883 Schulpflegerinnen und Schulpfleger gibt es aktuell im Kanton Aargau. Seit Beginn der Amtsperiode 2014 bis 2017 haben bereits rund 100 von ihnen den Rücktritt eingereicht – das ist jeder Neunte.

Auch im Freiamt gab es Demissionen. 26 von 179 Schulpflegemitgliedern sind in der laufenden Amtsperiode bisher zurückgetreten. Zum Beispiel in Waltenschwil, Jonen, Arni, Zufikon, Widen, Aristau, Büttikon, Niederwil, Rudolfstetten, Bettwil, Muri und in Beinwil. Warum diese Häufung von Rücktritten in der Schulpflege?

Die hohe Fluktuationsrate ist keine neue Entwicklung. So sagt Martin Süess, Leiter des Rechtsdienstes in der Abteilung Gemeinden beim Kanton Aargau: «Wir erfassen die Rücktritte nun seit drei Jahren und haben keinen signifikanten Anstieg bemerkt. Aber es ist schon so, dass es in den Schulpflegen mehr Rücktritte gibt als in Gemeinderäten.» Ungefähr 80 Demissionen pro Jahr seien normal. Eine Erklärung dafür hat er nicht, aber eine Vermutung: «Vielleicht hängt es mit dem Milizsystem und der erhöhten Belastung zusammen.»

Die Arbeitgeber sind gefordert

Franco Corsiglia, Präsident der Schulpflege Wohlen und der Vereinigung Aargauer Schulpflegepräsidenten, stützt diese Mutmassung. «Die Arbeitsbelastung und die Anforderungen sind gestiegen. Die Schulpflege ist zum strategischen Führungsorgan geworden.»

Es brauche Kenntnisse in Finanz-, Personal- und Didaktikfragen. Hinzu komme, dass die meisten das Nebenamt Schulpflege mit ihrem Haupterwerb vereinbaren müssten. «Da sind auch die Arbeitgeber gefordert», sagt Corsiglia.

Leider sei die Wirtschaft oft nicht bereit, gesellschaftliches Engagement zu fördern: «Früher wurde man gelobt, wenn man etwas für die Allgemeinheit macht. Heute sehen es die Unternehmen nicht mehr so gerne.»

Matthias Jauslin, ehemaliger Wohler Gemeinderat und Präsident der FDP Kanton Aargau, stimmt Corsiglia zu: «Natürlich ist die Wirtschaft gefordert, auch gesellschaftliches Engagement wieder mehr zu fördern.»

Aber es müsste vermehrt ein Geben und Nehmen sein. «Wenn ein Unternehmer das Gefühl hat, er werde nur geschröpft, ist auch klar, dass er den Dienst an der Gesellschaft weniger unterstützt.» Aber alles nur auf die Unternehmer und die hohe Belastung zu schieben, wäre zu einfach gedacht.

Zu wenig Vorbereitung?

Franco Corsiglia ärgert sich auch über die Selektion der Parteien: «Die Auswahl der Kandidaten ist manchmal fragwürdig.» Vielfach würde kurz vor den Wahlen noch jemand überredet. Wenn die Arbeit dann begänne, würden viele der Gewählten erschrecken, was dieser Job eigentlich mit sich bringe.

«Ich würde mir eine fundiertere Auswahl der Kandidaten wünschen: Ein Workshop, an dem die Schulpfleger erklären, was das Amt mit sich bringt», sagt Corsiglia. «Dann würden die Rücktritte weniger.»

Matthias Jauslin sieht zwar Corsiglias Kritik, relativiert aber: «Das Problem liegt tiefer», sagt er. Leider fehle je länger, je mehr der Wille, sich für öffentliche Ämter zur Verfügung zu stellen und damit Verantwortung für die Allgemeinheit zu übernehmen.

Viele Bürgerinnen und Bürger möchten sich auch nicht einer politischen Ausrichtung verpflichten. Dadurch fehle es aber an der wichtigen politischen Auseinandersetzung mit einem Amt.

Beide sagen: Ohne die unzähligen Stunden Freiwilligenarbeit würde unser Zusammenleben nicht funktionieren. «Es ist elementar, dass wir wieder mehr Gemeinschaftssinn entwickeln», sagt Jauslin. Oder: weniger Egoismus.