundene erschwerte Unkrautbekämpfung ist eine Herausforderung. Zur Reduktion des Herbizideinsatzes bestehen daher flankierende Massnahmen in der Direktzahlungsverordnung.» Die Menge an Herbizid, welches eingesetzt werden dürfe, sei streng li­mitiert und zudem werde empfohlen, die pfluglosen Anbauverfahren nur auf «geeigneten ­Parzellen mit geringem Unkrautdruck» anzuwenden. Mit zusätzlichen Beiträgen fördert das Bundesamt zudem die gänzlich herbizidlose Bewirtschaftung.

Ralf Bucher, der Geschäftsführer vom Bauernverband Aargau, hat ein gewisses Verständnis für den AZ-Leser, der sich über die «rote Wiese» ärgert und findet, der Bauer hätte zumindest das Gras noch mähen können, bevor er die Wiese mit Herbizid behandelt hat: «Der Entscheid über die jeweilige Anbaumethode ist für die Landwirte nicht einfach. Arbeiten wir möglichst bodenschonend, oder pflügen wir und verzichten dabei gänzlich auf Spritzmittel.» Für Laien, sagt er weiter, sei der Herbizideinsatz natürlich schwer nachvollziehbar und stosse deshalb auf Kritik. Doch: «Die Mengen sind streng limitiert und bei richtiger Anwendung werden die eingesetzten Mittel auch abgebaut.» Das, erklärt Bucher weiter, sei wohl auch der Grund, warum der Bauer im beschriebenen Fall das Gras vor der Direktsaat nicht gemäht habe: «Damit belässt er die im Gras vorhandenen Nährstoffe auf dem Feld und muss sie nicht nachträglich wieder in Form von Düngemitteln einbringen.»

In Hanglagen mache die Direktsaat durchaus Sinn

Bucher selber wendet auf seinem Hof in Mühlau das Direktsaat-Verfahren nicht an. Er pflügt und verzichtet dabei konsequent auf Herbizide: «Bei uns geht das, weil die Felder flach sind und die Gefahr einer Bodenerosion deshalb gering ist. In Hanglagen, wie im beschriebenen Fall, macht die Direktsaat aber durchaus Sinn, auch wenn dabei Herbizid eingesetzt werden muss.» Allgemein findet Bucher, bewege sich die Landwirtschaft in die richtige Richtung: «Wir suchen laufend nach Wegen, wie wir den Einsatz von chemischen Mitteln minimieren können. In dieser Beziehung ist in den letzten Jahren bereits viel passiert.»

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Autor

Toni Widmer

Toni Widmer

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